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Aus: Ausgabe vom 22.05.2024, Seite 8 / Inland
Drohnenarmee

»Grenzen zwischen Krieg und Frieden verschwimmen weiter«

Union stellt Antrag auf »Aufbau einer Drohnenarmee«. Israelische »Heron TP« fliegt über Norddeutschland. Gespräch mit Christoph Marischka
Interview: Jakob Reimann
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Ohne Pilot: Flug der Drohne über Militärflughafen (Jagel, 15.5.2024)

Vergangene Woche wurde die waffenfähige Kampfdrohne »German Heron TP« aus israelischer Produktion für ihren Jungfernflug über Norddeutschland gestartet. Welche Bedeutung messen Sie dem zu?

Ich halte das auch für einen Ausdruck der sogenannten Zeitenwende und der inneren Militarisierung. Die »Heron TP« wird jetzt zunächst für sechs Monate im »Demonstrationsbetrieb« über Norddeutschland fliegen – voll integriert in den zivilen Flugverkehr. Das ist erstmalig in Deutschland für eine Drohne dieser Größe und Klasse. Die Genehmigung dafür ging plötzlich sehr schnell.

Sie wird dabei nicht bewaffnet sein, doch die vielfältigen Aufklärungsmittel an Bord werden sicherlich eingesetzt und erprobt. Was dabei erlaubt ist, ist bislang nicht einmal Gegenstand einer Diskussion. Wesentliche Komponenten des Grundbetriebs werden durchgehend von einem zivilen Dienstleister, einem Tochterunternehmen von Airbus Defence and Space, bereitgestellt – auch der israelische Hersteller IAI spielt da eine Rolle und war beim Jungfernflug vertreten.

Das zeigt auch, wie ungebrochen die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel trotz der Kriegsverbrechen in Gaza ist. Aktuell hat die Bundeswehr fünf solche Drohnen von IAI geleast, zwei davon hat sie den israelischen Streitkräften ausgeliehen, zwei befinden sich noch zur Ausbildung von Soldaten in Israel, und eine fliegt jetzt eben über Norddeutschland. Hier verschwimmen weiter die Grenzen zwischen Krieg und Frieden.

Der Union geht das nicht weit genug, und sie brachte am vergangenen Donnerstag einen Antrag zum »Aufbau einer Drohnenarmee« ins Parlament ein. Was schwebt den Konservativen vor?

Wenn man den Antrag liest, möchte man meinen, dass an dem Papier die Industrie kräftig mitgeschrieben hat. Es wird eigentlich mehr von allem gefordert, entlang der ganzen Wertschöpfungskette bis hin zu Startups und Forschung – und das auch an zivilen Hochschulen. Das ist schon sehr umfassend. Es geht um ganz große und auch ganz kleine Drohnen; ihr Betrieb und ihre Abwehr sollen Teil der Grundausbildung aller Soldaten werden. Man will aus den Erfahrungen in der Ukraine lernen und sich – offensichtlich – auf vergleichbare Szenarien hierzulande vorbereiten.

In den Kriegen in der Ukraine, Bergkarabach oder in Gaza kommen verschiedenste Drohnen vermehrt zum Einsatz. Welche taktische Bedeutung haben diese?

Die Drohnenklassen haben verschiedene taktische Bedeutungen. Viele, oft verhältnismäßig sehr billige Drohnen werden als bessere Marschflugkörper eingesetzt, um die Flugabwehr zu überlasten – und stellen diese damit auch grundsätzlich in Frage. Oft wird behauptet, die kleineren Drohnen an der Front würden ein »gläsernes Gefechtsfeld« herstellen und mit ihrer Aufklärungsdichte zum Stellungskrieg beitragen, weil sie Überraschungsangriffe verhindern. Auf jeden Fall machen sie den Krieg noch deutlich mehr zu einer Materialschlacht, bei der gegenwärtig eher Masse statt Klasse militärische Vorteile zu bringen scheint. Da ist der Westen bislang mit seinen »Goldrandlösungen« womöglich in die falsche Richtung gegangen. Der Antrag der Union ist Teil einer Tendenz, hier gegenzusteuern.

Und welche strategische Rolle fällt Kampfdrohnen im 21. Jahrhundert zu?

Das ist schwer zu beantworten, weil es so viele unterschiedliche Typen und Funktionen gibt. Viele Vorteile sind nur temporär. Gerade die Ukraine erscheint mir mit dem massenhaften Einsatz und der schnellen Umsetzung von Innovationen als eine Art evolutionäres Biotop, wo es sehr unreguliert vorangeht. Es ist von »Drohnenschwärmen« die Rede, die Kooperation und Autonomie in nicht direkt von Menschen gesteuerten Systemen nimmt stark zu. Und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Schwärme entgültig »von der Leine gelassen« werden. Das unterläuft die Bemühungen um die Regulierung autonomer Waffensysteme. Gerade der Massenansatz beschleunigt die Technologieentwicklung, die Militarisierung ganzer Industriezweige und Forschungsrichtungen. Er wird zu einem allgemeinen Kontrollverlust über Technologien beitragen.

Christoph Marischka ist Mitglied im Vorstand der Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen und arbeitet dort zur Relevanz neuer Technologien in aktuellen Kriegen und der Rüstungsforschung in Deutschland

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