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Aus: Ausgabe vom 11.05.2024, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Gedenkpolitik

Gagarin hinter Stacheldraht

Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer: Wahrzeichen der Sowjetunion und des Sieges über den Faschismus abgerissen und ihrer Bedeutung beraubt
Von Unai Aranzadi
Im »Museum des Territoriums des Terrors« in Lwiw werden ehemalige Helden heute als Schurken ausgestellt
Entehrt: Der Matrose Jewgeni Nikonow verlor im Kampf gegen die Nazis sein Leben. Seine Statue ohne Kopf steht nun versteckt im Garten des Maarjamäe-Museums

Wenn man Tallinn auf dem Weg nach Osten an der Ostsee verlässt, findet man einen Palast aus dem 19. Jahrhundert, der von einem russischen Adligen in Auftrag gegeben wurde. Heute beherbergt er das Maarjamäe-Museum, einen wunderschönen Ort, der einen Teil der estnischen Geschichte zeigt. Die Dauerausstellung trägt den Titel »Mein freies Land« und umfasst 100 Jahre seit der Ausrufung der Unabhängigkeit des kleinen Landes im Jahr 1918.

In der mit Artefakten, Dioramen und Schildern bestückten Ausstellung wird die Darstellung der Nazibesatzung des baltischen Landes zwischen 1941 und 1944 auf ein Minimum reduziert, die Zeit als Sowjetrepublik steht eindeutig im Mittelpunkt. Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen, weil das sozialistische Regime fast ein halbes Jahrhundert andauerte. Zum anderen führte die Russifizierung, auch wenn sie nicht offiziell verordnet wurde, zum Erlöschen einer Kultur und Identität, die bereits in anderen Zeiten schwedischer oder germanischer Besatzung erschöpft war. Hinzu kam, dass viele Esten später wegen Kollaboration mit der Nazibesatzung nach Sibirien deportiert wurden.

So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass hinter dem Palast ein Geheimnis verborgen ist. Um es zu entdecken, muss man nur aus dem Museum heraustreten und einen Blick auf die Rückseite werfen. In einem Gartenbereich befindet sich das, was hier als »Friedhof der sowjetischen Statuen« bezeichnet wird. Auf diesem besonderen Friedhof befinden sich erwartbare und ikonische Skulpturen, wie z. B. ein in Granit gemeißelter Stalin oder mehrere in Bronze gegossene Büsten von Lenin. Sie sind ebenerdig aufgestellt, ohne ihre in Flachreliefs eingemeißelten Namen oder Sockel, die sie erheben könnten, und somit ohne jede physische und historische Größe. Der Charakter einer künstlerischen und in diesem Fall politischen Intervention, den jede Skulptur hat, die einen Platz im öffentlichen Raum einnehmen soll, wird hier zunichte gemacht.

Einseitige Entsorgung

Es genügt jedoch, weiterzugehen und vor anderen Skulpturen stehenzubleiben, um zu erkennen, dass der offensichtliche Demokratisierungsprozess in Ländern wie Estland mit der Entfernung von Statuen einen Zweck verfolgt. Der Besucher, der mit dem aktuellen Geschichtsrevisionismus, der Osteuropa überrollt, nicht einverstanden ist, fühlt sich Schritt für Schritt unwohler. Zu sehen ist beispielsweise eine ramponierte Skulptur zu Ehren der Soldaten der Roten Armee, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben ließen – sie weist deutliche Spuren eines Angriffs auf. Hier wird klar, dass die estnische Regierung nicht nur die Bildnisse der kommunistischen Führer aus dem Verkehr gezogen hat, sondern auch jene, die das Andenken an jene 8,7 Millionen Soldaten bewahren sollten, die bei dem vergeblichen Versuch starben, weitere 19 Millionen Zivilisten zu retten.

