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Aus: Ausgabe vom 29.04.2024, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Streik seit 170 Tagen

»Die Menschen im Osten müssen aufstehen«

Sachsen: Über den längsten Streik in der Geschichte der IG Metall. Ein Gespräch mit Kathrin Kroll
Interview: Claus-Jürgen Göpfert
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Seit 170 Tagen streiken die Beschäftigten des Recyclingbetriebs SRW Metalfloat in Sachsen (Espenhain, 29.2.2024)

Sie streiken mit ihren Kolleginnen und Kollegen jetzt seit 170 Tagen beim Recyclingunternehmen SRW Metalfloat in Sachsen für einen Tarifvertrag. Es ist der längste Arbeitskampf in der Geschichte der IG Metall. Es gibt scharfe Angriffe der Geschäftsleitung. Wie gelingt es, diese Auseinandersetzung durchzustehen?

Das ist ganz einfach. Wir halten den Streik aufrecht, weil die Behauptungen von seiten des Arbeitgebers einfach nicht stimmen. Das wissen die Kolleginnen und Kollegen. Wir gehen den geraden und ehrlichen Weg. Die Angriffe der Scholz-Recycling-Gruppe machen uns keine Angst. Es ist unser Recht, einen Tarifvertrag abzuschließen.

Warum ist ein Tarifvertrag so wichtig?

Weil er den Menschen im Betrieb Rechtssicherheit bringt. Wir können dann endlich auf faire Weise die Entgelte und Arbeitsbedingungen aushandeln. Das bringt Planungssicherheit für alle im Betrieb. Und das führt auch dazu, dass wir endlich mehr Fachkräfte einstellen könnten. Ein Tarifvertrag ist wie ein Magnet, der Leute anzieht.

Sie beklagen, dass die Menschen in den östlichen Bundesländern, nicht nur in Ihrer Firma, für die gleiche Arbeit immer noch weniger Geld erhalten als Kolleginnen und Kollegen im Westen.

Ja. Für die gleiche Arbeit gibt es bei uns im Osten weniger Geld. Und das darf nicht sein! Wir sind keine Menschen zweiter Klasse. Wir sind genauso viel wert. Wir sind genauso von der Inflation betroffen wie die Menschen im Westen. Es darf nicht sein, dass es da immer noch Unterschiede gibt. Deshalb stehen wir auf und wehren uns.

Wozu führen diese ungleiche Behandlung und Bezahlung?

Diese Ungleichheit bringt Unzufriedenheit bei vielen Menschen. Wenn Demokratie und Mitbestimmung am Werkstor enden, dann wirkt sich dies auf das Demokratieverständnis von Menschen aus. Tatsächlich sind wir doch schon lange ein Deutschland. Die Menschen hier in den Betrieben im Osten müssen aufstehen und sich wehren.

Gibt es Unterstützung für den Streik von anderen Belegschaften?

Wir haben das Gefühl, dass wir für viele Betriebe im Osten mittlerweile ein Vorbild geworden sind. Auch andere Betriebe trauen sich jetzt etwas. Wir merken, dass da auch bei anderen mehr Mut aufkommt. Und die Unterstützung von anderen Betrieben ist groß. Die Kolleginnen und Kollegen von BMW, Porsche und vielen weiteren Betrieben in Leipzig unterstützen uns und auch die von VW in Zwickau. Die sagen zu uns: macht weiter!

Wie sind die Arbeitsbedingungen bei SRW Metalfloat?

Wir stehen in einer Halle am Band, in Sortierkabinen, und sortieren mit der Hand die Metalle, die an uns vorbeilaufen. Wir tragen natürlich Handschuhe. Aber im Sommer wird es sehr heiß in den Sortierkabinen, die heizen sich auf wie ein Backofen. Da herrschen dann 36 Grad in der Kabine. Im Winter dagegen sind die Füße immer kalt. Die Kolleginnen und Kollegen werden krank, gerade durch das lange Stehen. Wir alle haben Probleme mit den Knien, mit dem Rücken, mit den Hüften. Es gibt einen hohen Krankenstand im Betrieb. Die Arbeitsbelastung nimmt weiter zu, weil die Arbeit auf weniger Menschen verteilt wird.

In Sachsen gibt es besonders wenig Betriebe, die überhaupt nach Tarif bezahlen – gerade einmal 40 Prozent.

Ja, wir sind Sachsen, das Billiglohnland. Wir bräuchten dringend ein Tarifvergabegesetz auf Landesebene. Dieses Gesetz müsste regeln, dass nur noch Betriebe, die nach Tarif bezahlen, Aufträge von der öffentlichen Hand und vom Staat bekommen. Aber so ein Gesetz kommt nicht.

Eine weitere wichtige Forderung im Streik ist ein höheres und garantiertes Urlaubsgeld.

Ja. Denn bisher ist das Urlaubsgeld von 1000 Euro nur eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers. Er kann es zahlen, aber er muss es nicht zahlen. Wir fordern 1500 Euro Urlaubs- und Weihnachtsgeld fest vereinbart in einem Tarifvertrag. Das ist für die Beschäftigten wichtig. Die müssen dann keine Angst mehr haben um ihr Geld. Das ist wichtig gerade für junge Kolleginnen und Kollegen, die sich eine Familie aufbauen wollen.

Was ist Ihre Botschaft an die Geschäftsleitung?

Sie muss endlich die Blockadehaltung gegen die eigenen Beschäftigten aufgeben. Wir wollen eine faire, rechtssichere Lösung auf Augenhöhe. Die Geschäftsleitung sollte die Gesprächsangebote der IG Metall annehmen und an den Verhandlungstisch zurückkehren.

Kathrin Kroll ist Betriebsrätin von SRW Metalfloat

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