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Aus: Ausgabe vom 08.07.2024, Seite 12 / Thema
Türkische Außenpolitik

Dem Süden zugewandt

Seit Jahren baut die Türkei ihr wirtschaftliches und militärisches Engagement in Afrika aus. Das geschieht trotz antikolonialer Rhetorik auch im Interesse des Westens
Von Tim Krüger
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In Somalia unterhält die Türkei seit 2017 auch eine Militärbasis. Erdoğan-Fans in Mogadischu (29.5.2023)

Am 18. März kommt es in der südsomalischen Region Shabeellaha Hoose in der Nähe des kleinen Dorfes Bagdad zu Feuergefechten zwischen somalischen Sicherheitskräften und Kämpfern der islamistischen Al-Schabab-Miliz. Das Küstengebiet gilt als eine der Hochburgen der Dschihadisten und ist immer wieder Schauplatz heftiger bewaffneter Auseinandersetzungen. Gegen 19.30 Uhr zerstört ein erster Drohnenschlag ein Moscheegebäude. Aus Angst vor weiteren Angriffen aus der Luft flüchtet eine Gruppe von Dorfbewohnern in einen nahegelegenen Bauernhof. Nur kurze Zeit später trifft eine Rakete die Farm. Als weitere Anwohner zu Hilfe eilen, um die Überlebenden zu bergen, reißt ein zweiter Einschlag viele weitere in den Tod. Mindestens 23 Zivilisten, darunter 14 Kinder, verlieren laut Amnesty International an diesem Abend ihr Leben. Die Fragmente der Geschosse stammen, wie die Menschenrechtsorganisation als Ergebnis einer Recherche im Mai auf ihrer Website veröffentlicht hat, von einer türkischen MAM-L-Gleitbombe.

Das 22 Kilogramm schwere Geschoss ist Teil einer Reihe von gelenkten beziehungsweise »intelligenten« Bomben (MAM – Mini Akıllı Mühimmat, deutsch: Intelligente Miniaturmunition), die der Hersteller Roketsan eigens für die türkische Drohnenflotte entwickelt hat. Abgefeuert wurde die tödliche Fracht vermutlich von einer türkischen »Bayraktar-TB2«-Drohne. Die Türkei hat sich seit den 1990er Jahren an mehreren Interventionen in Somalia beteiligt und unterhält seit 2017 einen eigenen Militärstützpunkt in Mogadischu. Spätestens seit 2022 greifen die türkischen Streitkräfte mit Drohnenschlägen auch selbst aktiv auf der Seite der somalischen Regierung in den Kampf gegen die islamistische Al-Schabab-Miliz ein. Auch wenn es als gesichert gilt, dass der fatale Angriff mit türkischen Drohnen und der dazugehörigen Munition ausgeführt wurde, kann nicht abschließend festgestellt werden, ob es somalische oder türkische Soldaten waren, die den Abschussknopf drückten.

Exportschlager Drohne

Türkische Drohnen haben sich in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Exportschlager auf dem afrikanischen Kontinent entwickelt. Für die Modelle »Bayraktar TB2«, »Aksungur« und »Anka-S« wurden mit 15 afrikanischen Staaten Lieferverträge abgeschlossen. Zum Teil wurden die Drohnen bereits geliefert. Doch Somalia befindet sich bis dato zumindest offiziell nicht unter den Empfängern. Gegenüber den Vereinten Nationen, die im Jahr 2022 untersuchen ließen, ob die Türkei mit Drohnenlieferungen gegen das Waffenembargo in Somalia verstoßen hat, erklärten türkische Verantwortliche, dass man keine Drohnen ausgeliefert habe, sie aber selbst »im Kampf gegen den Terrorismus in Somalia« einsetze. Auch der damalige somalische Innenminister Ahmed Malin Fiqi erklärte, dass es türkische Kräfte seien, die die Drohnen flögen, während die somalischen Streitkräfte lediglich die militärische Aufklärung leisteten.

Das türkische Engagement in Somalia hat sich innerhalb von mehr als einem Jahrzehnt stetig erweitert und muss im Kontext des wachsenden türkischen Einflusses auf dem afrikanischen Kontinent betrachtet werden. Insbesondere seit dem Amtsantritt von Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2002 lässt sich von einer regelrechten Offensive der Türkei in Afrika sprechen. Der Kontinent ist heute so heiß umkämpft wie lange nicht mehr. Nicht zuletzt die Serie antiwestlicher Militärputsche in den westafrikanischen Ländern hat die Kräftegleichgewichte auf dem Kontinent radikal verändert. Neue aufstrebende Mächte wie die Russische Föderation, die Volksrepublik China, aber auch Indien haben in den vergangenen Jahrzehnten ihren Einfluss politisch, ökonomisch und vereinzelt auch militärisch ausgebaut und die vormaligen europäischen Kolonialmächte, allen voran Frankreich, zurückgedrängt. Doch auch die Türkische Republik ist, wenngleich oft unbeachtet, ein nicht zu unterschätzender Akteur auf dem afrikanischen Kontinent.

