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Aus: Ausgabe vom 16.05.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
Lieferbranche

Abgewickelt mit Faktor 0,65

Lieferdienst Getir löst sein Geschäft in der BRD vollständig auf. Beschäftigte bleiben mit mickriger Abfindung zurück
Von David Maiwald
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»Die hatten einfach keine Ahnung vom deutschen Markt«: Getir hat in den letzten Jahren hohe Verluste eingefahren

Im Getir-Büro in Berlin-Mitte herrscht Untergangsstimmung. Wer im einstigen Gorillas-Hauptquartier ein- oder ausgeht, wird nicht mehr wirklich beachtet. Auf der Ebene vor dem Eingang steht eine Menschengruppe und diskutiert, im Empfangsbereich warten ehemalige Lieferfahrer, Rider, darauf, Abwicklungsverträge zu erhalten. Manche haben nicht einmal ihre Kündigung erhalten, können sich nun Rausschmiss und »Interessenausgleich« gleichzeitig abholen.

»Von den Managern ist keiner mehr da. Die schauen jetzt, dass sie irgendwo neu anfangen können«, sagt ein Beschäftigter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er ist nicht der Einzige. Es ist Ungewissheit spürbar, ein gewisser Zynismus liegt in der Luft, in der Ecke alte Gorillas-Papiertaschen voller Müll. »Jeder schaut auf sich, jeder versucht noch irgendwie das Beste für sich rauszuholen.« Bis Mittwoch wollte Getir sein Geschäft in der BRD abgewickelt haben.

Im Moment der Abwicklung scheint ausnahmsweise nicht nur der Status der Rider prekär. Steht doch für viele von ihnen weitaus mehr auf dem Spiel, etwa die Aufenthaltsgenehmigung durch den Job. Nach den Massenentlassungen von 2023 sind nun ausnahmslos alle 1.310 Beschäftigten bundesweit betroffen, ein Großteil wurde am Montag bereits freigestellt. Auf Anfrage äußert Firmensprecher Sven-Joachim Irmer gleichentags nur, dass Getir sich zur laufenden Abwicklung des Deutschlandgeschäfts nicht äußern werde. Tags darauf ist seine E-Mail-Adresse nicht mehr erreichbar. Geschäftsführer Clemens Koebele reagierte gar nicht erst auf Anfragen.

Nicht wenige haben bis zum letzten Tag für Getir gearbeitet. Für viele der Rider war es der erste Job in Deutschland. »Alle haben Kündigungen und den Abwicklungsvertrag bekommen. Wir haben unterschrieben und ihn zurückgeschickt und jetzt haben wir die Ungewissheit: Werden die Abfindungen gezahlt? Und wann: im Mai, im Juni, im Juli?« erklärt ein Beschäftigter. Wie schon Gorillas war auch das Geschäft von Getir durchweg nicht profitabel. Wie lange die Blase noch aufrechterhalten werden konnte, hing vollständig von den Investoren ab.

»Die Frage ist jetzt: Wieviel ist es ihnen noch wert, wann ziehen sie die Reißleine und es kommt kein Geld mehr?« erklärt ein Angestellter gegenüber jW. Gesteuert wird das, was im Unternehmersprech »Umstrukturierung« heißt, vom international tätigen US-Beratungsunternehmen Alix Partners. Ehemalige Angestellte munkeln, das Finanzunternehmen sei eingesetzt, um für Mubadala »hier so günstig wie möglich den Stecker zu ziehen«. Nach dem Stand der Entwicklung und den Auswirkungen der neuen EU-Regelung zu Plattformarbeit gibt Alix Partners aber lediglich zu verstehen, man werde sich zum laufenden Vorgang nicht äußern.

Getirs Scheitern wird unterschiedlich erklärt. »Die hatten einfach keine Ahnung vom deutschen Markt«, sagt ein Angestellter im Foyer des Berliner Büros. Getir habe auf falsche Manager gesetzt, ein Konstrukt mit zu vielen Beschäftigten aufgebaut – von Investoren am Leben gehalten. Gesetzliche Bestimmungen habe das Management in der Türkei unterschätzt. Der Lieferdienst Gorillas sei mit Altlasten zum Unternehmen gestoßen, berichtete Business Insider. Zudem soll sich der Hauptinvestor Mubadala zuletzt eine Fusion von Getir mit Konkurrent Flink gewünscht haben. Neben dem Einsatz von rund 800 Millionen US-Dollar in Getir habe der Staatsfonds von Abu Dhabi auch dort »dreistellige Millionensummen« angelegt.

