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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
Klimawandel

Weiter Kohle mit Kohle

Die allmähliche Umrüstung des Energiesektors wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt
Von Wolfgang Pomrehn
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Verschönern weiter die Landschaft: Kohlekraftwerke

Die Bundesregierung hat sich am Wochenende auf eine neue Kraftwerkstrategie geeinigt. Der Bau neuer Gaskraftwerke soll gefördert werden. Das verwundert, denn eine der großen Quellen für Treibhausgase ist die Verbrennung von Kohle und Erdgas in den Kraftwerken. Zwar wurde im ersten Halbjahr 2024 knapp 57 Prozent des deutschen Bedarfs von Sonne, Wind und Co. gedeckt – ein neuer Rekord. Aber noch immer werden in der Lausitz und im Rheinland für Braunkohle Dörfer zerstört und die Mondlandschaften des Tagebaus weiter ausgeweitet.

Erdgas verursacht im Vergleich zu Stein- und Braunkohle zwar deutlich weniger CO2 pro erzeugter Kilowattstunde, aber nur, wenn die Emissionen bei seiner Förderung und bei seinem Transport nicht eingerechnet werden. Besonders beim sogenannten Fracking entweicht viel Methan, was der Hauptbestandteil des Erdgases und zugleich ein besonders potentes Treibhausgas ist. Das seit neuestem über die neuen Flüssiggasterminal aus den USA eingeführte Erdgas wird größtenteils mit dem auch jenseits des Atlantiks hochumstrittenen Fracking gefördert.

Dessen ungeachtet plant die Bundesregierung neue Gaskraftwerke auszuschreiben. Die eine Hälfte soll die Verpflichtung haben, nach acht Jahren auf Wasserstoff umzusteigen, die andere dazu zumindest in der Lage sein. Des Weiteren soll die Umrüstung alter Kraftwerke und der Bau neuer gefördert werden, die sofort mit Wasserstoff betrieben werden können. Argumentiert wird damit, dass die Versorgung auch in Zeiten sogenannter Dunkelflauten gesichert sein muss, wenn im Winter länger anhaltende Hochdrucklagen für bedeckten Himmel und das Einschlafen des Windes sorgen.

Die große Frage bleibt, ob es ausreichend Wasserstoff gibt und wie der produziert wird. Nur wenn man ihn in Zeiten des Überangebots per Elektrolyse aus Wind- oder Solarstrom erzeugt, werden Wasserstoffkraftwerke klimaneutral arbeiten. Es soll aber auch sogenannter blauer Wasserstoff zugelassen werden. Der wird aus Erdgas gewonnen, wobei ein hoher Anteil an CO2 freigesetzt wird. Damit der Wasserstoff das Etikett blau bekommt, müsste dieses CO2 aufgefangen und im Untergrund eingelagert werden. Allerdings ist die entsprechende Technik hierzulande nicht vorhanden und erprobt. Außerdem ist das Verfahren hochumstritten.

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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren. Denn nicht allen lernen die junge Welt kennen, da durch die Beobachtung die Werbung eingeschränkt wird.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (9. Juli 2024 um 22:49 Uhr)
    Die Technologie als solche, blauen Wasserstoff mittels CCS herzustellen, ist (auch hierzulande) schon vorhanden. Erprobt ist CCS weltweit und gescheitert sind 90 Prozent aller Projekte. Die nicht gescheiterten Projekte leiden allerdings auch unter massiven Problemen und kaufen teilweise Emmissions-Zertifikate, um die nicht erreichte Abscheidungs- und Endlagerungsziele zu kompensieren. Insofern sollte man von einem gescheiterten und nicht von einem umstrittenen Verfahren sprechen. Der grüne Mainstream redet nicht gerne über Wirkungsgrade, über irreversible (thermodynamische) Prozesse auch nicht, aber vom Markt, der alles regelt. Beim Wasserstoff – welcher Farbe auch immer – schaut’s da halt mau aus. 60 Prozent Wirkungsgrad bei der Elektrolyse, Verluste beim Transport und der Speicherung? 50 Prozent Wirkungsgrad bei der Verwandlung von Wasserstoff in Strom. Sprich: Um 1 kWh Strom aus Wasserstoff zu erzeugen, braucht man 3,3 kWh Strom (mindestens). Na ja, die Experten gehen von steigenden Wirkungsgrade in der Zukunft aus, die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Die deutschsprachige Dokumentenlage zu CCS ist sehr dünn, der Evaluierungsbericht der Bundesregierung zum Kohlendioxid-Speicherungsgesetz (KSpG) unterschlägt schlicht und einfach die Menge der gescheiterten CCS-Projekte weltweit und die Argumente der internationalen Kritiker. Eine gute Zusammenfassung der Problematik (mit vielen Quellenangaben) findet man hier: https://isw-muenchen.de/online-publikationen/texte-artikel/5248-der-bundeskabinetts-beschluss-zu-kohlendioxid-speicherung-ccs-ein-umwelt-holzweg Zur »CO2-Speicherung« findet man eine gute Gesamtübersicht auf der Seite des niedersächsischen LBEG: https://www.lbeg.niedersachsen.de/energie_rohstoffe/co2speicherung/co2-speicherung-935.html. Daraus ein Zitat: »In Niedersachsen besteht deshalb aus Sicht des LBEG auf Grund der komplexen geologischen Verhältnisse und der Vielzahl von verfüllten Altbohrungen bei großflächiger Druckbeaufschlagung eines salinaren Aquiferes keine realistische Chance für eine umfassende großflächige Beschreibung und einen dAauerhaften Dichtheitsnachweis für einen CO2-Speicherkomplex.« Diese Aussage bezieht sich wohl auf den Onshore-Bereich in Niedersachsen. Betrachtet man den Nordseeboden im Ganzen, ähnelt er eher einem Sieb. Herr Wallman, der sich sehr für CO2-Verklappung in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftzone einsetzt, betont deshalb immer und sehr stark, dass die Bohrlochdichte in dieser Zone nicht so hoch ist wie in denen der Nachbarländer …

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