Im Gegensatz zu den alten europäischen Mächten besitzt die Türkei den entscheidenden Vorteil, in weiten Teilen des Kontinents nicht mit dem Odium der Kolonialherrschaft behaftet zu sein. Zwar erstreckte sich das Osmanische Reich bis an die Nordküste Afrikas und umfasste auch Gebiete des heutigen somalischen Territoriums, doch in vielen Teilen des Kontinents stellt die Türkei ein bis dato unbeschriebenes Blatt dar. Während man vor allem in den arabischen Staaten Nordafrikas einem verstärkten türkischen Engagement mit gemischten Gefühlen begegnet, begrüßte der somalische Verteidigungsminister Abdulkadir Mohammed Nur Berichten zufolge bei einem Treffen mit türkischen Offiziellen im Februar dieses Jahres eine verstärkte türkische Präsenz in der Region und zog einen historischen Vergleich. »Wir waren stolz darauf, die osmanische Marine gegen die portugiesischen Schiffe auf unsrer Seite gehabt zu haben.« Nur nahm damit Bezug auf eine Reihe von Auseinandersetzungen zwischen dem Osmanischen und dem portugiesischen Reich, in deren Folge Portugal seine Kolonialpläne am Horn von Afrika aufgeben musste.

Die türkischen Ambitionen in Afrika reichen bis weit in die 1990er Jahre zurück. Mit einem im Jahr 1998 verabschiedeten »Aktionsplan zur Öffnung Afrikas« sollte der Kontinent mit konzertierten Anstrengungen auf diplomatischer, kultureller, wirtschaftlicher und militärischer Ebene für die Türkische Republik erschlossen werden. Dabei setzte die türkische Außenpolitik in Afrika in den vergangenen gut 20 Jahren der AKP-Herrschaft vor allem auf den Einsatz von »Soft Power«. Nicht vorrangig durch den Einsatz ökonomischer und militärischer Machtmittel, sondern vor allem durch Entwicklungshilfe, wirtschaftliche Investitionen, Stipendien und Ausbildungsprogramme, religiöse und kulturelle Stiftungen sowie Sprachinstitute sollte der türkische Einfluss auf dem Kontinent ausgebaut werden. Laut Angaben des Geschäfts- und Wirtschaftsforum Türkei–Afrika (TABEF) hat die Türkei seit 1992 mehr als 8.000 Stipendien für Studierende und Doktoranden aus Afrika vergeben, mehr als 5.400 Studierende würden derzeit an türkischen Hochschulen ausgebildet. Rund 200 Nachwuchsdiplomaten afrikanischer Staaten sind seit den 1990er Jahren an der Diplomatischen Akademie des türkischen Außenministeriums geschult worden.

Elitenförderung

Durch die gezielte Förderung zukünftiger Eliten aus staatlicher Verwaltung, diplomatischem Apparat und Wirtschaft soll der türkische Einfluss in den afrikanischen Ländern ausgebaut werden. Die Ergebnisse dieser Anstrengungen schlagen sich schon jetzt in den türkisch-afrikanischen Handelsbilanzen nieder. So konnte das Gesamtvolumen des bilateralen Handels zwischen der Türkei und dem afrikanischen Kontinent zwischen 2003 und 2022 von 5,4 Milliarden US-Dollar auf 40,7 Milliarden US-Dollar jährlich gesteigert werden, und auch Turkish Airlines, die nationale Fluggesellschaft der Türkei, konnte ihre Flugziele auf 62 Städte des Kontinents erweitern. Türkische Firmen arbeiten derzeit an Infrastruktur- und Bauprojekten im Auftragswert von 85 Milliarden US-Dollar. Im Einklang mit dem erklärten Ziel, in jedem afrikanischen Land eine diplomatische Mission zu eröffnen, konnte das türkische Außenministerium die Zahl der Botschaften auf dem Kontinent seit 2003 von zwölf auf insgesamt 44 erhöhen. Neben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı, die nicht nur Auslandskorrespondenten in zahlreichen afrikanischen Ländern beschäftigt, sondern auch die Zahl ihrer Büros und Niederlassungen auf dem Kontinent signifikant erhöht hat, eröffnete der staatliche Fernsehkanal TRT als TRT Africa im Jahr 2023 einen eigenen auf die afrikanische Öffentlichkeit spezialisierten Fernsehkanal, der auf englisch, französisch, hausa und suaheli sendet.

