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Aus: Ausgabe vom 15.05.2024, Seite 1 / Titel
Krieg und Krisen

Flucht im eigenen Land

Krieg und Krisen: Zahl der Binnenvertriebenen weltweit auf Höchststand, Tendenz weiter steigend. Brennpunkte sind Gaza, DR Kongo und Sudan
Von Ina Sembdner
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Für Palästinenser Alltag seit 1948: Vertrieben im eigenen Land (Deir Al-Balah, 11.5.2024)

Man stelle sich vor, Deutschland wäre ein riesiges Flüchtlingslager, in dem nahezu alle durch Krieg und Gewalt aus ihrem Zuhause vertrieben wurden. Das ist die Realität für 75,9 Millionen Menschen auf der Welt. Die Brennpunkte: Gazastreifen, Sudan und die Demokratische Republik (DR) Kongo. Denn in dem von Israel besetzten Gebiet und den zwei Ländern Afrikas lebten im vergangenen Jahr rund zwei Drittel der neu Vertriebenen. Diese Zahlen lieferte am Dienstag die Beobachtungsstelle für Binnenvertriebene (IDMC) mit ihrem in Genf vorgestellten Bericht. Angeführt werden darin auch 7,7 Millionen Menschen, die aufgrund von Naturkatastrophen – befeuert durch die Klimakrise – fliehen mussten.

Dabei verzeichnete die IDMC einen dramatischen Anstieg: So ist die Zahl der Menschen, die in den vergangenen fünf Jahren aufgrund von Konflikten und Gewalt innerhalb ihres Landes vertrieben wurden, um 22,6 Millionen oder 49 Prozent gestiegen, wobei die beiden größten Zuwächse in den Jahren 2022 und 2023 zu verzeichnen sind. »Wir haben noch nie so viele Menschen aus ihren Häusern und Gemeinschaften vertrieben. Es ist ein vernichtendes Urteil über das Versagen der Konfliktprävention und der Friedensschaffung«, kommentierte Jan Egeland von der Norwegischen Flüchtlingshilfe. »Konflikte und die Verwüstungen, die hinter den Menschen liegen, bedeuten, dass Millionen sich kein neues Leben aufbauen können, und das oft über Jahre hinweg«, erklärte IDMC-Direktorin Alexandra Bilak. Diese Aussage verweist auf die Lage der Palästinenser in den vergangenen 76 Jahren. An diesem Mittwoch, dem Nakba-Tag, wird weltweit dieser am längsten andauernden Vertreibung gedacht.

Und es gibt noch jene Vertriebene – auch dazu zählen die Palästinenser überproportional –, die Schutz in einem anderen Land suchen. Ihre Zahl lag nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) im vergangenen Jahr bei insgesamt rund 114 Millionen Menschen. Schon im Januar warnte die Organisation, dass 2024 mit einem Anstieg auf bis zu 130 Millionen Vertriebene zu rechnen sei. Im Rückblick skizzierte das UNHCR damals die Herausforderungen dieser Entwicklung: »Im vergangenen Jahr haben wir eine enorme Zunahme von Notsituationen erlebt, wobei neue Krisen entstanden sind und ungelöste sich verschlimmert haben, so dass wir an die Grenzen unserer Reaktionsfähigkeit gestoßen sind.« Das Ausmaß des menschlichen Leids sei unermesslich und mache deutlich, wie wichtig kollektives Handeln und Solidarität sind.

Wie sich an den »vergessenen« Kriegen in Sudan und der DR Kongo und dem als »gerechtfertigt« angesehenen Feldzug Israels gegen Gaza zeigt, ist dergleichen auch in diesem Jahr nicht zu erwarten. Und die Mehrfachvertreibungen der Einwohner in der palästinensischen Enklave werden die Zahlen noch einmal in die Höhe treiben, denn registriert wird von der IDMC »jede neue Zwangsumsiedlung einer Person innerhalb der Grenzen des Landes, in dem sie ihren gewöhnlichen Wohnsitz hat«. Oder die Betroffenen werden getötet, wie die mittlerweile mehr als 35.000 Opfer israelischer Bomben, Artillerie oder Scharfschützen. Die israelische Armee rückt derweil weiter auf Rafah vor. Mehr als eine Million Menschen harren dort in Lebensgefahr aus. Um dem ein Ende zu setzen, hat Südafrika einen weiteren Eilantrag beim Internationalen Gerichtshof eingereicht. Am Donnerstag und Freitag wird sich in Den Haag zeigen, ob sich kollektives Handeln durchsetzen kann.

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