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Aus: Ausgabe vom 14.05.2024, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Mikroplastik

Plaste im Leib

Überall und alles durchdringend. Mikroplastik lagert sich auch im menschlichen Körper ab
Von Wolfgang Pomrehn
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Sie sehen, Sie sehen nichts. Und dennoch wird auch in dieser Wasserprobe aus dem Mittelmeer Mikroplastik zu finden sein

Kunststoffe sind eine praktische Angelegenheit und daher als Gebrauchsgegenstände, Textilien, Kosmetika und Wegwerfware allgegenwärtig. Doch sie haben ihre dunklen Seiten. Zum einen verbraucht ihre Produktion fossile Rohstoffe und setzt Treibhausgase frei. Letzteres unter anderem auch dadurch, dass der zur Plastikherstellung eingesetzte Wasserstoff per Dampfreformierung aus Erdgas erzeugt wird und dabei jede Menge CO2 anfällt.

Zum anderen verteilt sich Plastikmüll immer weiter rund um den Planeten, ist selbst am Boden der Tiefsee und in den Polregionen zu finden. Fische, Meeressäuger und Vögel verenden an ihm, weil sie ihn mit Nahrung verwechseln und er daraufhin ihre Mägen verstopft. Die Langlebigkeit und Beständigkeit des Plastiks – der wissenschaftliche Dienst des Bundestages spricht von bis zu 2.000 Jahren – wird dabei zum besonderen Problem, denn die Kunststoffe werden bisher kaum von Bakterien abgebaut. Vielmehr werden sie von Wind und Wellen zermahlen und verbreiten sich schließlich als Mikroplastik in den Meeren, auf dem Land und in der Luft.

Als Mikroplastik werden Partikel bezeichnet, deren Durchmesser fünf Millimeter oder kleiner ist. Sie können also gerade noch sichtbar oder auch für das menschliche Auge zu klein sein. Nach der Definition der Europäischen Chemikalienagentur ECHA zählen auch Partikel im Nanometerbereich zum Mikroplastik. Ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter. Diese Partikel entstehen als Abrieb von Autoreifen, durch den erwähnten Zerfall von Plastikmüll in den Meeren oder auf den Äckern, werden aber auch für Kosmetika hergestellt. In einigen Zahnpasten und Hautcremes sind sie zum Beispiel zu finden. Ebenso in Reinigungsmitteln, Baustoffen und Straßenbelägen.

Besonders häufig sind winzige Textilreste, Mikrofasern, schreibt Judith Weis im Magazin The Conversation. Die Biologin forscht als Emeritus an der Rutgers-Universität von Newark, USA, und hat sich besonders mit den Küstenmarschen und Mündungsgebieten der Flüsse in New York und dem benachbarten New Jersey beschäftigt. Mikrofasern entstehen massenweise beim Waschen von Textilien und landen mit dem Abwasser in den Kläranlagen, so Weis. Dort könnten sie, sofern moderne Technik angewendet wird, zu 99 Prozent aus dem Wasser gefischt werden. Da aber die Mikrofasern überaus zahlreich anfallen, sei auch das verbleibende eine Prozent noch eine große Menge.

Außerdem würden die herausgefilterten Mikrofasern in den Klärschlämmen landen. Wenn diese in der Landwirtschaft ausgebracht werden, wie es auch hierzulande bis vor kurzem üblich war, gelangen die mikroskopisch kleinen Fasern in die Nahrungskette. Erst werden sie von den Pflanzen aufgenommen, die dann entweder von Tieren oder direkt vom Menschen gegessen werden. In Deutschland wird allerdings inzwischen mehr als die Hälfte der Klärschlämme verbrannt, heißt es beim Umweltamt. Der Grund sind die zahlreichen Schadstoffe wie Schwermetalle, Arzneimittelrückstände und eben auch Mikrofasern.

Zu den problematischen Kleinst­fasern gehören derweil nicht nur solche aus Kunststoff, meint Weis. Auch natürliche Stoffe können erheblich mit giftigen Farben, Flammschutzmitteln und ähnlichem belastet sein und gelangen ebenso wie die synthetischen Fasern über die Abwässer aus den Waschmaschinen in die Umwelt. Hinzu kommt, dass die Mikrofasern in Flüssen und Meeren – egal ob aus Plastik oder natürlichem Material – zum Magneten für Schwermetalle und andere Schadstoffe werden können, die sich im Wasser befinden. Mikropartikel sind also sozusagen auch als Schadstofftaxen unterwegs.

Nun kann man versuchen, sich gesund zu ernähren, keine in Plastik verpackten Lebensmittel mehr kaufen und manches mehr unternehmen, doch ganz entziehen kann man sich der Gesundheitsgefährdung nicht. Schon gar nicht in der Stadt, etwa an vielbefahrenen Straßen, an denen meist die ärmeren Bevölkerungsteile leben müssen. Der Abrieb von Autoreifen und andere feinste Kunststoffpartikel verbreiten sich nämlich auch über die Luft und können eingeatmet werden. Eine kürzlich im Fachmagazin Environmental Advances veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass das Einatmen von Mikro­plastik zwar unvermeidbar ist, dass aber die Art der Atmung und die Form der Partikel bestimmt, wie tief sie in Atemwege und Lunge eindringen können. Anders als man vielleicht meinen mag, dringen die Partikel besonders tief bei langsamen, ruhigem Atmen in den Körper ein.

Grundsätzlich gilt dabei, wie auch für das über die Nahrung aufgenommene Mikroplastik: Je kleiner die Teilchen, desto eher können sie Barrieren überwinden. Nanopartikel können auch in Körperzellen eindringen und selbst die Blut-Hirn-Schranke, die unseren »Denkmuskel« vor Krankheitserregern schützt, ist für Nanokunststoff keine unüberwindbare Mauer, wie an der Wiener Uni 2022 festgestellt wurde. Im Versuch mit Mäusen fand man heraus, dass winzige Kunststoffkügelchen von knapp 300 Nanometer Durchmesser schon zwei Stunden nach der Aufnahme mit der Nahrung im Gehirn ankamen. Die Partikel waren mit Fluoreszenzmarkern verfolgbar gemacht worden.

Was das Mikroplastik im Gehirn, in der Leber oder in den anderen Organen anstellen kann, ist noch nicht restlos erforscht. Klar ist aber unter anderem, dass es Zellwände beschädigen und Entzündungen fördern kann. Auch ist bekannt, dass es in der Lunge Asthma verursachen oder verschlimmern kann. Schließlich legt eine neue, Anfang März im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie auch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nahe. 304 Patienten mit verstopften Arterien waren in Italien und den USA untersucht worden. Bei knapp 60 Prozent der Probanden war in den Verstopfungen Mikroplastik gefunden worden.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (14. Mai 2024 um 21:33 Uhr)
    Wird Gunther von Hagens bald arbeitslos? Plastination bei lebendigem Leib durch Atmung? Schöne neue Welt, an Nachschub für Mikroplastik mangelt es ja nicht!

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