Ergänzt werden die türkischen Anstrengungen durch eine ganze Reihe von staatsnahen Nichtregierungsorganisationen wie der religiösen »Stiftung für humanitäre Hilfe« (İHH). Die Maßnahmen reichen von Brunnenbau, Stipendienvergabe und Aufbau wie Finanzierung von Schulen bis hin zu Lebensmittellieferungen. Während sich das türkische Engagement in den meisten afrikanischen Ländern auf Maßnahmen und Mittel der »Soft Power« sowie den Export türkischer Industrieprodukte einschließlich hochmoderner Kampfdrohnen beschränkt, stechen Somalia und Libyen als Sonderfälle heraus. In beiden Ländern hat sich die Türkei in den vergangenen Jahren auf eine wesentlich direkterer Art und Weise eingemischt und ist auch vor einem militärischen Eingreifen in die Konflikte nicht zurückgeschreckt. Dabei profitierte die Türkei von den jeweiligen Krisen und Konflikten und nutzte sie, um die eigene Stellung in den genannten Ländern zu festigen.

Präsenz in Somalia

Nachdem die Türkei ebenso wie die westlichen Interventionsmächte mit der nahezu vollständigen Desintegration des somalischen Staates in den 1990er Jahren und dem Aufstieg dschihadistischer Kräfte eine herbe Niederlage hatte einstecken müssen, gelang es Ankara ab 2011 wieder, Fuß in Somalia zu fassen. Erdoğans Staatsbesuch und die Hilfen, die die Türkei im Zuge der Hungersnot von 2011 dem Land hat zugute kommen lassen, können als Neubeginn der Beziehungen mit dem ostafrikanischen Land gewertet werden. Die im Jahr 2017 errichtete türkische Militärbasis »Turksom« in Mogadischu ist heute eine der größten Auslandsbasen der Türkei. Auf ihrem Gelände befindet sich auch eine Militäruniversität, in der somalische Polizei- und Armeeeinheitenausgebildet werden. Darüber hinaus bilden die türkischen Streitkräfte auch Kommandoeinheiten und Spezialeinheiten der somalischen Armee im türkischen Isparta und in Foça aus. Vertreter der türkischen Streitkräfte wirken zudem als Berater für das somalische Verteidigungsministerium und koordinieren in Zusammenarbeit mit ihren somalischen Kollegen Einsätze gegen die Al-Schabab-Miliz.

Die somalischen Soldaten erhalten nicht nur eine umfassende militärische Ausbildung, sondern werden auch im Gebrauch der türkischen Sprache unterrichtet. Bis heute sollen mindestens 16.000 somalische Kräfte im Rahmen der türkischen Mission ausgebildet worden sein. Bedenkt man, dass die Gesamtstärke der somalischen Armee im Jahr 2021 mit nur 35.000 Soldaten angegeben wurde, stellen die von der Türkei geschulten Kräfte einen durchaus relevanten Anteil der somalischen Streitkräfte dar und garantieren Ankara auch in Zukunft einen nicht zu unterschätzenden Einfluss, zumal die durch die Türkei ausgebildeten Kräfte den Status einer »Elitetruppe« genießen. Hinzu kommt das im Februar 2024 unterzeichnete Rahmenabkommen über eine Verteidigungs- und Wirtschaftskooperation zwischen Somalia und der Türkei, dem zufolge die türkische Marine für die nächsten zehn Jahre als Schutzmacht in den somalischen Hoheitsgewässern Präsenz zeigen soll. Dabei handelt es sich bei dem türkischen Militärengagement keineswegs um einen uneigennützigen Freundschaftsdienst. Vielmehr kann angenommen werden, dass die Türkei wohl auch an den Öl- und Gasvorkommen vor der Küste Somalias interessiert ist.