Es gehe nun darum, das Unternehmen so gut wie möglich abzuwickeln, eine Insolvenz abzuwenden, berichten Angestellte gegenüber jW. Zahlungsverzögerungen hatte es beim Lieferdienst schon im vergangenen Jahr gegeben. Eine offizielle Verlautbarung des Konzerns zur aktuellen Situation gibt es nicht. »Eine Insolvenz würde offenbaren, wie viel Geld am Ende wirklich verbrannt wurde«, hatte Business Insider vor zwei Wochen vermutet. Es sei klar, dass Getir-Gründer Nazım Salur und die Manager daran kein Interesse haben.

Im Gespräch mit Angehörigen des Betriebsrates habe eine mögliche Insolvenz von Getir Deutschland im Raum gestanden, berichtet Martin Bechert. »Ich muss nun davon ausgehen, dass intern wohl über eine mögliche Insolvenz gesprochen wird und dass das auch Gegenstand in den Verhandlungen um einen Sozialplaninteressenausgleich war«, erklärt der Rechtsanwalt, der Rider von Getir und Konkurrent Wolt vertritt. Die Abfindungen seien »mit Faktor 0,65« ausgehandelt worden. Bedeutet: Pro Beschäftigungsjahr, abzüglich Probezeit, erhalten die Gekündigten 65 Prozent eines Monatsgehalts. Ein Abwicklungsvertrag, den jW einsehen konnte, bestätigt das. Innerhalb der Probezeit Gekündigte dürften leer ausgehen. Sicherlich werden sich nicht alle Entlassenen mit diesem »Interessenausgleich« zufriedenstellen lassen.

Bei der Massenentlassung im vergangenen Jahr sei noch ein Vielfaches berechnet worden, erfährt jW von ehemaligen Angestellten. Gehälter und Abfindungen müssten aber schon budgetiert sein: »Jetzt geht es eigentlich nur darum, dass die Investoren auch zahlen. Auf einmal kommt es sicherlich nicht, sondern Stück für Stück.« Bangen auf den letzten Metern, um das wenige, was der Laden vor Schluss noch abwirft. Die von Betriebsrat und Geschäftsführung ausgehandelte Höhe steht sinnbildlich für die wirtschaftliche Situation des Unternehmens am deutschen Markt. Normalerweise orientierten sich Abfindungen an einem vollständigen Monatsgehalt, erklärt Rechtsanwalt Bechert: »Bei Insolvenzen ist es eher im Bereich Faktor 0,2 oder 0,3«.

Hintergrund: Pleitegeier Gorillas

Ende 2022 hatte Getir den bis dahin beachtlich gewachsenen Konkurrenten Gorillas gekauft. Das Lieferstartup wurde nicht neutralisiert, sondern blieb als Marke neben Getir im Unternehmen bestehen. Von vielen Seiten wurde bereits dies als strategischer Fehler angesehen, der zuviel zusätzliche Kosten erforderte. Auch hinterließ Gorillas dem türkischen Lieferdienst eine Menge Altlasten. Das Go zum Kauf wie zur Weiterführung der Marke gaben Gründer Nazım Salur und seine Entscheider aus der Türkei. Getir verbrenne zwischen 80 und 100 Millionen US-Dollar monatlich, berichtete das Handelsblatt im August 2023. Getir kürzte seinerzeit bereits international 2.500 Stellen, zog sich aus Märkten in Europa und einigen Städten in Deutschland zurück.

Viele Unternehmen der Plattformbranche sind seit Jahren einzige Geldvernichter: Weder Getir noch Gorillas erzielten durch ihre Dienstleistungen je Profite. Doch mit sinkender Nachfrage zum Ende der Coronapandemie weltweit und gestiegenen Zinsen ist das Geschäft rauer geworden. Investoren suchen aktuell renditeträchtige Anlage. Die Zeit, als Unmengen Risikokapital verbrannt wurden, ist offenbar vorbei. Konnte Getir seine Finanzierung noch 2022 mit beinahe 770 Millionen US-Dollar abschließen, zieht sich Hauptsponsor Mubadala nun zurück. Schon im vergangenen Jahr erhielt Getir vom Investor anstatt erhoffter 500 Millionen US-Dollar «lediglich» weitere 100 Millionen.

Das Geschäftsmodell bestand seit Jahren ausschließlich darin, Investorengeld zu sammeln. Die Wette auf das Versprechen, irgendwann Marktführer zu sein und die Preise zu diktieren, zog. Als ein Gewinner dieser Entwicklung steht auf dem deutschen Markt nun der Lieferdienst Flink. Auch hier hat Mubadala bereits hunderte Millionen US-Dollar Kapital versenkt. Die Konkurrenz ist durch den Rückzug von Getir und damit auch Gorillas jedenfalls deutlich geschrumpft.

(dm)

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