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Aus: Ausgabe vom 13.05.2024, Seite 10 / Feuilleton
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Wie ein Erwachen

Ausstellungseröffnung und Konzert des südafrikanischen Künstlers Garth Erasmus am Donnerstag in der jW-Maigalerie
Von Gisela Sonnenburg
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Mit der Ausstellung »Xnau Drawings« erforscht Garth Erasmus die indigenen Wurzeln der Khoisan

Das schwierigste sei es, in dieser Welt zu überleben. Das sagt der südafrikanische Künstler und Musiker Garth Erasmus (68). Demnach hat sich für die Menschheit nie viel geändert. Aber die Ausstellung, die am kommenden Donnerstag in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin-Mitte eröffnet wird, geht thematisch noch tiefer. Sie zeigt die Xnau-Zeichnungen von Erasmus, die während der letzten Dekade entstanden. »Xnau« (»nau« ausgesprochen) ist ein Wort der indigenen Ureinwohner Südafrikas und bedeutet »Einweihung, Initiation«. Mit patriarchal geprägter Ursprünglichkeit einerseits und mit dem Thema der Dekolonisation andererseits setzt sich Erasmus in seiner Kunst auseinander.

Der Mensch als Teil der Natur: Dieser Gedanke ist ganz stark in den bunten Arbeiten im DIN-A-4-Format. Figuren, die Mischwesen aus Tier und Mensch oder auch aus Mensch und Pflanze zu sein scheinen, bäumen sich hier gegen ihr Schicksal auf. Manchmal sind es drei Arme und vier Beine, die so ein Wesen ausmachen, neben smaragdgrünen, katzengleichen Augen in der schwarzen Silhouette.

Pflanzenornamente und Schriftzüge bilden die Kontraste. Das Wort »LOST«, ist zu erkennen, und der Frauenname »SARA:« schiebt sich mit einem Doppelpunkt dazu. Der weibliche Schattenriss in Blaugrün scheint auf dem Bild entrückt. Liebeskummer, Weltschmerz, Verlustängste sind die vorherrschenden Stimmungen.

»Xnau« bedeutet für Garth Erasmus eine Initiation im modernen Sinn. Früher wurden die jungen indigenen Männer beschnitten und dann für mehrere Wochen in der Wildnis sich selbst überlassen. Sie sollten beweisen, dass sie als Jäger und Sammler ohne die Gemeinschaft überleben können. Diese grausame Auslese ist nicht das, was der Künstler uns heute mitteilt. Für ihn bedeutet »Xnau« eine Art Selbstfindung, auch Selbsterfindung: durch Sensibilisierung, durch Konzentration, durch das Zurückgeworfensein auf sich selbst. Neuausrichtung. Es sei wie ein Erwachen, sagt Erasmus. Man schaut in sich hinein, entdeckt seine Wurzeln, man verbrüdert sich mit seinem eigenen Innersten, um etwas Neues hervorzubringen. Das ist wie ein mentaler Schutzschild – das Wissen um die eigene Erneuerung. Identität durch Selbstinitiation.

Es sind die Khoisan, also die indigenen Urvölker Südafrikas, die Erasmus inspirieren. Ihre Konflikte dauern an, obwohl sie seit 1994 in Südafrika formal gleichgestellt sind. Aber in Erasmus’ Perspektive haben sie immer weiter gelitten; egal, wer gerade um die Macht rangelte.

Die Geschichte Südafrikas ist eine Geschichte der Verdrängung: Die Indigenen wurden verdrängt und vertrieben, schwarze Sklaven wurden von den Weißen ins Land geholt. Von 1652 bis 1794 herrschten die Niederländer, dann übernahmen die Engländer. Kolonialisierung total. Und die letzten Apartheidgesetze wurden erst im Juni 1991 abgeschafft.

Dennoch beobachtet Erasmus, dass Kriminalität, Drogensucht und Verwahrlosung – typisch für den Spätkapitalismus – als Ergebnis der Kolonialzeit wirken. Als Spätfolgen sozusagen. Weil Erasmus’ Unbehagen schon seit den 80er Jahren in ihm gärt, war ihm, der an der Rhodes University in Grahamstown Kunst studiert hat, auch die Malerei eines Tages nicht mehr genug. Er probierte die Herstellung von Skulpturen, versuchte, dreidimensional zu denken, wie er kürzlich im Interview mit der jungen Welt erzählte. Doch es kam noch ganz anders.

In seinen Bildern ziehen weiße Silhouetten mit Pfeil und Bogen durch das Universum. Khoi Khonnexion heißen die drei Männer, die da aufmarschieren wie ein Reigen der Unendlichkeit. Die »Khoi-Verbindung« ist aber keine Phantasie, sondern eine Band. Denn Garth Erasmus kam, als er neue Ausdrucksformen suchte, zur Musik.

Er baute sich ursprünglich anmutende Instrumente, entlockte ihnen fremdartig-aufregende Töne. Damit begann sein neuer Weg. Außer mit Ausstellungen müht er sich seither, die Menschen mit avantgardistischen, exotisch-lockenden Klängen für seine Themen zu interessieren, meditativ und aufrüttelnd zugleich. Auch in der Maigalerie wird er am Abend der Vernissage mit dem Keyboarder Ben Watson und dem Schlagzeuger Peter Baxter ein Konzert geben: elementar.

»XNAU DRAWINGS«. Vernissage mit Konzert: Do., 16.5., Maigalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin, ab 19 Uhr, Eintritt: 10 Euro (erm. 5 Euro)

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