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Aus: Ausgabe vom 10.05.2024, Seite 14 / Medien
Kulturkampf

Die Zeitungen der Hydra

Peru: Über die Rolle der Medien beim Putsch gegen Pedro Castillo und in der Diktatur danach. Vortragsreise der Politikwissenschaftlerin Laura Arroyo
Von Carmela Negrete
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Trugen zur Neutralisierung der Proteste in Peru bei: Zeitungen des Konglomerats Grupo El Comercio

Laura Arroyo, peruanische Politikwissenschaftlerin an einer Universität in Madrid, beendete am Sonnabend in Frankfurt am Main eine Vortragsreise durch Deutschland. Sie sprach über die Rolle der Medien in Peru, das seit dem Putsch Ende 2022 von Dina Boluarte regiert wird. Für Arroyo handelt es sich um eine Diktatur. Die Präsidentin gehöre zu einem Netzwerk von Herrschenden, das an die Hydra aus der griechischen Mythologie erinnere: Wenn man einen Kopf abschlage, wüchsen zwei neue nach. In Politik und Armee hätte das vielköpfige Ungeheuer maßgeblichen Einfluss, genauso im Justiz- und Finanzwesen und nicht zuletzt kontrolliere es die einflussreichen Medien. Mit Bezug auf Alberto Fujimori, dem peruanischen Präsidenten von 1990 bis 2000, sagte Arroyo: »Man hat Fujimori ein Ende gesetzt, aber nicht dem Fujimorismo. Das heutige Regime ist nicht genau dasselbe wie das der 90er Jahre, aber die Ziele und viele Akteure sind dieselben geblieben.«

Arroyo ist in Peru und Spanien als engagierte Journalistin bekannt. Sie moderiert eine Sendung auf Canal Red in Madrid, ist aber auch für die Nachwuchsausbildung bei der spanischen Partei Podemos zuständig und hat sich an Wahlkämpfen beteiligt. Die Forderung nach Neuwahlen in Peru greift für sie zu kurz. Es gehe nicht nur um Wahlen, sondern um die Architektur der Macht. »Niemand wird reich, indem er ein Medium gründet«, sagte sie Ende April bei ihrem Auftritt im Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika. Und fügte mit Blick auf die größte Mediengruppe in Peru an: »Fragen Sie El Comercio, welche rote Zahlen es schreibt.« Zum Konglomerat El Comercio gehören mehrere Zeitungen und Plattformen. »In Medien zu investieren, ist nicht rentabel, aber haben die Kapitalisten jemals Investitionen getätigt, die nicht rentabel sind? Nein.« Das Geld, das sie in diesen Fällen verlieren, dient zur Absicherung anderswo eingestrichener Profite. »Die Medien sind grundsätzlich dazu da, einen Konsens zu definieren.« Das habe schon Antonio Gramsci gewusst: »Der Kulturkampf ist kein neues Konzept.« Es gehe dabei um die Herstellung des in der Gesellschaft vorherrschenden Konsenses. »Früher hatten Kirchen oder Schulen diese Macht, heute sind es die Medien«, ist Arroyo sicher.

Und da spiele die El-Comercio-Gruppe in Peru, wo sie »rund 80 Prozent der Printmedien kontrolliert«, eine entscheidende Rolle: »El Comercio macht zum Beispiel Stimmung gegen einen Mindestlohn oder verbreitet die Angst, dass angeblich alle Firmen das Land verlassen werden.« Allein dieser Einfluss spreche dagegen, dass es sich in Peru um ein demokratisches System handle. Als Dina Boluarte mit dem Putsch an die Macht kam, erklärten die Zeitungen der Gruppe die Präsidentin für legitim. Außerdem galt sie ihnen als das kleinere Übel. »Gibt es ein Medium in dieser Gruppe, das kritisiert hätte, dass Bürger bei den Protesten gegen den Putsch erschossen wurden?«, fragte Arroyo in Berlin und wies zur Antwort auf Titelseiten. El Comercio ging es nur darum, den sozialen Aufruhr, so gut es ging zu neutralisieren.

Dann kam sie auf den linken Vorgänger Boluartes zu sprechen, der von ihr aus dem Amt gedrängt wurde: »Das wirklich Erstaunliche ist, dass Pedro Castillo trotz dieses Medienmonopols die Wahlen gewonnen hat«, erklärte Arroyo, die auf Einladung der peruanischen Gruppe PEX außerdem noch in Hamburg auftrat. »Die Eliten berufen sich auf die Pressefreiheit, doch viele Beiträge basieren schlicht auf Fake News oder reiner Diskriminierung.« Wichtige Informationen würden ausgelassen: »Wie viele Familien der Dutzenden Getöteten des Regimes von Boluarte kennen wir aus den Medien?«, fragte die Politikwissenschaftlerin ihre peruanischen Zuhörer. »In aller Regel werden die Opfer nicht mal in La República namentlich genannt.« Auch diese linksliberale Tageszeitung würde die Angehörigen der Opfer nicht zu Wort kommen lassen. »Sie werden nicht gefragt, welche Lösungen sie für die politische Krise in Peru vorschlagen.« So würde auch die Tatsache unterdrückt, dass eine Mehrheit der Peruaner eine neue Verfassung wolle. »Eine neue Verfassung wäre entscheidend, um festzulegen, ob wir weiterhin wollen, dass transnationale Konzerne unsere Naturressourcen ausbeuten und später Steuern in einem Finanzparadies zahlen statt in unserem Land.«

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