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Aus: Ausgabe vom 27.04.2024, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Unter Instrumentalisierern

Von Reinhard Lauterbach
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Man weiß ja nicht viel über das Innenleben von Wladimir Putin, dem alten Geheimnistuer aus dem KGB. Etwas Licht in dieser Frage verdanken wir dem Bundeskanzler, der sich am Montag veranlasst sah, bei einem Festakt den vor 300 Jahren geborenen Philosophen Immanuel Kant vor dessen »Vereinnahmung« durch Russland in Schutz zu nehmen. Putin, so Scholz, betrachte Kant als einen seiner »Lieblingsphilosophen«, obwohl seine Lehren überhaupt nicht zur gegenwärtigen russischen Politik passten. »Was Kant Putin zu sagen hätte«, warf am Dienstag die Süddeutsche Zeitung die Zeitmaschine an.

Nun ja. So wie bei den Juristen bekanntlich »ein Blick ins Gesetz die Rechtsfindung erleichtert«, so hätte auch hier ein Blick in das mit zwei Klicks zugängliche Originalzitat gereicht. Es stammt aus einer Begegnung Putins mit Angehörigen von in der Ukraine kämpfenden Soldaten von Anfang Januar dieses Jahres. Dort antwortete Putin auf die Frage eines jungen Mannes nach seinen »Lieblingsphilosophen«, da gebe es mehrere, darunter Kant, den »es zu lesen lohnt, um zu verstehen, was und wie er gedacht hat«. Dazu lächelte Putin herablassend, vermutlich über die Naivität der Frage. Denn in der Tat zeugt es eher vom Verfall der geistigen Sitten, eine Philosophie in dieselbe Kategorie subjektiver Vorlieben zu fassen wie einen Wodka oder ein Rasierwasser. Zu schweigen von der Knechtsseligkeit des offenbar in Moskau Philosophie studierenden Fragestellers, aus der »Lieblingsphilosophie« des Staatschefs irgendein Argument machen zu wollen. Aber Putin macht sich diesen Ansatz in dem Zitat ausdrücklich nicht zu eigen.

Was aber Scholz nicht abhielt, »mit erkennbarem Vergnügen« (Zeit online) Putin Sachen anzuhängen, die er so nicht gesagt hat. Und seinerseits den alten Königsberger für seine eigene Politik zu vereinnahmen: »Für Kant ist es klar: Wer angegriffen wird, der darf sich verteidigen, und er soll auch nicht gezwungen sein, sich auf einen Friedensvertrag einzulassen, den der Aggressor in dem ›bösen Willen‹ abschließt, den Krieg bei ›erster günstiger Gelegenheit‹ wieder aufzunehmen. Ein solcher Friedensschluss, schreibt Kant, wäre ja ein bloßer Waffenstillstand, Aufschub der Feindseligkeiten, nicht Friede, der das Ende aller Hostilitäten bedeutet.«

Das ist die zentrale Crux an Kants Friedensschrift: Ob sich ein angegriffener Staat verteidigen »darf«, fragt sich keiner aus dieser illustren Runde politischer Gewalthaber. Staaten sind nicht dafür Staaten, dass sie sich fragen, was sie dürfen; das wäre ja genau das Gegenteil ihres Wesens, Unterwerfung. Sie sind es ja, die beanspruchen, die Regeln zu setzen. Nochmals Scholz: »Unabhängig davon ist die Ukraine ein souveräner Staat, also – um es mit Kant zu sagen – ›eine Gesellschaft von Menschen, über die niemand anders als (dieser Staat) selbst zu gebieten und zu disponieren hat‹.« Man merkt also: gegen Herrschaft – das »Gebieten und Disponieren« – hat Kant nicht das Geringste.

Mit den Folgen dieses Disponierens für die Disponierten in Deutschland hat sich am Donnerstag der Bundestag befasst. Eine »Ampel plus«-Koalition führt einen »Veteranentag« ein, um »daran zu erinnern, wie viele Deutsche in der Nachkriegszeit gedient« hätten, wie die FAZ vom Montag zustimmend feststellt: »Millionen junger Männer bereicherten die Streitkräfte (unabhängig davon, wie sinnvoll sie persönlich ihren Dienst empfunden haben).« Wenn das mal nicht die von Scholz mit Kant beklagte »Verzweckung und Instrumentalisierung« war, einschließlich der Einsatztraumata, die jetzt laut dem Antrag »der Fürsorge bedürfen«.

Ein Trost bleibt: Kein Ostdeutscher muss sich bei dieser Veranstaltung beschweren, mit seinem Dienst in der NVA wieder einmal nicht berücksichtigt und gewürdigt worden zu sein. Daran war die NVA tatsächlich nicht beteiligt.

Das ist die zentrale Crux an Kants Friedensschrift: ob sich ein angegriffener Staat verteidigen »darf«, fragt sich keiner aus dieser illustren Runde politischer Gewalthaber

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