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Aus: Ausgabe vom 15.05.2024, Seite 8 / Ansichten

Kiew sieht schwarz

Von Reinhard Lauterbach
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Hinter den Kulissen eines hohen Besuchs: Blinken in Kiew (14.5.2024)

Natürlich gibt es im Krieg genauso wie Zweckoptimismus auch Zweckpessimismus. Aber wenn der Chef des Militärgeheimdienstes GUR einem US-Leitmedium anvertraut, sein Land habe keine Reserven mehr, und die Front könne jederzeit brechen, dann ist das unmissverständlich. Zumal derselbe Mann in der Vergangenheit ständig mit Plänen zur Zerstörung der Krimbrücke geprahlt hat. War wohl nichts.

Angesichts des offenbar unerwartet raschen russischen Vormarsches beginnen in der ukrainischen Führung die Schuldzuweisungen. Am Montag hatte der Sprecher des GUR erklärt, der russische Angriff sei von seiner Behörde vorausgesagt worden, und man habe die politische und militärische Führung rechtzeitig informiert. Da macht sich die eine Abteilung einen leichten Fuß auf Kosten des Rests. Ukrainische Soldaten kritisieren, dass in den anderthalb Jahren seit der Zurückeroberung der Region Charkiw keine ordentlichen Befestigungen gebaut worden seien, so dass die Russen »wie das Messer durch die Butter« vorgehen könnten. Dass das Geld wohl gestohlen wurde, ist die bittere Vermutung, die immer lauter zu hören ist.

Wie verzweifelt die Lage der Ukraine ist, sieht man auch an zwei gleichzeitigen Entwicklungen auf der politischen Ebene. US-Außenminister Antony Blinken reiste zu einem Feuerwehrbesuch an den Dnipro, um »die Moral der ukrainischen Regierung zu stärken« und »dabei zu helfen, dass die bewilligte US-Hilfe in die richtigen Kanäle geleitet wird«, wie das Wall Street Journal trocken schrieb. Denn wenn sich nicht der Minister persönlich einschaltet, sieht Washington offenbar die Gefahr, dass der ganze Hilfseinsatz für die Katz war. Entsprechend zurückhaltend denn auch Blinkens politische Botschaft: Die USA seien »zuversichtlich, dass die Ukraine in einigen Jahren politisch, militärisch und sozial auf eigenen Beinen stehen wird«. Im Klartext: Heute tut sie das nicht.

Etwas gewundener drückte sich der Kanzler aus. Gegenüber dem Stern sagte er, das für Juni geplante Gipfeltreffen in der Schweiz könne allenfalls der Anfang für einen Gesprächsprozess zwischen der Ukraine und Russland sein. Genau das, was Wolodimir Selenskij ausschließt. Ehrlicher wäre die Aussage gewesen, dass die Ukraine ihre Hoffnungen auf Unterstützung für einen Diktatfrieden in die Tonne drücken kann. Und dass das Gipfeltreffen, von dem Selenskij sich ein »globales Ultimatum an Russland« erhofft, eher mit einem an seine eigene Adresse gerichteten enden wird: Verhandle endlich, sonst ist es aus mit dir.

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