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Aus: Ausgabe vom 28.05.2024, Seite 8 / Ansichten

An der Schwelle

Angriffe auf Russlands Atomabwehr
Von Arnold Schölzel
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Vorbereitung auf Atomkrieg: Russische Militärkolonne im Süden des Landes (21.5.2024)

Die Regierungsclique in Kiew ist unberechenbar. Das gilt für alle Marionetten, die sich Washington mit NATO und »Fuck the EU« im Schlepptau seit dem Putsch 2014 dort hält. Die beiden Angriffe vom Donnerstag und Sonntag auf Teile des strategischen Abwehrsystems Russlands sind aber mehr als Hakenschlagen einer nationalistisch-korrupten Bande. Ihr Überleben hängt davon ab, die NATO weiter als bisher in den Krieg hineinzuziehen. Das strategische Ziel des Pakts, Russland bis zu dessen Zerfall zu schwächen, deckt sich mit dem Interesse von Figuren, die während des Verheizens der eigenen Bevölkerung reihenweise Bandera-Denkmäler aufstellen und eine Tschaikowski-Straße nach Victoria Nuland umbenennen. Faschismus, d. h. Völkermord als Kriegskalkül, war und ist ein fester Bestandteil westlicher Kriegführung auch nach 1945.

Das bedeutet Abenteuerpolitik bis an den Rand des Atomkriegs. So war es in der Zeit des US-Atombombenmonopols, so läuft es seit dem Beschluss über die NATO-Ostexpansion und der damit verbundenen Kündigung des Vertrages über die Begrenzung antiballistischer Raketensysteme (ABM) durch die USA im Jahr 2002 nach 30 Jahren Gültigkeit. Damit gerieten die Russlandpolitik der USA und ihrer russophoben Außenstellen in den Hauptstädten Osteuropas außer Rand und Band. Unter lächerlichsten Vorwänden – auf die USA gerichtete Raketen iranischer oder nordkoreanischer Herkunft könnten über Europa fliegen – baute Washington Raketenbasen in Polen und Rumänien, die auch als Angriffsdepots dienen können. Russland reagierte darauf vor allem asymmetrisch mit der Stationierung der zehn Frühwarnsysteme vom Typ »Woronesch« – eins davon im Gebiet Kaliningrad. Wer diese Radaranlagen angreift, will Moskau strategisch erblinden lassen. Noch mehr: Er riskiert einen atomaren Gegenschlag, der für solche Fälle in der russischen Atomwaffendoktrin von 2020 vorgesehen ist. Die beiden Angriffe auf die »Woronesch«-Anlagen in Südrussland und im Südural rücken die Welt näher an die Schwelle zum Atomkrieg. Vermutlich kam der Befehl dazu aus Washington.

