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Aus: Ausgabe vom 14.05.2024, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Die Lehre der Pfirsiche

Die Doku »Teaches of Peaches« zeigt den Weg der kanadischen Künstlerin Merrill Nisker zum feministischen Undergroundpopstar Peaches
Von Norman Philippen
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Great Balls of Fire: Merrill Nisker alias Peaches

Es war einmal vor einem Fastvierteljahrhundert. Als das Independent-Label Kitty-Yo zu Berlin ein Album auf den Weltmarkt der Eitelkeit brachte, das so viele so unerhört hörbar fanden, dass es ein großer Erfolg ward. »The Teaches of Peaches« wird nicht nur vom Guardian zu den einflussreichsten Longplayern des freilich noch jungen 21. Jahrhunderts gezählt. Was wohl etwas weniger an den trashy Lo-Fi-­Electroclash-Beats lag und liegt, die die Kanadierin Merrill Nisker (Peaches) ihrem Roland (MC-505) entlockt(e), als doch vielmehr an für das Jahr 2000 neuartiger künstlerischer Aussage und Attitüde. Dass sich da eine so einfach Freiheiten herausnahm und ihre Sexualität offensiv zelebrierte, kannte die große Weltbühne zwar schon von z. B. Madonna. Doch wo die Diva vor allem Mut zur Schönheit zeigte und ihre getrimmte Schamlosigkeit makellos inszenierte, kräuselte Peaches Scham sich so ungehemmt durchs Höschen, das mit so dicken Balls of Fire gefüllt zu sein schien, wie sich die Mötley Crüe die ihren nur hätten wünschen können. Statt »Justify my Love« hieß es bei Peaches »Fuck the Pain away«, und schockierte Madonna mit »Erotica« oder »Bedtime Stories«, releaste Peaches ein Jahrzehnt später »Fatherfucker«. Von der verschiedenartigen Drastik der Bühnenoutfits ganz zu schweigen.

Unbestritten stieß Peaches Türen und Tore auf, durch die mindestens all die noch nicht gelinzt hatten, die allzu­tiefe Blicke in den musikalischen Underground bis dato nicht wagten. So war das damals. Heute ist es längst so anders, an imaginären dicken Eiern schwingenden Female-Fronted-Acts besteht (vor allem im Rap) wahrlich kein Mangel mehr. Und Peaches hat seit neun Jahren kein Album mehr veröffentlicht. 2022 konnte sie aber die für eigentlich 2020 geplante »Teaches of Peaches«-Jubiläumstour machen. Die Regisseure Philipp Fuss­enegger und Judy Landkammer waren filmend dabei, um nun die Dokumentation »Teaches of Peaches« in ausgewählte Kinos zu bringen.

Ich war bei einer Sondervorführung in der Berliner Kulturbrauerei dabei. Und mag über die an den Film anschließende, fatal fade Fragerunde mit der anwesenden Peaches aus Gründen der Freundlichkeit lieber kein Wort verlieren. Zur Doku kann ich aber vermelden, dass es eine insgesamt schon sehenswerte ist, die stellenweise meine Restless Legs ordentlich zum Wippen brachte. Gekonnt wird stetig gewechselt zwischen der Peaches um 2000 und der zwei Jahrzehnte älteren Stage Persona. Am Umgang mit und den Aussagen von Peaches’ Crew lässt sich ermessen, dass die Künstlerin lebt, was sie vorlebt, die Crew durchaus sympathisch auch Familie zu sein scheint, so wie es – auch hier ganz anders als bei Madonna – sein sollte. Und Merrill Niskers alter Weggefährte Jason Charles Beck aka Chilly Gonzales lässt sich Joint rauchend im Bademantel auch fast so gut sehen, wie Peaches immer noch recht furiose Bühnenperformance.

Wer aber diese Merrill Nisker hinter Peaches ist, lässt sich – (von ihr) so gewollt? – allerdings kaum mehr als nur erahnen. Ihr im Film oft zu Wort kommender Lebenspartner hätte jedenfalls offenbar gerne etwas mehr von ihr. Und manchen Fans dürfte es nach Ansicht der Doku ähnlich gehen. Schade auch, dass der Film das Unkonventionelle an Peaches so konventionell verpackt. Den beiden Filmemachern sei, gemäß der Lehre der Pfirsiche, gewünscht, beim nächsten Mal mit deutlicherer Handschrift zu zeichnen. Aber anyway: Fuck the pain away!

»Teaches of Peaches«, Regie: Philipp Fussenegger und Judy Landkammer, BRD 2024, 102 Min., bereits angelaufen

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