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Aus: Ausgabe vom 14.05.2024, Seite 10 / Feuilleton
Theatertreffen 2024

Vor dem eisernen Vorhang

Berliner Theatertreffen: Attraktives Debattentheater mit Anton Tschechows »Die Vaterlosen« in der Produktion der Münchner Kammerspiele
Von Michael Wolf
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Opfer seiner selbst: Joachim Meyerhoff als Platonow

Der Ethnologe Thomas Hauschild taugt immerhin zu einem halben Optimisten. Mittels des Theaters und ihm vergleichbarer kultureller Praktiken, bei denen die Grausamkeit und der Affekt sich entladen können, ohne blutige Konsequenzen zu zeitigen, sei der Krieg ihm zufolge zumindest aufschiebbar. Der emeritierte Professor der Universität Halle-Wittenberg macht aber damit zugleich klar, dass es früher oder später immer zum Gemetzel kommt, sobald Menschen aufeinanderstoßen.

Der intellektuelle Impuls und das Schauspiel kommen in dieser Theaterarbeit vortrefflich zusammen. Regisseurin Jette Steckel hat den Dramaturgen Carl Hegemann, ein Urgestein der Castorf-Volksbühne, gebeten, mit wechselnden Gästen Gespräche zu führen, die ihre vierstündige Inszenierung von Anton Tschechows Frühwerk »Die Vaterlosen« (bekannt auch unter dem Titel »Platonow«), immer wieder kurz unterbrechen. Hegemann und sein Gast werden auf der Drehbühne ab und zu in die Szenerie geschoben, sie führen ihr Gespräch derweil einfach weiter oder lassen sich vom Ensemble in einen Streit verwickeln.

Je nach Besetzung des zweiten Stuhls neben Hegemann ergibt sich so eine neue inhaltliche Schwerpunktsetzung der ganzen Produktion. Bei der Aufführung vom Sonntag beim Theatertreffen ging es vor allem um die Frage, was den Menschen ausmacht. Mit Hauschild auf der Bühne darf man antworten, dass er ein aggressives Wesen ist. Und das Spiel des Ensembles kann als Beweisführung gelten. Schon in der ersten Stunde, die Steckel großzügig zur Vorstellung der Figuren aufwendet, und in der die Spielerinnen und Spieler vor dem eisernen Vorhang herumstehen, sich gegenseitig reizen und triezen, wird klar, dass gewaltfreie Kommunikation hier nicht gefragt ist.

Ein besonders niederträchtiges Exemplar der Gattung Homo sapiens ist Platonow, die Haupt- und Titelfigur des Stücks, ein Intellektueller und Charismatiker, dem in seiner Jugend das Größte zugetraut wurde, der es dann aber wider Erwarten nur bis zum Dorfschullehrer gebracht hat. Es mag die Frustration über das eigene Scheitern sein, die ihn nun dazu verleitet, sein Umfeld bis aufs Blut zu reizen. Einem jeden rechnet er vor, was für eine verpfuschte Existenz er doch friste.

Der einmalige Schauspieler Joachim Meyerhoff macht diesen Platonow zu einem Erlebnis. Man kann sich einfach nicht sattsehen an seinem Spiel, daran, wie er aufmerksam auf jedes Zeichen von Schwäche bei den anderen achtet, wie bei ihm auch die lahme Replik Funken wirft, wie er im Angriff seine eigene Hilflosigkeit verbirgt, wie er sich immer wieder mit seinem T-Shirt den Schweiß vom Gesicht wischt, als fühle er sich gehetzt von seinem Zwang zur Bösartigkeit.

Was für ein Arschloch und dabei auch noch so attraktiv! Man sieht es den Damen nach, dass sie ihm reihenweise verfallen. Edith Saldanha verzeiht ihm als Ehefrau Sascha seine Untreue, die Generalswitwe (Wiebke Puls) versucht ihn sich in die Arme zu saufen und Katharina Bachs Sofja wirft leichthin ihre junge Ehe fort, um mit ihm durchzubrennen. Wen wundert es, dass Platonow sich den Avancen nie so ganz ergibt, dass er viel verspricht und wenig hält, dass er seiner eigenen Macht über sein Umfeld nicht gewachsen ist? Letztlich ist dieser Mensch ein Feigling, einer, der sein Leben nicht führt, sondern fortwährend vermeidet. Im letzten Teil des Abends zieht Meyer­hoff einige Metallstäbe aus Florian Lösches klugem Bühnenbild, steckt sie sich in Hosen und Shirt und kreuzigt sich selbst damit. Und ja, man verspürt tatsächlich ein bisschen Mitleid für diesen Märtyrer, hat er sich doch einzig und allein für sich selbst geopfert.

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