Angela Merkel, die 2013/2014 ihren Anteil am dortigen Putsch hatte, wehrte sich anfangs mit Händen und Füßen gegen den NATO-Beitritt der Ukraine. Das wird ihr nicht nur von deutschen Bellizisten als historischer Fehler gegenüber Russlands angekreidet. Es war, zeigt sich bei solchen Attacken wie jetzt, eine strategische Notbremse. Zu hoffen bleibt, dass ihr Nachfolger dem Druck, möglichst viel und möglichst weit nach Russland hineinzuschießen, Stand hält.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Andreas E. aus Schönefeld (29. Mai 2024 um 09:28 Uhr)
    Wer glaubt, dass das eine Abwehrmaßnahme der Ukraine ist, glaubt auch an den Osterhasen. Hier wurden gezielt zwei der Radaranlagen zerstört, die den Teil des russischen Luftraums mit schützten, der aus der Region des Schwarzen Meers/des Mittelmeers angegriffen werden kann. Eine der NATO-Raketenbasen in der Nähe von Constanta/Rumänien hätte jetzt nahezu »freie Schussbahn«. Selenskyi versprach im Zusammenhang mit der »Taurus«-Debatte keine Waffen in der strategischen Tiefe Russlands anzuwenden. Nun liegt Orsk nicht unbedingt in Sichtweite der Ukraine, es sind doch 1.800 km. So lügt sich Selenskyi seinen Waffennachschub zusammen. Doch war es wirklich eine Kamikaze-Drohne oder steckt da mehr dahinter? Und wann wird der nordwestliche Radarschirm angegriffen – Murmansk, Sankt Petersburg, Kaliningrad? Das wäre wohl dann doch zu offensichtlich, aber die NATO-Kräfte im Nordosten Europas haben die Zielkoordinaten sicherlich gespeichert. Nun liefern die Belgier 30 F16-Kampfjets, die USA will weitere ATACMS-Raketen liefern – welcher Bauart ist nicht bekannt. Es gibt sie als Träger für geächtete Streumunition oder weiterreichend mit einem Einzelsprengkopf, einem sogenannten Bunkerknacker. Ob diese Raketen nuklear bestückt werden können, ist nicht feststellbar. Aber die F16 aus Belgien können Kernwaffen tragen … Und der ukrainische Machthaber will sie, die Kernwaffen. Ganz nebenbei – eigentlich ist er ja kein Präsident mehr. Nach ukrainischer Verfassung ist am 20. Mai seine Amtszeit abgelaufen. Wenn Putin sich nach dem Ablauf seiner Amtszeit an seinen Sessel gekrallt hätte, wäre wieder mal das Geschrei im Westen groß gewesen, man hätte ihn sicherlich als Usurpator beschimpft. Diese westliche Doppelmoral zeigt sich auch hier …
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (28. Mai 2024 um 10:20 Uhr)
    Für die Angelsachsen war das Ziel eindeutig festgelegt: Wir dulden keine anderen Mächte neben uns! So wurden zunächst Indien und China, später das Osmanische Reich und das Zarenreich Russland zerschlagen. Alle mussten sich beugen, außer Russland, aus dem die Weltmacht Sowjetunion hervorging. Als die Sowjetunion durch Gorbatschows Naivität implodierte, schien Russland sehr geschwächt. Dann kam Putin, und das riesige Land erhob sich nach zehnjähriger Schwäche aus den Ruinen. Der Wertewesten suchte und fand einen neuen Feind. So kam es zum Stellvertreterkrieg in der Ukraine, mit dem Ziel, Russland unter anglo-amerikanischer Strategie und mit Unterstützung der Ukraine auf ein Mittelmaß zu schwächen. Eine gute Idee, doch leider scheint sie nicht zu funktionieren. Zwar kann man gegen Russland mit westlicher Beratung Nadelstiche setzen, wie der jüngste Fall des Angriffs auf russische Radaranlagen, um Moskau strategisch zu blenden, aber was passiert, wenn der Kreml dies als Bedrohung der nationalen Sicherheit ansieht und einen Atomschlag ausführt? Sicher ist, dass dieser Atomschlag nicht gegen die USA, sondern in Europa stattfinden würde. Den Yankees könnte nichts Besseres passieren, denn dann könnte man Russland tatsächlich weltweit isolieren. Also provoziert der Wertewesten Russland Schritt für Schritt, bis der traurige Fall eintritt. Dann war’s das für Europa! Ob Russland darunter zugrunde geht, daran habe ich aber geschichtliche Zweifel.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (28. Mai 2024 um 07:56 Uhr)
    Der Angriff auf zentrale Teile des atomaren Frühwarnsystems Russlands ist aus militärischer Sicht für die Ukraine völlig nutzlos. Von diesen Systemen gehen keinerlei Bedrohungen aus, die für die Ukraine wirklich von Belang wären. Einziger Nutznießer sind jene NATO-Strategen, die darauf setzen, dass Atomkriege heute führ- und gewinnbar wären. Die spielen in aller Öffentlichkeit weiter mit einer Option, die den Untergang der menschlichen Zivilisation bedeuten würde. Dagegen ist alles, was heute in den politischen Medien des Westens diskutiert wird, der reine Kinderkram. Es zählt nur noch eines: Mit dieser Fahrt in den Abgrund darf es nicht weitergehen. Sie ist zu weit fortgeschritten, um noch daran zweifeln zu dürfen, wo sie enden würde.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christa K. aus Litschau (27. Mai 2024 um 20:45 Uhr)
    Danke, Herr Schölzel! Ihre Analyse ist – wie immer – glasklar und umfassend. Wenn diese Gedanken doch nur die »breite Masse« der Gesellschaft erreichen könnten, sollten, müssten – es wär dringendst notwendig – im Sinne von: »Gestern standen wir vor dem Abgrund – heute sind wir einen Schritt weiter.«

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