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Aus: Ausgabe vom 22.05.2024, Seite 6 / Ausland
Koreanische Halbinsel

Unbekannter Kim

Südkoreas Expräsident legt Memoiren vor. Aussagen zu Nordkoreas Staatschef erzürnen Konservative
Von Martin Weiser, Seoul
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Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un auf dem Weg zum Berg Paektu, von dem aus Staatsgründer Kim Il Sung den Befreiungskampf gegen Japan organisiert haben soll (16.10.2019)

Die Welt weiß relativ wenig über Kim Jong Un, das Staatsoberhaupt der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK). Aber manchmal lüften seine internationalen Gesprächspartner den Schleier ein bisschen. Der ehemalige US-Präsident Donald Trump etwa überließ Journalisten zwei Dutzend Briefe von Kim, die im Herbst 2022 öffentlich gemacht wurden. Darin betonte Kim, dass die gegen den Norden gerichteten Militärmanöver im Süden die Verhandlungen zu einer Annäherung mit Seoul zum Scheitern verurteilten. Trump hatte eigentlich im Juni 2019 versprochen, diese auszusetzen, davon wollte man einen Monat später aber nichts mehr wissen. Kim hatte Trump per Brief dann noch einmal daran erinnert, sein Versprechen zu halten und ihn nicht wie einen Idioten mit leeren Händen dastehen zu lassen.

Südkoreas ehemaliger Präsident Moon Jae In gab noch während seiner Amtszeit gerne Zitate aus Kims Briefen an die Presse weiter. Zu Beginn der Coronapandemie etwa erklärte das Präsidentenamt, Kim hoffe, dass alle Südkoreaner den Virusausbruch gesund überstehen. Im September 2020 übermittelte Kim per Einheitsfrontabteilung seine Trauer darüber, dass ein über Bord gegangener Südkoreaner wegen eines Missverständnisses von der nordkoreanischen Küstenwache erschossen worden war.

Als Moon am Sonnabend seine Memoiren veröffentlichte, las man dort eine weitere wichtige Anekdote: Kim möchte in der Zukunft einmal die Insel Yeongpyeong besuchen und dort seine Trauer über das Leid ausdrücken, das den Bewohnern im November 2010 zugefügt wurde. Zwei Zivilisten starben damals auf der Insel durch nordkoreanisches Artilleriefeuer, Dutzende wurden verletzt. Zahlen über Tote und Verletzte durch den anschließenden Gegenbeschuss vom Süden sind nicht bekannt.

Dabei hatte Südkorea den Beschuss durch das Abhalten einer Artillerieübung auf der Insel bewusst provoziert. Und schließlich trotz steter Warnungen aus dem Norden einen Meeresabschnitt als Zielgebiet ausgesucht, der von der DVRK reklamiert wird. Der damalige konservative Präsident Lee Myung Bak wollte damit anscheinend seinen Anspruch auf dieses Seegebiet unterstreichen und nahm die militärische Eskalation und den Tod von Südkoreanern leichtfertig in Kauf. Wie Moon den Wunsch von Kim aufgenommen hat, diese unrühmliche Wunde der innerkoreanischen Beziehungen zu heilen, wird in dem Buch offengelassen.

Die Konservativen nehmen Moons Buch zum Anlass, erneut die Bevölkerung gegen Kim aufzustacheln. Denn darin schreibt er auch, dass Kim Jong Un »ernsthaft sein Engagement für die Denuklearisierung erklärt« habe. Na Kyung Won, 2019 noch Fraktionsvorsitzende der Konservativen im Parlament, kramte ihre Anschuldigung von damals heraus, Moon betätige sich als Sprecher Kims. Wiedervereinigungsminister Kim Yung Ho kam bei einer Pressekonferenz am Montag nicht ohne Nazivergleich aus. Schließlich sei es nur ein Jahr nach dem Münchener Abkommen 1938 mit Hitler zum Zweiten Weltkrieg gekommen. Wenn man sich auf die von Kim erklärten Denuklearisierungsabsichten verlasse, drohten Südkorea »schwerwiegende negative Sicherheitsfolgen«, so Minister Kim.

Laut Hankyoreh zitierte der Minister zudem unaufgefordert auf einmal jemanden, der letztes Jahr mit seiner Familie per Fischerboot in den Süden geflohen war. Im Hinblick auf Moons Entscheidung, nordkoreanische Fischer im Jahr 2019 zu repatriieren, erklärte Kim, dass »sie sich nicht dazu entschlossen hätten, überzulaufen, wenn die Regierung Moon Jae In weitergemacht hätte«. Über diese Familie ist bereits mehrfach berichtet worden. Im Dezember etwa von der BBC mit einem exklusiven Interview. So erfuhr man, dass die treibende Person hinter dieser Flucht ein Mann ist, der früher im Norden geschmuggelte chinesische Motorräder und Fernseher verkaufte und sich dann während der Pandemie und der öffentlich erklärten Versorgungskrise über den überteuerten Verkauf von Nahrungsmitteln eine goldene Nase verdiente. Die BBC beschrieb ihn sogar als »skrupellosen Geschäftsmann«, und es überrascht nicht, dass der sich jetzt in Hoffnung auf den nächsten Geldregen bei der konservativen Regierung anbiedert.

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