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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Anarchokapitalismus

Von Felix Bartels
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Auf diesem Bild können Sie die Charaktermaske des Kapitals erkennen

Der Auftrieb Javier Mileis hat ein Schlagwort in die Medien gespült. Die Rede ist vom Anarchokapitalismus. Das Kompositum setzt sich aus zwei Worten zusammen: Anarchie und Kapitalismus. Man wird auf beide Teile dieselbe Aufmerksamkeit legen müssen.

Anarchokapitalismus bezeichnet eine affirmative Ideologie, eine bestimmte Vorstellung davon, wie Kapitalismus zu regeln oder vielmehr: nicht zu regeln sei. Die bewegt sich, je nach Vertreter, zwischen der Forderung nach möglichst wenigen und der nach gar keinen Eingriffen ins wirtschaftliche Geschehen. »Anarcho« will also nicht sagen, dass Kapitalismus selbst frei von Herrschaft sei, sondern dass keine Herrschaft über ihn ausgeübt werde. Kritisiert wird der Begriff vor allem seitens anarchistischer Ideologen, die sich ihren (affektiv besetzten) Begriff der Anarchie nicht nehmen lassen wollen. Ihre Kritik allerdings arbeitet mit demselben Ideologem wie die Staatskritik der Anarchokapitalisten.

Festzuhalten wäre zunächst, dass kapitalistische Produktion stets anarchischen Charakter besitzt. Nämlich in dem Sinne, dass Warenproduktion durch die Aufspaltung der gesellschaftlichen Produktion in »voneinander unabhängig(en) Privatarbeiten« (Marx) entsteht. Kapitalismus für sich funktioniert anarchisch, und Anarchokapitalisten fordern eben diesen Zustand: sein freies Regiment. Anarchisten wiederum glauben an seine Überwindung durch Rückbau in seine Ausgangslage. Wie jene wollen sie ihn pur, nur dass sie glauben, er könne damit erledigt sein. Überwinden lässt sich das Kapitalverhältnis aber nur durch Bildung einer höheren Instanz, die die Atomisierung der Produktion in ein organisches Gesamtgefüge überführt, seine wilde Dynamik kontrollierend und sozialen Ausgleich herstellend, wofür es zwei Voraussetzungen braucht: Volkseigentum und zentrale Planung. Mit anderen Worten: staatliche Herrschaft über die Produktion.

Das Argument, Kapitalismus könne nicht anarchisch sein, weil in ihm Herrschaft ausgeübt wird, übergeht seinen paradoxen Charakter. Kapitalismus ist Herrschaft und Anarchie zugleich, ist anarchische Herrschaft bzw. Herrschaft der Anarchie. Anarchie wiederum ist behauptete Abwesenheit von Herrschaft, tatsächlich aber deren Anwesenheit bei Abwesenheit einer Instanz, die über diese Herrschaft herrscht. Anarchisten erweisen sich damit als Ideologen, die an Freiheit glauben und freie Wildbahn fordern. Beiden, ­Kapitalismus und Anarchismus, wohnt die nämliche Paradoxie inne.

Und kaum zufällig. Als Ideologie spiegelt Anarchismus den Charakter der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und wird zu dessen primitivster Apologie. Bei diesem Grad der Abreicherung kann er nicht mehr denn Karikatur sein: Im Traum vom friedlichen Nebeneinander freier Produzenten – einem »Produkt der Verzweiflung« (Lenin) – wird das Kapitalverhältnis verklärt. Das allzu oft bemühte Wort »kleinbürgerlich« trifft hier tatsächlich mal zu. Man will die elementaren Verhältnisse des Kapitalismus, aber nicht deren naturläufige Auswüchse. Will, durchaus ­rousseauistisch, die Zeit zurückdrehen in der Hoffnung, dass Akkumulation, Kapital­bildung, Lohnabhängigkeit diesmal ausbleiben.

Und hält den Glauben lebendig, dass es erst eines Staates bedurft hat, damit Herrschaft unter die Leute kommt. Aber der Staat bringt Herrschaft nicht hervor, er gibt ihr eine Form. Die chaotische Dynamik allgegenwärtiger Herrschaft, gegeben bereits durch jegliches Miteinander von Menschen, wird in einem Apparat domestiziert, der wenigstens die Möglichkeit einer Art Befriedung bereitstellt. Aus eben diesem Grund lehnen Anarchokapitalisten staatliche Macht ab. Sie wollen die ihre nicht beeinträchtigt sehen durch die einer höheren Instanz. Sie überführen anarchistische Naivität, die sich den Kapitalismus in einem rückgewandten Märchen schön fabuliert, in Zynismus.

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