Schon jetzt profitiert das türkische Kapital ungemein von der Partnerschaft beider Länder. So hat sich unter anderem die Albayrak-Holding 2014 die Konzessionen für den strategisch wichtigen Hafen in Mogadischu gesichert. Albayrak zählt nicht nur zum engsten Unterstützerkreis von Erdoğans Regierung, sondern besitzt neben Bauunternehmen und Häfen in der Türkei sowie bedeutenden Anteilen am Hafen von Baku am Kaspischen Meer auch ein kleines Medienimperium, darunter die regimetreue Zeitung Yeni Şafak. Auch der Aden Adde International Airport in Mogadischu, der während des Bürgerkriegs zerstört und mit türkischer Hilfe wieder hergestellt wurde, steht heute unter Kontrolle der türkischen Kozuva-Unternehmensgruppe. Im Allgemeinen ist Somalia auch aufgrund seiner geopolitisch wichtigen Lage am Golf von Aden und südlich der Meerenge Bab Al-Mandab, Tor zum Roten Meer, ein strategischer Partner der Türkei. Es ist denkbar, dass die türkische Führung darauf hinarbeiten wird, mittelfristig einen eigenen Marinestützpunkt an der somalischen Küste zu errichten. Vorerst bleibt es allerdings bei einer verstärkten Präsenz der türkischen Flotte sowie einer weiteren Ausbildungsmission für die somalische Marine.

Einfluss in Libyen

Auch in Libyen hat die Türkei in den vergangenen Jahren unter Beweis gestellt, dass sie bereit ist, militärisch in die Konflikte und Bürgerkriege der Region einzugreifen. Als der ostlibysche Kommandant Khalifa Haftar im Herbst 2019 auf Tripolis, die Hauptstadt der »Regierung der Nationalen Übereinkunft« unter Fajes Al-Sarradsch, zumarschierte, lieferte die Türkei Drohnen und Waffen an die westlibyschen Streitkräfte und begann mit dem Transfer Tausender islamistischer Söldner aus Syrien. Die Kämpfer, die noch wenige Wochen zuvor beim türkischen Überfall auf Nord- und Ostsyrien gegen die mehrheitlich kurdischen Verbände der Demokratischen Kräfte Syriens zum Einsatz gekommen waren, unterstützten nun die Truppen Al-Sarradschs gegen Haftars Libysche Nationale Armee. Haftar wurde seinerseits von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie der Russischen Föderation, die ähnlich wie die Türkei mit russischen Söldnern in den Konflikt eingriff, unterstützt.

Auch in Libyen ging es der Türkei vorrangig um wirtschaftliche Interessen. So unterstützte Ankara die libysche Regierung erst im vollen Umfang, nachdem diese einem nach internationalem Recht mehr als fragwürdigen Abkommen über die Ausbeutung von Gasfeldern im Mittelmeer zugestimmt hatte. Bis heute unterhält die Türkei eine begrenzte militärische Präsenz in dem nordafrikanischen Land, konzentriert sich aber vor allem auf die Unterstützung und Ausbildung lokaler, zumeist islamistischer Milizen, um auch zukünftig den eigenen Einfluss zu sichern. Die Intervention der Türkei auf seiten der tripolitanischen Regierung wurde von einigen der westlichen NATO-Verbündeten der Türkei, vor allem von Großbritannien und den USA, durchaus wohlwollend betrachtet. Ein Fall der Regierung Al-Sarradsch und eine Machtübernahme des von Russland und auch China unterstützen Kommandeurs Haftar hätte nach Jahren des libyschen Bürgerkriegs eine Niederlage für die NATO bedeutet. Auch heute noch kontrollieren Haftars Truppen den größten Teil des libyschen Ostens, und so werden immer wieder Befürchtungen laut, die Russische Föderation könnte die ostlibysche Hafenstadt Tobruk nutzen, um ihre maritime Macht im Mittelmeer an der Südflanke der NATO zu vergrößern. Die türkische Präsenz in Libyen und ihre Unterstützung für die Regierung in Tripolis stellt dazu ein willkommenes Gegengewicht dar.

In Westafrika konnte die Türkei von den Veränderungen der vergangenen Jahre profitieren. Nachdem in Mali im Jahr 2020 das Militär die Macht übernommen und das Land auf einen antiwestlichen Kurs ausgerichtet hatte, verfolgte die Türkei eine äußerst pragmatische Außenpolitik und zählte zu den ersten Ländern, die die Militärregierung anerkannten und diplomatische Beziehungen aufnahmen. Genauso verhielt sich die Türkei in Burkina Faso und Niger. Ankara gelang es auf diese Weise, in das von Frankreich erzeugte Vakuum vorzustoßen und sich in der westafrikanischen Region in eine vorteilhafte Position zu bringen. Die pragmatische Außen- und Handelspolitik zahlte sich aus. So zählen die drei Länder Westafrikas heute zu den 15 Abnehmern türkischer Drohnen auf dem afrikanischen Kontinent. Erst im April bestätigte die Militärregierung von Burkina Faso den Kauf mehrerer türkischer Kampfdrohnen. Im Internet kursierten Bilder, die die Fluggeräte nach ihrer Auslieferung in Burkina Faso zeigen sollen. Laut unterschiedlichen Angaben soll Ouagadougou bis zu zwölf »Akinci«- und »Bayraktar-TB2«-Drohnen erstanden haben, die im Kampf gegen dschihadistische Milizen im Land zum Einsatz kommen sollen.

