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Aus: Ausgabe vom 10.05.2024, Seite 11 / Feuilleton
Metal

Auf links krempeln

Selbst das Heavy-Metal-Festival Keep It True ist in der Gegenwart angekommen
Von Frank Schäfer
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Ein Riesenspektakel: Sonja

Das Keep It True (KIT) ist ein Festival der strikten Observanz. Der dem Metalgenre ohnehin immanente Traditionalismus findet sich hier im Reinzustand. Will sagen, man hört keinen Metal, sondern Heavy Metal, man feiert das Alte, Mittelalte, Uralte, und die paar Jungspunde, die es trotzdem auf die Bühne schaffen, klingen fast noch älter.

Man muss den im besten Sinne konservativen Fokus des Festivals so genau umreißen, um ermessen zu können, was da neulich bei seiner 24. Ausgabe passiert ist. Ich war gespannt auf Sonja, ein US-Powertrio, das gar nicht hierher passen wollte, weil es sich stilistisch zwischen die Stühle setzt. Im Mittelpunkt steht Sängerin und Gitarristin Melissa Moore, eine trans Frau, die vor ein paar Jahren die Solidarität der Szene kennenlernen durfte, als ihre damalige Band, die Black-Thrasher Absu sie nach vollzogener Geschlechtsangleichung achtkantig rausschmissen. Absu taumelten nicht unbeschadet durch den folgenden Shitstorm, während sich Moore an ihrer eigenen opulenten Lockenmähne aus dem transphoben Dreck zog und mit Sonja ein viel beachtetes Debüt einspielte. »Loud Arriver« ist ein stilistischer Wechselbalg. Ihre halbakustische, nur angezerrte Telecaster klingt nach Seventies-Hard-Rock, spielerische Intensität und Tempo erinnern eher an die New Wave of British Heavy Metal, aber die melancholische Stimmung der Songs und ihre großräumig verhallte, leicht ätherische Stimme sind dann wiederum Referenzen an den New-Romantic- respektive Dark-Wave-Sound der frühen 80er. Man durfte also überrascht sein, Sonja ausgerechnet auf dem KIT zu begegnen, und sie ließen auch vom ersten Song an keinen Zweifel daran, dass sie den hier herrschenden Konservativismus buchstäblich auf links krempeln würden.

Melissa Moore exponierte sich mit lasziver Geste im knappen weißen Lederrock, offenem Bolero und winzigen Fähnchen darunter, es war eine überdeutliche Inszenierung femininer Erotik, die sie aber nicht daran hinderte, mit ihren beiden Eleven am Bass und Schlagzeug hart und knochentrocken zur Sache zu gehen. Zum Finale coverten Sonja »Bridge of Death« von Manowar. Ein Riesenspektakel!

Manowar sind das in Töne gegossene maskuline Pathos. Bei »Was bin ich?« würden sie eine Faust ballen und damit drohend zum Himmel zeigen. Sonja simulieren das mit tödlichem Ernst, auch die martialischen Gesten. Bei jedem durchgeschlagenen Powerchord hebt Melissa Moore die Kriegerfaust und am Ende hält sie ihre Gitarre so über dem Kopf, als wollte sie die Siegesfahne in das neu eroberte Territorium rammen. Und dabei stakst sie auf Pumps hüftewippend über die Bühne, im Vollgefühl ihres Frauseins. Eine transgender Femme fatale macht sich über die allergrößte Steinzeit-Muskel-Macker-Band im Metal her – das ist so ungemein komisch, dass es allen, die noch nicht zuviel vom Gegorenen intus hatten, ein Grinsen aufs Gesicht zaubert.

Was Sonja hier aufführen, ist keine platte Persiflage, sondern eine komplexe, dialektische Form der Parodie, in der sich die Gegensätze Bewunderung und Verarsche aufheben. Moore liebt diese Band, das heißt nicht, dass sie über ihren atavistischen Machoquatsch keine Witze machen dürfte. Mit »Bridge of Death« wählt sie noch dazu einen Song, dessen Lyrics für Manowar-Verhältnisse fast schon eine philosophische Dimension aufweisen. Es geht um den frohgemuten Gang in die Unterwelt. Satan ruft! Denn der hat seinen Teil der Abmachung erfüllt und dem lyrischen Ich ein Leben in Saus und Braus geschenkt, jetzt heißt es, den Preis dafür zu zahlen. Nur gibt es hier zur Abwechslung mal kein Heulen und kein Zähneklappern und erst recht kein Bedauern, nur Neugierde auf die Sensationen, die in der Hölle noch auf einen warten. Das Geschlecht dieses reuelosen Sünder-Ichs ist übrigens herzlich egal.

Dass man an den avantgardistischen Rändern der Metalkultur mit so etwas durchkommt, beweist das Roadburn Festival jedes Jahr aufs neue, aber dass sogar die Orthodoxie soviel Spaß versteht, ist vielleicht ein Indiz dafür, dass auch die vermeintlich letzte Bastion der Heteronormativität mittlerweile in der Gegenwart angekommen ist.

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