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Aus: Ausgabe vom 26.04.2024, Seite 8 / Ausland
Femizide in Mexiko

»Obrador machte keinen Hehl aus seiner Abneigung«

Mexiko: Dem Präsidenten sind saubere Fassaden wichtiger als der Kampf gegen Femizide. Ein Gespräch mit Karen Vázquez
Interview: Gitta Düperthal, Köln
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Die Staatsmacht begleitete den internationalen Frauenkampftag in Mexikos Hauptstadt mit einem Großaufgebot. Eine Demonstrantin zeigt, was sie davon hält (Mexiko-Stadt, 8.3.2024)

Mit etwa zehn Femiziden pro Tag sind Frauen in Mexiko stark bedroht. Ihr Dokumentarfilm »Wir sind Feuer« zeigt, wie die Karikaturistin Mar Maremoto die Gewalt gegen Frauen in ihren Zeichnungen verarbeitet. Sie ist mit einer oppositionellen feministischen Szene in den sozialen Medien verknüpft, auf Demos, in besetzten Häusern und Selbstverteidigungskursen. Wie ist die Lage dort aktuell?

Tausende Frauen sind in Mexiko dem Machismo und der Gewalt von Männern ausgeliefert, viele verschwinden oder werden vergewaltigt. Der staatliche Umgang mit der patriarchalischen Gewalt ist skandalös, die polizeiliche Aufklärung nachlässig. Polizisten und Militärs sind selbst oft Täter, die Justiz bleibt weitgehend untätig. Deshalb werden kaum Fälle zur Anzeige gebracht. Fehlende strafrechtliche Verfolgung führt zu vermehrten Angriffen gegen Frauen, mit Verletzungen bis zum Tod. Nahezu jede Frau kennt aus ihrer Verwandtschaft oder dem Freundeskreis eine andere, die von sexuellen Übergriffen betroffen war oder ermordet wurde. Wenn Frauen gegen diese Männergewalt öffentliche Proteste organisieren, geht die Polizei dagegen vor, Aktivistinnen werden festgenommen.

Mexikos Präsident López Obrador gilt als Politiker des linken Flügels. Hat sich mit seiner Regierung seit 2018 nichts zum Besseren verändert?

Obrador hatte bei Amtsantritt angekündigt, gegen Korruption und Straflosigkeit vorzugehen. Er machte jedoch keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die feministische Protestbewegung. Um sich als progressiv darzustellen, behauptete er, sie sei aus Europa gesteuert und neoliberal infiltriert. Er hat dubiose Beziehungen, besuchte etwa die Mutter eines Drogenbarons. Nach den Demonstrationen am 8. Mai hatte er nichts Eiligeres zu tun, als Gebäude von Parolen gegen Femizide säubern zu lassen. Um saubere Gebäude sorgt er sich, gegen Morde an Frauen wird er nicht aktiv.

Am 2. Juni sind in Mexiko Neuwahlen. Haben Sie Hoffnung?

Kaum. Die Präsidentschaftskandidatin Claudia Sheinbaum, Ex-Bürgermeisterin in Mexiko-Stadt, wird vom scheidenden Präsidenten unterstützt, sie gehört dessen sozialdemokratischer Morena-Partei an. Von einem gezielten Programm, Gewalt gegen Frauen betreffend, war nichts zu hören.

Sie mussten in Mexiko von Securities bewacht filmen. War bekannt, dass Sie zum Thema Femizide arbeiten?

Wir haben das bewusst nicht öffentlich gemacht. In einer Favela, wo meine Protagonistin Angélica lebt, deren Mutter und Schwester ermordet wurden, war es besonders gefährlich. Eine Frau muss dort nicht viel tun, um bedroht zu werden. Machos mögen es einfach nicht, wenn Frauen miteinander aktiv sind. »Ihre Frauen« könnten auf die Idee kommen, arbeiten zu gehen und sich weigern, Geschirr zu spülen oder sich Männern unterzuordnen.

Sie zeigen im Film auch Militanz. Aktivistinnen werfen mit Benzin gefüllte Flaschen auf Polizisten.

Die Radikalisierung von Teilen der Bewegung entsteht aus dem Schmerz, der ihnen zugefügt wurde, dem Unrecht, das sie erleben mussten. Das ist zu verstehen, kann aber keine Lösung sein. Wir müssen auf andere Wege setzen, um ein Ende der Gewaltspirale zu erreichen.

Worauf setzen Sie Ihre Hoffnung?

Viele Frauen in Mexiko trauern um ihre Töchter, Mütter, Schwestern oder Freundinnen. In Gerichtsprozessen gegen die Täter findet oft Schuldumkehr statt: Frauen sind schuld, weil sie betrunken oder »aufreizend« gekleidet waren, Drogen nahmen. Die Täter dagegen hatten stets »ein schweres Schicksal«, waren noch minderjährig, etc. So mancher ist nach zwei Jahren Haft wieder auf freiem Fuß. Auf der ganzen Welt herrscht patriarchalische Gewalt vor. Auch in Deutschland versuchen jeden Tag Partner oder Expartner, Frauen zu töten. Jeden dritten Tag gelingt es. Wir müssen weltweit zusammenstehen, wir dürfen nicht mehr stillhalten.

Karen Vázquez Guadarrama ist Dokumentarfilmerin, wurde in Mexiko geboren und lebt in Belgien. »Somos Fuego« (»Wir sind Feuer«) lief im Jugendprogramm des 41. Internationalen Frauenfilmfests in Köln

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