Laut der Internetplattform Military Africa soll Malis Regierung mittlerweile über mindestens 17 »Bayraktar-TB2«-Drohnen verfügen. Und nach Angaben von Loyal, der Zeitschrift des deutschen Reservistenverbandes, sollen die türkischen Drohnen Ende 2023 zusammen mit von Russland gelieferten Flugzeugen eine Schlüsselrolle bei der Eroberung der Stadt Kidal im Norden Malis gespielt haben. Kidal wurde fast zehn Jahren lang von Tuareg-Rebellen kontrolliert und konnte erst im Zuge der jüngsten Militäroperationen wieder unter Kontrolle der malischen Regierung gebracht werden. Doch auch in Nigeria, das als führende Macht der ECOWAS Staaten nach dem Putsch in Niger Front gegen die Militärregierungen in Westafrika machte, kommen türkische Drohnen zum Einsatz. Nigeria hat eine Vielzahl von unbemannten Fluggeräten, von der TB2 bis hin zu kleineren Aufklärungsdrohnen, gekauft. Als das nigerianische Militär im vergangenen Dezember in der Ortschaft Kaduna mindestens 85 Zivilisten bei einem angeblich versehentlich fehlgeleiteten Luftschlag tötete, wurde der Verdacht geäußert, dass dabei ebenfalls türkische Drohnen zum Einsatz gekommen waren.

Im Einklang mit der NATO

Die ungezwungene Kooperation der Türkei mit den westafrikanischen Militärregierungen sorgt zwar in Paris für reichlich Unmut. Wer allerdings im Vorgehen Ankaras in Westafrika einen weiteren Beweis für eine Abkehr der Türkei vom westlichen Militärbündnis erkennen möchte, fällt ein vorschnelles Urteil. Wie auch in Libyen deckt sich das Vorgehen der Türkei auf dem Rest des Kontinents mit der strategischen Generallinie der Vereinigten Staaten von Amerika, alles daranzusetzen, insbesondere den chinesischen Einfluss zurückzudrängen oder zumindest auszugleichen. Während die vormaligen Hegemonialmächte wie Frankreich durch die Verschiebungen in der Machttektonik dazu gezwungen sind, das Feld zu räumen, bieten sich für Mächte wie die Türkei neue Gelegenheiten und Möglichkeiten, in neue Räume vorzustoßen und die eigene Position als Regionalmacht international weiter auszubauen. Für die NATO bedeutet das, Räume nicht einfach preiszugeben und die sich verändernden Kräftegleichgewichte auszubalancieren. So erklärte der US-amerikanische Botschafter in Ankara, Jeffry Flake, anlässlich des Antalya-Diplomatieforums am 2. März 2024 folgerichtig, dass die USA »zu schätzen« wüssten, »was die Türkei in Afrika tut, insbesondere in Konkurrenz zu China«.

Auch in Deutschland scheint man das Engagement der Türkei in Afrika aufmerksam zu beobachten. So schreibt Ulf Laessing, Leiter des Sahel-Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Bamako, in der Zeitschrift Loyal in fast bewunderndem Ton, »dass Europa und Deutschland viel von der Türkei mit ihrer pragmatischen und langfristig ausgerichteten Afrikastrategie lernen können«.

Die Türkei wird wohl auch in der näheren Zukunft ihren Kurs weiter fortsetzen und versuchen, ihre Präsenz auf dem afrikanischen Kontinent weiter auszubauen. Der riesige Kontinent mit seiner wachsenden Bevölkerung wird voraussichtlich auch in Zukunft einen wachsenden Absatzmarkt für türkische Produkte abgeben, und die Länder Afrikas, händeringend auf der Suche nach vermeintlichen Alternativen zu den westlichen Akteuren, sind eine lukrative Möglichkeit für türkische Direktinvestitionen. Auch wenn Erdoğan immer wieder versucht, sich mit einer zum Teil antiwestlichen und antikolonialen Rhetorik zu profilieren und Vertrauen zu schaffen, wird die Türkei auf dem afrikanischen Kontinent langfristig wohl kaum als Partner auf Augenhöhe auftreten. Sie ist vielmehr ein Wolf im Schafspelz.

Tim Krüger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 17. April 2024 über den gegen China gerichteten India Middle East Europe Economic Corridor: Auf der Antiseidenstraße.

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