André Malraux warnte in seinem »Imaginären Museum«, »die Bedeutung von Stücken wandelt sich nicht nur im Laufe der Zeit, sondern auch mit dem Auge des Betrachters«. Und der neugierige Besucher wird entdecken, dass es neben den Russen (im allgemeinen wird hier der Sowjetbürger als Russe bezeichnet) auch Statuen linker Esten und von anderen Personen gibt, die bei der roten Vorhut keine große Rolle spielten, wie die des Matrosen Jewgeni Nikonow, dessen legendäre Geschichte besagt, dass er von den Nazis, die Tallinn umzingelten, bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Obwohl die Skulptur aus Bronze gefertigt ist, wurde ihr der Kopf abgerissen.

Estland wird in der Ausstellung als an die Russen »verlorenes Paradies« dargestellt. Das ist nicht ganz korrekt, da das Land nicht als Demokratie in den Zweiten Weltkrieg eintrat, sondern nach einer sechsjährigen Diktatur, die aus einem Kampf zwischen zwei reaktionären Fraktionen hervorging. So ist es nicht verwunderlich, dass der Impetus, der gegen die Diktatur des Proletariats an den Tag gelegt wird, in bezug auf die Nazibesetzung nicht seinesgleichen findet. Und auch wenn Vergleiche hässlich sind, so zeigt sich doch gerade hier durch das Wohlwollen des estnischen Staates gegenüber den Nazidenkmälern, dass der Sturz der sowjetischen Gedenkmonumente nicht darauf abzielt, die Unterdrückung als solche an ihren rechtmäßigen Platz zu stellen, sondern lediglich in linker Ideologie und Russentum alle Übel der Vergangenheit zu identifzieren.

Der vielleicht bedeutendste Fall ist der Sinimäed-Hügel, wo ein großer Denkmalkomplex zu Ehren der estnischen Kämpfer errichtet wurde, die Mitglieder der Waffen-SS waren. Es ist nicht so, dass der Staat keine Einwände dagegen hätte, aber es ist zu einem neonazistischen Wallfahrtsort geworden, der von Parlamentariern und vielen Mitgliedern der Streitkräfte besucht wird. Und es ist nicht der einzige. Am Lihula-Denkmal (das sich heute im Estnischen Museum für den Freiheitskampf in der Nähe von Tallinn befindet) ist deutlich ein Waffen-SS-Soldat zu sehen, der eine MP40-Maschinenpistole in der Hand hält, unter der man nur selten keine Blumen sieht. Dieses Wiederaufleben des Ultranationalismus bezeugt die Fähigkeit des Gedächtnisses von Völkern, Ideologien oder Mythen aufzugreifen, die über mehrere Generationen hinweg als ausgestorben galten. Das Zitat des griechischen Dichters Konstantínos Kaváfis erklärt das besser als alles andere: »Die Tatsache, dass wir ihre Statuen zerschlagen haben, dass wir sie aus ihren Tempeln geworfen haben, bedeutet nicht, dass ihre Götter tot sind.«

Leere Sockel

Monumente können aber auch durch ihr einfaches Verschwinden für Schlagzeilen sorgen. Als 1911 das Gemälde der Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen wurde, strömten die Pariser in die Kunstgalerie, nicht auf der Suche nach dem Werk, sondern nach der Leere, die zurückgeblieben war. Wenn damals der neue Kubismus für die Betrachtung von Dingen aus verschiedenen Blickwinkeln eintrat, so war die Abwesenheit des Objektiven eine weitere Möglichkeit, ein Werk trotz seiner Nichtexistenz zu erschaffen. In mehreren ukrainischen Städten bleiben viele Sockel, die seit 1945 die Idole der Sowjetära und des Kampfes gegen den Faschismus trugen, leer. Sowohl die Nachbarn, die die Denkmäler abreißen wollten, als auch diejenigen, die sich mit der durchschlagenden Botschaft ihrer Abwesenheit trösten, erfüllt das mit Genugtuung, wie es bei der Mona Lisa der Fall war.

