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Aus: Ausgabe vom 17.05.2024, Seite 15 / Feminismus
Gleichstellung

Stimmabgabe ja, Mandat eher nein

Indien: Mehr Frauen beteiligen sich an laufenden Wahlen. Anteil der Kandidatinnen weiter sehr niedrig
Von Thomas Berger
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Finger mit Farbe markiert: Angehörige einer traditionellen Gemeinschaft nach Stimmabgabe in Telangana (13.5.2024)

In der »größten Demokratie der Welt« sind die Wahlen zum Unterhaus des Parlaments, der 543köpfigen Lok Sabha, in vollem Gang. Dieses Wochenende, am 20. Mai, findet die fünfte von sieben Abstimmungsphasen statt, bevor am 4. Juni, drei Tage nach der letzten Runde, die Auszählung erfolgt. Mit 49 Wahlkreisen, verteilt über acht Unionsstaaten, ist die aktuelle Runde eine der kleinsten. Die Wahlbeteiligung in den ersten vier lag zwischen 65,6 und 67,2 Prozent – auch Frauen strömten in großer Zahl in die Wahllokale. Die früher klare Differenz zwischen den Geschlechtern bei der Teilnahme hat sich statistisch zuletzt geschlossen. Bis zur Jahrtausendwende lagen die Werte bei Frauen konsequent rund zehn Prozentpunkte unter denen für Männer. Eine spürbare Annäherung war seit 2004 zu sehen. Vor fünf Jahren übertrumpfte die Stimmabgabe der Frauen landesweit sogar erstmals minimal die der Männer.

Dieser unbestreitbare Fortschritt sollte aber nicht zu Trugschlüssen führen: Die generelle politische Partizipation von Frauen rund um Wahlen, schreibt auch die Carnegie Foundation in einem Beitrag von Mitte April, sei nach wie vor deutlich geringer. Verwiesen wird zur Untermauerung auf diverse Studien über die Teilnahme an Wahlkampfkampagnen, Kontaktsuche zu gewählten Mandatsträgern oder den Besuch von Meetings. Und gerade beim direkten Zugang zu den Parlamenten habe sich bisher zuwenig getan, sind sich breite Kreise auf Basis der nackten Zahlenwerte über den Anteil gewählter und nicht gewählter Kandidatinnen einig.

»Lok Sabha Elections 2024: Where are the Women?« titelte das Wochenblatt Outlook am 9. Mai. Ja, wo sind die Frauen? Tatsächlich gibt es schon unter all jenen, die von den Parteien ins Rennen geschickt werden, ein grobes Missverhältnis. Outlook hatte im erwähnten Beitrag die konkreten Werte aus den ersten drei Wahlrunden zur Hand. Da waren es lediglich 135, 100 und 123 Kandidatinnen gewesen, insgesamt ganze 358 Frauen unter 4.162 Bewerbern. Relativ macht dies einen Anteil von lediglich 8,6 Prozent aus. In Runde fünf nun sieht es nicht anders aus: 695 Personen stehen in den 49 Wahlkreisen im Ring. Die größeren Parteien schicken nur 20 Frauen ins Rennen. Der weibliche Anteil liegt mit 11,8 Prozent auf dem gleichen niedrigen Level: »Die Unterrepräsentation von Frauen setzt sich weiter fort«, konstatiert die Zeitschrift India Today. Andere Berichte ordnen das ähnlich kritisch ein. »Die Parteien haben offenbar kalte Füße bekommen«, heißt es auch bei The Print. Das gelte für die hindunationalistische Indische Volkspartei (BJP) des auf eine dritte Amtszeit hoffenden Premiers Narendra Modi ebenso wie für die traditionsreiche Kongresspartei (INC) und andere progressive Kräfte aus dem Oppositionslager. Nicht einmal bei der regional in Punjab und in Delhi regierenden, aus der Antikorruptionsbewegung entstandenen Aam Aadmi Party (AAP, »Partei des kleinen Mannes«) oder der Bahujan Samaj Party (BSP, »Partei der Mehrheitsbevölkerung«), die sich explizit als Interessenvertretung der am untersten Ende der Kastenhierarchie stehenden Dalits sieht, ist das anders. Bei INC und BJP, die als einzige wirklich landesweite Präsenz haben, kommt bei den Kandidaten im Schnitt eine Frau auf sechs oder sieben Männer.

Bisweilen sind Ehefrauen, Witwen, Töchter oder Schwestern mehr oder minder Alibikandidatinnen, um angestammte Wahlkreise im politischen Besitz einzelner einflussreicher Familien zu halten. Indien hatte zwar mit Indira Gandhi ab 1966 als eines der ersten Länder eine Premierministerin. Sie folgte seinerzeit ihrem zwei Jahre zuvor verstorbenen Vater, dem Unabhängigkeitsvorkämpfer Jawaharlal Nehru. Im vorigen Jahr wurde per Verfassungsänderung beschlossen, die 33-Prozent-Quote, die es auf lokaler Ebene schon seit Jahren gibt (real waren es 2022 sogar rund 44 der dortigen Mandatsträger), auch für Regionalvertretungen und das nationale Parlament einzuführen. Zum Tragen kommt dies aber erst bei der Wahl 2029.

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