Jetzt zwei Wochen gratis testen.
Gegründet 1947 Freitag, 21. Juni 2024, Nr. 142
Die junge Welt wird von 2788 GenossInnen herausgegeben
Jetzt zwei Wochen gratis testen. Jetzt zwei Wochen gratis testen.
Jetzt zwei Wochen gratis testen.
Aus: Ausgabe vom 02.05.2024, Seite 8 / Ansichten

Unschuldslamm des Tages: Jens Stoltenberg

Von Reinhard Lauterbach
8_portrait.JPG
Auch NATO-Generalsekretäre haben eine Seele, die man verletzen kann

Wer sagt denn, dass ein deutscher Panzer nicht bis nach Moskau kommt. Gleich zwei stehen seit ein paar Tagen auf dem »Verneigungshügel«, der Poklonnaja Gora am westlichen Stadtrand von Moskau: ein »Leopard« des neuesten Modells 2A6 und ein Schützenpanzer »Marder«. Gemeinsam mit ungefähr 30 weiteren Metallkameraden aus anderen NATO-Arsenalen, alles erbeutet in der Ukraine. Am Montag wurde der illustren Kollektion auch noch ein »Abrams«-Panzer aus den USA hinzugefügt. Von diesem Modell hatte es in den letzten Tagen in der Ukraine geheißen, die noch einsatzfähigen Exemplare seien auf US-amerikanischen Wunsch von der Frontlinie zurückgezogen worden, zu groß die Gefahr, dass einer von ihnen als Beutestück in russische Hände fallen könnte. Zu spät, du rettest den Tank nicht mehr, möchte man mit Schiller sagen.

Insgesamt sollen an die tausend Stück militärischer Ausrüstungsgegenstände aus NATO-Ländern auf der Poklonnaja Gora zur Schau gestellt werden. Damit zum Siegestag am 9. Mai die Moskauer auf den Dingern herumklettern und Selfies vor den Westpanzern machen können. Und über diese propagandistische Absicht beklagte sich besonders bitter NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg: Das seien »unzivilisierte Methoden« – sozusagen Zustände wie im alten Rom, wo so etwas auf Triumphzügen siegreicher Feldherren gängige Praxis war. Und überdies erwecke es den »falschen Eindruck«, so Stoltenberg, die NATO sei in der Ukraine Konfliktpartei.

Gewiss, dem Sekretär ist nichts zu schwer, und wenn das Offenkundige schon nicht mehr zu leugnen ist, kriegt er immer noch den Dreh hin, diese Enthüllung des Offenkundigen als unfaire Machenschaft zu entlarven. Denn Böses tun den Russen allenfalls die Ukrainer, und die haben das Recht dazu. »Wir« liefern ihnen dazu nur die Mittel.

2 Wochen kostenlos testen

Die Grenzen in Europa wurden bereits 1999 durch militärische Gewalt verschoben. Heute wie damals berichtet die Tageszeitung junge Welt über Aufrüstung und mediales Kriegsgetrommel. Kriegstüchtigkeit wird zur neuen Normalität erklärt. Nicht mit uns!

Informieren Sie sich durch die junge Welt: Testen Sie für zwei Wochen die gedruckte Zeitung. Sie bekommen sie kostenlos in Ihren Briefkasten. Das Angebot endet automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (2. Mai 2024 um 11:11 Uhr)
    In meinen Augen ist es offensichtlich, dass der militärisch-industrielle Komplex seit den späten 90er Jahren verzweifelt nach einem Schuldigen gesucht hat, um die enormen und stetig steigenden Militärausgaben sowie den immer noch vorhandenen Spionageapparat aufrechtzuerhalten und zu rechtfertigen. Zu dieser Zeit spielte China noch keine entscheidende Rolle, daher fiel die Wahl erneut auf das ressourcenreiche Riesenland Russland. Diese Entscheidung prägte die gesamte weitere Außenpolitik der USA und der NATO. Das aktuelle Argument der NATO lautet, dass die Verteidigung der Ukraine zur Sicherheit Amerikas und Europas beiträgt. Ich halte den Glauben, dass der Beitritt weiterer NATO-Mitglieder die USA stärken würde, für absurd. Jedes Mal, wenn ein Land die Sicherheit eines anderen garantiert, geht es eine Verpflichtung ein, ohne dabei einen Vorteil zu erlangen. Die Erweiterung der NATO ist also ein Fehler, sowohl für Europa als auch für die USA. Und letztendlich hatte Russland genug davon. Die NATO-Strategie bleibt weiterhin unklar. Ursprünglich war das Ziel, Russland wirtschaftlich zu schwächen und zu isolieren. Doch was sie erreicht haben, ist, dass der russische Handel weiterhin floriert und das Land militärisch stärker geworden ist. Jetzt verbreiten sie die Angst, dass Russland bis an die Atlantikküste vorrücken will. All das geschieht, um die militärische und digitale Waffenindustrie blühen zu lassen und die Dividenden der US-Dollarelite zu sichern.
    • Leserbrief von Niko aus Berlin (2. Mai 2024 um 17:30 Uhr)
      Korrekt. Die Rüstungsausgaben der USA haben sich seit Ende des Kalten Krieges fast verdreifacht. Der Wahnsinn der Rüstungsausgaben hat dazu geführt, dass manche Waffensysteme nach der Lieferung vernichtet und gleich wieder neu bestellt werden. Eine solche Überrüstung lässt sich ohne eine konkrete Bedrohung auf Dauer nicht rechtfertigen. Es ist eigentlich amüsant, dass die Strategie der Neocons den USA überhaupt nicht nutzt. Russland wird näher zu China gedrückt, BRICS erfährt eine Geburtshilfe, der Dollar gerät unter Druck und in der Folge schwindet die Macht des IMF. Ebenso gut hätte sich ein Sozialist das Programm ausdenken können, um die Macht des Kapitals zu brechen. Im Grunde dürfen die scheinbar allmächtigen Neocons nur ran, weil sie der Rüstungslobby den meisten Profit versprechen. Damit sind auch sie nur (gutbezahlte) Lakaien des Kapitals.
  • Leserbrief von Andreas Eichner aus Schönefeld (2. Mai 2024 um 09:10 Uhr)
    Was will er denn? Im Februar 2023 hat irgend jemand einen russischen T-72 vor die russische Botschaft Unter den Linden in Berlin abgestellt, die Kanone schön auf das Gebäude gerichtet. Vielleicht sollten die Moskauer ihre Kriegsbeute innerhalb Moskaus ähnlich platzieren. Aber diese Beute zeigt eines, die Waffen sind nicht als (sehr teures) Verbrauchsmaterial. Rheinmetall, General Dynamics und die anderen Waffenhersteller und ihre Aktionäre wird es »freuen«.

Mehr aus: Ansichten