Widersprüche dieser Art finden sich nicht zufällig in den Städten, in denen der zivile Konflikt zwischen den ukrainischen Bürgern im Zuge des Euromaidan am stärksten zu spüren war. In Slowjansk, in Charkiw, Tschassiw Jar und am Schwarzen Meer in der Stadt Cherson – wo, anders als überall sonst, die russischen Besatzer selbst es waren, die in der Vorstellung, welches Schicksal sie ereilen würde, die Statue des Flottenadmirals Fjodor Uschakow (1744–1817) mitnahmen, als sie die Stadt im November 2022 verließen. Obwohl die Ukraine das Opfer einer militärischen Invasion ist, ist sie nicht davon befreit, Schandtaten zu begehen.

Eine solche Schandtat ist die Errichtung einer Vielzahl von Büsten, Statuen und Gedenktafeln zu Ehren von Stepan Bandera, dem Helden der Nationalisten und gefeierten Nazikollaborateur, der von einer Kultfigur in den Lemberger Ultragangs zu einer zentralen Figur in der aus dem Euromaidan hervorgegangenen Ukraine geworden ist. Die Tatsache, dass Präsident Wolodimir Selenskij trotz jüdischer Wurzeln die Schaffung neuer Gedenktafeln, Plätze und Statuen zu Ehren von Bandera genehmigt hat, ist erschreckend. Nicht so sehr wegen des Widerspruchs zwischen der Tatsache, dass er Jude ist, und der Ehrung einer Person, die dazu beigetragen hat, Massenmord an Juden in der Ukraine zu veranstalten, sondern vielmehr, weil diese unangenehm widersprüchliche Tatsache uns von einer Zeit des Nihilismus und des Chaos erzählt, in der nichts nichts ist. Und wie Nietzsche in seinem »Sturz der Götzen« sagte: Wenn nichts nichts ist, ist alles möglich.

Aber um einen Ort zu sehen, der sowohl den Niedergang der Idole als auch das neue Paradigma, auf das Länder wie Estland und die Ukraine zusteuern, perfekt in Szene setzt, gibt es nichts Besseres als die Rückseite des »Museums des Territoriums des Terrors« in Lwiw. Gefangen, hinter Stacheldraht, der einem Vernichtungslager nachempfunden ist, und unter Türmen, die denen von Dachau oder Treblinka gleichen, sind Dutzende von Statuen aus der Sowjetzeit neben den Bahngleisen deponiert. Unbeweglich, auf der Seite oder auf dem Bauch liegend, als wären sie versteinerte Schauspieler in einer Show, deren Drehbuch die Geschichtsfälscher nach ihren jeweiligen Wünschen ändern, warten die Skulpturen dieser ehemaligen Helden, die jetzt Schurken sind, auf ein ungewisses Schicksal. Der Wächter, ein alter Mann mit zögernden Schritten, zeigt auf die Statuen und ruft die Namen ihrer Protagonisten auf, einen nach dem anderen. Dort, mit dem Gesicht nach oben, steht Juri Gagarin, der sich schuldig gemacht hat, als erster Mensch ins All geflogen zu sein. Davor eine Gedenktafel des sowjetischen Schriftstellerverbandes, in einer Ecke eine Pietà im Stil Michelangelos und zu guter Letzt, an denselben Gleisen, auf denen Menschen nach Sobibor und Belzec deportiert wurden, ein riesiges Wandgemälde, das zu Ehren der Soldaten, die im Kampf gegen den Hitlerfaschismus starben, vor sich hin rostet.

Wie auch immer man es betrachtet, die derzeitige sogenannte Entkommunisierung (sowie das neu geschaffene Entrussifizierungsgesetz) hat hier in Estland und vielleicht auch in anderen Ländern der Region Merkmale, die über die gesunde Übung hinausgehen, einen Diktator als Diktator bezeichnen zu können oder eindeutig unpopuläre Figuren von öffentlichen Straßen zu entfernen. Die Zerstörung eines Denkmals, das einem Astronauten oder einem Schriftsteller gewidmet ist (Dutzende von Statuen des Schriftstellers Puschkin oder Tafeln von Tolstoi), nur wegen ihrer Nationalität (oder noch schlimmer, weil sie auf Russisch geschrieben haben, wie der Ukrainer Gogol), würde jedoch unter das fallen, was man heute – und gerade von den Ländern, die den Krieg in der Ukraine finanzieren – als »Hassverbrechen« bezeichnet.

