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Aus: Ausgabe vom 08.07.2024, Seite 6 / Ausland
Westjordanland

Blockierter Alltag

Brief aus Jerusalem: Mauern, Armeesperrungen, Umwege, Siedlungen und Sicherheit. Mobilität unter Apartheid
Von Helga Baumgarten, Jerusalem
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Ständig präsent: Israelische Soldatin am Kalandia Checkpoint zwischen Ramallah and Jerusalem (5.4.2024)

Gaza, Jerusalem, Westbank: Horrornachrichten, Völkermord, Tod und Zerstörung, »ethnische Säuberungen«, Siedlergewalt … Man weiß nicht, wo man anfangen und wo man aufhören muss. Aber jenseits des Horrors gibt es den Alltag, unspektakulär einerseits, unerträglich und unmenschlich andererseits.

Die Universität Birzeit liegt etwa eine halbe Stunde nordöstlich von Jerusalem. Wie kommt man nun von Jerusalem – also dem seit 1967 besetzten Ostjerusalem – nach Birzeit? Vorbei sind die Zeiten, als Professoren und Studenten aus Ostjerusalem auf direktem Weg, über Ramallah und von dort nach Birzeit, zu ihrer Universität fahren konnten, entweder mit dem Privatauto oder mit den Öffentlichen, d. h. Bus oder Sammeltaxi.

Seit dem Beginn des Oslo-Prozesses muss man ständig Armeesperren passieren. Einige davon sind in Permanenz errichtet, wie zum Beispiel vor dem Flüchtlingslager Kalandia nördlich von Jerusalem: Jeder, der aus Jerusalem Richtung Ramallah oder aus Ramallah Richtung Jerusalem möchte, muss hier durch. Inzwischen kann das Stunden dauern, und manchmal gibt es überhaupt kein Durchkommen, weil die Armee beschließt, die Sperre ganz zu schließen.

Alternativ gibt es längere und kürzere Umwege, um nach Birzeit zu kommen. Der weitere Umweg, den ich mit vielen Kollegen vorziehe, ist gut und gerne 15 Kilometer länger. Aber wenn man Glück hat, kommt man darüber ungehindert, also ohne Armeesperren und Kontrollen, nach Birzeit: Man fährt raus aus Jerusalem Richtung Osten, dann wendet man Richtung Norden auf der Straße, die eigentlich nach Nablus führt und gleichzeitig Jerusalem mit zahllosen israelischen kolonialistischen Siedlungen verbindet. Wenige Kilometer nach der Siedlung Ofra biegt man wieder Richtung Westen und kommt dann aus nordöstlicher Richtung in die Stadt Birzeit und von dort zu der etwas außerhalb gelegenen Universität.

Aber man kann auch Pech haben. Beschließt die Armee, »fliegende« Sperren zu errichten, kann einen das sehr viel Zeit kosten. Wenn man also einen wichtigen Termin hat, eine Lehrveranstaltung, eine Prüfung, einen Termin bei der Administration, empfiehlt es sich, für eine Strecke, die üblicherweise in einer Stunde zu bewältigen ist, drei Stunden einzukalkulieren. Und selbst das klappt immer öfter nicht, wenn die Armee schlicht die Sperren nach Birzeit zumacht. Eine rote Schranke wird quer über die Straße runtergelassen, zwei Soldaten davor postiert – und das war es dann.

Israel argumentiert, dies sei aus Sicherheitsgründen alles notwendig. Unklar ist, um wessen Sicherheit es dabei geht. Wahrscheinlich zuallererst die Sicherheit der kolonialistischen Siedler, die meinen, die Westbank gehöre ihnen allein. Aber meist geht es gar nicht um Sicherheit, sondern einzig und allein um Schikane, Schikane gegen die Palästinenser. Immer wieder steht man ungeduldig vor einer »fliegenden« Armeesperre: 15 Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde … Und dann ziehen die Soldaten plötzlich unvermittelt ab, und alle können ungehindert weiterfahren. Man fragt sich dann natürlich: Was ist denn jetzt plötzlich aus der Sicherheit geworden?

Gestern fuhr ich gegen 9.30 Uhr los aus Jerusalem. Nur wenige Kilometer Richtung Norden, am ersten Kreisel, von dem aus man zu einer Siedlung abbiegen kann, stand die Armee und kontrollierte alle Autos. Autos mit Westbank-Nummernschildern (anders als die gelben Nummernschilder aus Israel bzw. Jerusalem, inklusive Jerusalem-Ost) mussten umdrehen, zurück Richtung Westbank. Alle Zufahrtsstraßen aus palästinensischen Dörfern waren abgeriegelt. Als ich weiter Richtung Birzeit fuhr, standen rechts und links der Straße endlos viele Autos mit Westbank-Nummern, die warteten, wie sich die Lage entwickeln würde. Als ich nachmittags gegen 15 Uhr zurückkam, gab es keine Armeesperren mehr, keine Autos warteten mehr an der Seite, und alle Zufahrtsstraßen waren wieder offen. Die Herren des Landes hatten wieder bewiesen, wer das Sagen hat und wer gehorchen muss.

Dieselbe Erfahrung müssen Menschen machen, die aus Jerusalem nach Bethlehem möchten und umgekehrt. Entweder sucht man einen Umweg und hofft, dass der frei passierbar ist, oder man steuert die zentrale Armeesperre am Ausgang von Bethlehem an, direkt an der Mauer. Anders als Birzeit darf sich Bethlehem einer Mauer rühmen!

Jerusalemer, die z. B. aus den verschiedensten Gründen eine Wohnung in Bethlehem haben und deshalb täglich hin- und herfahren müssen – die Kinder zur Schule, die Eltern zur Arbeit –, helfen sich aus, indem ein Auto auf der Bethlehemer Seite bleibt, ein anderes auf der Jerusalemer Seite. Den Armeekontrollpunkt passiert man dann zu Fuß, was meist schneller geht. Aber das ist lediglich eine Möglichkeit für gutsituierte Palästinenser, die sich zwei Autos leisten können.

Religiöse Feste sind inzwischen zum jährlichen Alptraum für alle Gläubigen geworden, egal ob Christen oder Muslime. Die Armee entscheidet, wer aus der Westbank nach Jerusalem darf. Dieses Jahr zu Ostern war es praktisch unmöglich für Christen aus der Westbank, an den Osterfeierlichkeiten in Jerusalem teilzunehmen. Muslime, die während des Ramadan in Jerusalem auf dem Haram Al-Sharif, dem Tempelberg, beten wollten, durften dies nur, wenn sie über 50 (Frauen) bzw. über 60 (Männer) Jahre alt waren. Und selbst darauf konnte man sich nicht verlassen.

Jede Fahrt von Jerusalem Richtung Norden: Nablus oder Dschenin, ist so gut wie unmöglich bzw. ein einziges unkalkulierbares Abenteuer. Dasselbe gilt für eine Fahrt nach Hebron oder weiter südlich. Man ist mit zahllosen Armeesperren konfrontiert, und Übergriffe von Siedlern finden immer häufiger statt. Finanzminister Bezalel Smotrich, selbst ein Siedler, ist dabei, die Westbank in einer Art verdecktem Staatsstreich zu annektieren, und lässt inzwischen überall neue Straßen bauen, damit Siedler nach Jerusalem und nach Israel fahren können, auf Wegen, auf denen keine Palästinenser fahren. Offene Apartheid: große Highways, wie Autobahnen, für die Herren, kleine, enge Straßen für die Entrechteten. Und die Welt schaut zu.

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