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Aus: Ausgabe vom 15.05.2024, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Widerspiegelung

Von Marc Püschel
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Die ganze Welt im Spiegel repräsentiert. Wer will das schon wahrnehmen?

Wohl kein Gegenstand hat jemals die Menschheit so sehr zum Denken angeregt wie der Spiegel. Alle Kulturen haben Rituale, Mythen oder Erzählungen, die sich um ihn ranken. Dabei wurde er zu einer der beliebtesten Metaphern schlechthin und nahm eine Vielzahl von Bedeutungen an, ob Ausdruck von Eitelkeit oder von Selbsterkenntnis und Wissen – manchmal auch beides, man denke an das berühmte »Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«.

Rein materiell gesehen ist Spiegeln (vom lateinischen speculum) ein profaner Vorgang, für den es nur Licht und eine reflektierende glatte Fläche braucht. So kann uns auch unser Spiegelbild in einem See faszinieren, Narziss lässt grüßen. Die Menschen interessiert also weniger der heutzutage massenhaft produzierte Gebrauchsgegenstand, sondern das Phänomen der Widerspiegelung. Dabei liegt es zunächst als erkenntnistheoretischer Vorgang nahe. Jacques Lacan hat auf seine hohe entwicklungspsychologische Bedeutung hingewiesen. Seither spricht man vom Spiegelstadium als einer Phase des Kindes, in der es Selbstbewusstsein entwickelt, da es sich selbst im Spiegel erkennt.

Davon zu unterscheiden ist Widerspiegelung als allgemeiner Vorgang in der Welt. Als solcher gewinnt der Spiegel im rationalen Denken der Menschen vor allem seit dem Mittelalter Bedeutung. Wechselseitig wird dabei, etwa bei Thomas von Aquin, einmal Gott als Spiegel der Welt, ein andermal die Welt als Spiegel Gottes bezeichnet. In dieser Doppeldeutigkeit ist bereits eine Aufhebung des theologischen Weltbildes angelegt, denn wird Gott nur noch in einem Spiegelverhältnis zur Welt gefasst, ist der erste Schritt zu seiner Entpersonalisierung schon getan. Auch im weltlichen Bereich kommt das Spiegeln seit dem Mittelalter zu Ehren, darauf deutet etwa der »Fürstenspiegel« als Mahnschrift an Könige.

Noch gesteigert wird die Bedeutung in der Renaissance und im Barock. Spiegelkabinette und -säle beginnen die Menschen zu faszinieren, seit Versailles kommt kaum ein Schloss mehr ohne aus. Nicht ohne Zufall ist es der Barockphilosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, der schließlich der Spiegelmetapher eine strenge philosophische Bedeutung zuschreibt. So heißt es in Paragraph 56 seiner Monadologie: Die »Anpassung aller geschaffenen Dinge an jedes und eines jeden an alle anderen [bewirke], dass jede einfache Substanz Beziehungen hat, die alle anderen ausdrücken, und dass sie folglich ein immerwährender lebendiger Spiegel des Universums ist«.

Hier bekommt die Widerspiegelung eine ontologische Bedeutung und zielt auf die allgemeine Wechselwirkung alles Seienden, denn da alles – und sei es auch noch so vermittelt – mit allem anderen in Beziehung steht, so lässt sich sagen, dass in jedem Seienden, jedem Gegenstand die ganze Welt perspektivisch ausgedrückt wird. Dieses Verständnis ist nach Leibniz lange Zeit verschwunden und auch dem Marxismus als einziger Philosophie, die dem Begriff Widerspiegelung eine systematische Rolle zuspricht, hat man meist unterstellt, nur eine platte Abbildtheorie zu vertreten. Ein Vorwurf, der nicht selten dazu dient, das Kind mit dem Bade auszuschütten und überhaupt zu bestreiten, dass es eine objektive Realität gibt, die wir im Geiste nur widerspiegeln.

Dagegen hat vor allem Hans Heinz Holz darauf verwiesen, dass Widerspiegelung nicht die bloße Wiedergabe einer Gestalt, sondern eine strukturelle Entsprechung zwischen Gegenständen und ihrer ideellen Repräsentation meint. Zugleich hat er erstmals wieder konsequent an den Leibnizschen Gebrauch der Metaphorik angeknüpft und Widerspiegelung als allgemeines Moment des miteinander wechselwirkenden Seienden verstanden. Denn ein Spiegel ist nur Spiegel, wenn er ein Anderes in sich enthält, eben indem er etwas spiegelt. In der Widerspiegelung ist daher Etwas zugleich sein Anderes, Gegensätze in einer Einheit. Am Spiegel wird, so kann man sagen, die Dialektik augenfällig.

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