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Aus: Ausgabe vom 06.07.2024, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hallertauer Hopfensuppe

Von Maxi Wunder

»Es stand ein Mann am Siegestor, der an ein Weib sein Herz verlor. Schaut sich nach ihr die Augen aus, in Händen einen Blumenstrauß. Zwar ist dies nichts Besonderes. Ich aber ich bewunder es … Liebes Dorchen, mit diesen Versen von Erich Mühsam möchte ich dir recht herzlich zum Geburtstag gratulieren!« Udo überreicht seiner Doris einen saisonalen Schnittblumenstrauß mit Hortensien, Löwenmäulchen und Disteln. Doris lässt sich nicht lumpen und kontert mit Selbstgedichtetem: »Du hältst nicht viel von Schlauchbootlippen, noch von aufgespritzten Titten, belässt die Figur üppig dir, und den Charakter zickig mir. Bei uns ist alles echt, Herr Specht – Udolein, ich danke dir!« Knutsch.

Ich glaube, die haben das einstudiert, heute gibt’s nämlich eine kleine Party in der Plauener Kommune anlässlich des 90sten Jahrestags der Ermordung von Erich Mühsam. Doris’ Geburtstag wird da nonchalant eingebaut – man muss die Feste feiern, wie sie zusammenfallen. So erheben wir unsere Gläser auf zwei nette Leute: Dorle und der Erich Mühsam – Anarchist, Antifaschist und Bänkelsänger. Hier aus gegebenem Anlass die ersten beiden Strophen seines »Testaments«: »Und hab’ ich einst vollendet, dann scharrt den Mühsam ein. Ein Tränlein noch gespendet – ein Gruß ins Grab gesendet – darauf ein Leichenstein: Sanft modre dein Gebein! Und wenn ein Jahr verflossen, dann, die ihr lauft und hinkt, Zechbrüder und Genossen! Der Tag sei froh begossen! Ein blanker Tropfen blinkt. Mir zum Gedächtnis: Trinkt!«

Und esst. Mühsams Frau Kreszentia, genannt Zenzl, eine Kämpferin für die Münchener Räterepublik, kam aus der Hallertau in Bayern. Als Tochter eines Gastwirts und Hopfenbauers konnte sie sicher Folgendes zubereiten:

Hallertauer Hopfensuppe:

50 ml Weißbier in einen Topf geben und den Alkohol verdampfen lassen. 750 ml Gemüsebrühe und 250 ml Sahne hinzugeben. 30 g Speisestärke in wenig kaltem Wasser klümpchenfrei anrühren und einrühren. Unter gelegentlichem Rühren aufkochen lassen. Die Velouté vom Herd nehmen. 150 g Hopfensprossen von der dünnen Schale befreien, dafür am besten Salz in die Handfläche geben, und die Sprossen vorsichtig zwischen den Händen reiben. Anschließend unter fließendem Wasser abwaschen und abtropfen lassen. Dann die Sprossen zusammen mit 100 g Wildspargel in einem EL Butter anschwitzen und eine Prise Zucker hinzugeben. 80 g Kräuterbutter in die Velouté einmixen, und die Suppe mit Salz und Pfeffer abschmecken. Das Hopfen-Spargel-Gemüse auf Teller verteilen und die Suppe darübergießen.

Außer in Plauen finden auch in Berlin traditionell Gedenkveranstaltungen statt. Am 10. Juli treffen sich Genossinnen auf dem Waldfriedhof Berlin Dahlem am Hüttenweg 47 an Erich und Zenzl Mühsams Ehrengrab. Zwei Tage vorher, am Montag, dem 8. Juli 2024, gibt es im Haus des Humanismus, im ehemaligen KOB, in der Potsdamer Str. 157 in 12359 Berlin, einen literarischen und musikalischen Abend zur Ehre der beiden. Unter dem Titel »Sich fügen heißt lügen« tritt Isabel Neuenfeldt (Akkordeon und Gesang) mit Vertonungen von Mühsam-Gedichten auf. Dr. Seltsam moderiert. Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei.

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