Und die Gleichsetzung der sozialistischen Seite mit der faschistischen Seite birgt deutliche Gefahren. Als jemand, der weder prosowjetisch noch prorussisch war, schrieb der deutsche Literaturnobelpreisträger Thomas Mann für die Zukunft: »Den russischen Kommunismus und den Nazifaschismus auf die gleiche moralische Ebene zu stellen, in dem Sinne, dass beide totalitär wären, ist bestenfalls oberflächlich; schlimmstenfalls ist es Faschismus. Wer auf dieser Gleichsetzung besteht, mag sich für einen Demokraten halten, aber in Wahrheit und in seinem Herzen ist er bereits ein Faschist, und er wird den Faschismus sicher nur scheinbar und heuchlerisch bekämpfen, während er dem Kommunismus seinen ganzen Hass lässt.«

Letztendlich ist die Entfernung von Statuen völlig legal, solange ein Konsens besteht. Letztlich ist jede Bevölkerung Herrin ihres eigenen Schicksals, und die Ukraine sollte da keine Ausnahme bilden (sogar Russland hat Hunderte von Sowjetstatuen entfernt). Es ist eine andere Frage, ob dieser Sturz eine demokratische und ebenso legitime Minderheit betrifft oder ob er dazu dient, den Aufstand anderer, gleichwertiger oder schlechterer Persönlichkeiten zu initiieren. Unter diesen Umständen ist die ideale Formel zwischen dem Erbe, dem künstlerischen und historischen Wert einer Skulptur als Zeugnis einer Epoche, ihrer Erhaltung und ihrer eventuellen Neubewertung in der Gegenwart eine komplexe Aufgabe. Sie sollte so unterschiedliche Bereiche wie Stadtplanung, Justiz, Kunst und die Einbeziehung der Gefühle der Bürger jenseits von Opportunismus, dem Kommen und Gehen von Politikern, den Interessen des Marktes und der Voreingenommenheit der Medien umfassen.

Weder der aktuelle russische Krieg gegen die Ukraine noch die Sowjetzeit in mehreren europäischen Ländern sollten als Alibi dienen, um reaktionäre Bewegungen zu schüren und zu versuchen, die Geschichtsschreibung zu ändern. Wenn Kiew und Brüssel von den Bürgern der Europäischen Union Mittel und Engagement für die Verteidigung gegen die russische Invasion fordern, sollten auch die Bürger der Union, die zu dieser Hilfe beitragen, etwas zu sagen haben. Wer die Augen vor der institutionellen Formalisierung finsterer Akteure wie Stepan Bandera verschließt oder die schadenfrohen Verweise des estnischen Fremdenverkehrsamtes auf die Grenadiere der Waffen-SS ignoriert, untergräbt die europäischen Werte, auf die er so stolz ist, und verschafft Russland eine Grundlage, um seinen Krieg zu rechtfertigen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (13. Mai 2024 um 08:33 Uhr)
    Machmal denke ich so vor mich hin ob es klug ist, dass die jW sich immer wieder selbst in den Rücken fällt. Im vorderen Zeitungsteil erklärt sie die Begrifflichkeiten, die ihre geistigen Gegner verwenden, um die Menschen zu verwirren. Und im zweiten Zeitungsteil finden sich dann genau diese Begrifflichkeiten, gut eingehüllt in nachdenklich Erscheinendes völlig unreflektiert wieder. Das Zurückrollen der Geschichte wird zum verständlichen Demokratisierungsprozess, 40 Jahre sowjetische Entwicklung in Estland werden zur Unterdrückung, die Ukraine bloßes Opfer einer unverständlichen militärischen Invasion … Da sitze ich und frage mich andauernd, ob es wirklich als Kunst gelten mag, sich selber in den Hintern beißen zu können.

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