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Aus: Ausgabe vom 11.06.2024, Seite 10 / Feuilleton
Bier

Bayerischer Champagner

100 Jahre Kristallweizen
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Passt gut zum Schnitzel: Kristallklares Hefeweizen

Nach allgemeiner Überzeugung ist Bayern die Geburtsstätte des Weißbiers, doch eine bekannte Weißbiersorte stammt aus einer kleinen Brauerei aus Baden-Württemberg: Farny aus Kißlegg im Allgäu ist die Urheberin des Kristallweizens. In diesem Sommer wird das 100. Jubiläum der Sorte gefeiert. Ein Liebesbrief vom 11. Juni 1924 gilt als frühester Beleg für die Sorte, wie Elmar Bentele, Geschäftsführer der Edelweißbrauerei Farny, erläutert. Den Brief habe Brauereichef Oskar Farny damals an seine Ehefrau zum Hochzeitstag geschrieben und darin auch sein »glanzhelles Weizenbier« erwähnt: das Kristallweizen.

Einige Jahre zuvor sei ein Bierfilter erfunden worden, die Grundlage der Innovation. »Die Idee war, ein völlig neues und spritziges Bier zu brauen«, sagt Bentele. Die Hefe wird nach dem Brauen herausgefiltert. Geschmacklich unterscheidet sich das »Kristall« deutlich vom Hefeweizen. »Ein Kristallweizen ist sehr schlank und eher mild gehopft«, erklärt Bentele. Es sei leicht säuerlicher wegen der Kohlensäure. Aromen wie Hopfen und Malz spielten nicht die Hauptrolle. Statt dessen seien zitrusartige und florale Aromen typisch. Das Bier passe gut zu Hühnchen, Wiener Schnitzel oder Fisch. Oft wird es mit einem Zitronenschnitz getrunken. Um die Schaumkrone bei Produkten mit etwas weniger Kohlensäure zu erhalten, wirft man bisweilen ein Reiskorn ins Glas. Das hilft beim Schäumen, weil sich die Kohlensäure daran entbinden kann.

Aus dem Jahr 1926 gebe es das Ergebnis eines Geschmackstests von Experten aus dem bayerischen Weihenstephan, bei dem das Kristallweizen bestanden habe und mit Champagner verglichen worden sei, erklärt Bentele. »Der schöne Begriff Champagnerweizen war geboren.« Unter diesem wurde das Bier auch vermarktet, bis in den 1960ern die Bezeichnung Champagner geschützt wurde. Das kostete Glamour. Weizenbier habe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bekanntheit gewonnen. In den 70er und 80er Jahren erlebte zunächst das klare Kristallweizen einen Hype. Im Laufe der 80er setzten sich naturtrübes Hefeweizen durch, das milder und fruchtiger schmeckt – im Vergleich zum markanteren Kristallweizen. Heute hat die klare Sorte nur einen kleinen Marktanteil.

Dass sich daran groß etwas ändern werde, bezweifelt der Experte. »Biere, die Charakter haben, ecken bei vielen Leuten an und haben es schwer.« Immerhin: Brauereichef Bentele sagt, das Bier werde aktuell wieder mehr nachgefragt als noch vor etwa zehn Jahren. Literarisch wurde es bereits verewigt: In Sven Regeners Roman »Herr Lehmann« (2001) spannt der gleichmütige Kneipengast »Kristall-Rainer«, der als Zivilbulle verdächtigt wird (»Irgendwie ist das ein komischer Typ. Kristallweizen ohne Zitrone trinkt der immer.«), der Hauptfigur die Freundin aus. (dpa/jW)

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