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Aus: Ausgabe vom 27.04.2024, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Russisches Milchkaramell

Von Maxi Wunder

»Weltweit haben die Staaten erneut mehr Geld in ihre Armen investiert. Experten sehen den Krieg in der Ukraine als einen Grund dafür.« – Endlich eine gute Nachricht, oder? Die Staaten sehen ein, dass ihre Armen Hauptlastträger des Krieges sind. Okay, ich gebe zu, einen Buchstaben habe ich beim Abschreiben der Jubelnachricht vom 22. April vergessen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes eh doppelt: das »e« in »Armeen«. Was das ausmacht … Weniger ist eben mehr. Mehr Sinn.

Aber wir wissen, dass es die Armen sind, die investieren. Und zwar fast ihre gesamte Lebenszeit in das Auffinden und Zubereiten von Nahrung. Diese Beobachtung machte die Kochbuchautorin Huguette Couffignal auf ihren Reisen. Sie schrieb »La cuisine des pauvres« (Die Küche der Armen) und publizierte das Buch 1970 im Pariser Robert-Morel-Verlag. Über Couffignal ist außer ihren Werken (z. B. »J’aime le pain«, 1969) nichts Biographisches bekannt.

2023 hat sich der Berliner März-Verlag getraut, die erstmalig 1978 bei ihm erschienene deutsche Übersetzung »Die Küche der Armen« noch einmal in einer redigierten Fassung herauszubringen, und das trotz Sätzen wie diesem hier: »Nur in den europäischen Ländern, den USA und der Sowjetunion ist das Angebot an Kalorien größer als der Bedarf.« (S. 32). Skandal! Jetzt wissen wir, woher die Couffignal das Geld für ihre Weltreisen zu den Küchen der Armen hatte – vom Kreml! Hoffentlich werden dem März-Verlag jetzt nicht die Konten gesperrt.

Couffignals Feststellungen im ersten Kapitel des Buches über die Ursachen von Armut und Hunger sind bis heute zutreffend: hauptsächlich Welthandel, aber auch die unsachgemäße Behandlung der Böden, Stichwort Monokultur, dies vorwiegend in Südamerika. Asiatischen Bauern attestiert sie größeres Feingefühl im Umgang mit Agrarflächen. Klimaschäden kommen nicht vor, die waren in den 70ern noch nicht akut. Ein Blick in den Rezeptteil macht deutlich, in welchem Umfang die Speisen der Armen in aller Welt inzwischen unsere westliche Gastronomie erobert haben – dank Migration. Von Nasi Goreng über Sushi bis Mulligatawny ist dem europäischen Großstadtgaumen des 21. Jahrhunderts alles vertraut – die meisten Leute gehen längst nicht mehr nur zum Italiener, sondern auch zum Chinesen, Thai oder Inder. Und orientalische Gerichte wie Falafel, Shakshuka und Kibbeh werden hierzulande keineswegs als ärmlich empfunden, sondern als willkommene Alternative zu Kassler mit Sauerkraut. Trotz der aktuell um sich greifenden Insektenproteinwerbung dürften es indes »Termitenwürstchen aus Subsahara-Afrika« (S. 296) auch in Zukunft schwer haben, zumindest in Thüringen. Ob die argentinischen Steakhäuser bereits marinierte Gürteltiere (S. 281) anbieten, kann ich als Puddingvegetarierin nicht beurteilen. Ich bevorzuge aus dem Kapitel »Getränke und Nachspeisen«:

Russisches Milchkaramell (vgl. S. 349)

Frische Sahne und Zucker zu gleichen Teilen mischen, auf kleinem Feuer köcheln lassen und so lange umrühren, bis die Creme golden und sehr dick ist. Die Masse auf einem Brett ausbreiten, abkühlen lassen und in Stücke schneiden. Dazu Tee oder Espresso reichen.

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