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Aus: Ausgabe vom 26.04.2024, Seite 5 / Inland
Getir

Abkassiert, abserviert

Lieferdienst Getir wickelt sein Europageschäft ab. Startup verbrennt Hunderte Millionen US-Dollar und setzt Tausende Mitarbeiter vor die Tür
Von Ralf Wurzbacher
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Getirs Boom aus der Zeit der Lockdownmaßnahmen ist vorbei (Düsseldorf, 15.1.2024)

Zu schnelles Futtern birgt die Gefahr, sich zu verschlucken. Der Essenslieferdienst Getir hat seit seiner Gründung reichlich geschluckt, kübelweise Geld von Investoren vor allem, Hunderte Millionen US-Dollar, dazu ein paar Mitkonkurrenten. Fett angesetzt hat das türkische Startup in bald zehn Jahren trotzdem nicht. Faktisch hat es noch keinen Euro Gewinn gemacht, nur Verluste aufgetürmt. Den Finanziers ist das auf Dauer doch zu dünn. Am Mittwoch wurde publik, dass sich das Unternehmen mit Hauptsitz in Istanbul aus Deutschland zurückziehen wird, überdies aus den Niederlanden und Großbritannien. Möglicherweise wird der Laden sogar komplett verschwinden, sogar aus der Türkei, seinem einzigen profitablen Markt, weil ihm mit dem emiratischen Staatsfonds Mubadala aus Abu Dhabi der Hauptaktionär den »Stecker ziehen« wolle, wie Business Insider berichtete.

Der Niedergang hatte sich angedeutet: Nach Jahren aggressiver Expansion verkündete die deutsche Getir-Sektion Mitte 2023 den Rückzug aus hierzulande 17 Standorten. Außerdem gab man den Abschied aus Spanien, Portugal und Italien bekannt; das alles verbunden mit der Streichung von 2.500 der weltweit 23.000 Stellen. Angeblich geschah das, um das Geschäft zu konsolidieren und im Stammland sowie in den BRD-Metropolen Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, Köln und München durchzustarten. Getir operiert aktuell auch noch in Frankreich und den USA. »Wir liefern deinen Einkauf in Minuten«, verspricht der Bringdienst von Lebensmitteln und anderen Supermarktprodukten, der wie seine Wettbewerber während der Coronazeit einen gewaltigen Boom erlebte. Einen Konkurrenten, Gorillas aus Berlin, verleibten sich die Türken Ende 2022 ein, als das Geschäft mit weichender Pandemie schon deutlich weniger brummte.

Vor allem junge Menschen in den Großstädten nutzen das Angebot während der Krise intensiv. Seit das Virus seinen Schrecken verloren hat, ist vom Hype nicht mehr viel übrig. Die Wirtschaftswoche beschrieb vor zwei Wochen die Lage im Gorillas-Warenlager in Berlin-Neukölln. Das habe vor drei Jahren einem »Bienenstock« geglichen, heute sehe man »bloß eine Handvoll Räder, die Mitarbeiter warten auf Aufträge«. Gorillas hat seinen Namen nach der Übernahme behalten, was den Hauptinvestor Mubadala laut Medienberichten verärgert haben soll. Dem wäre es lieber gewesen, man hätte zwecks Kostenersparnis beide Marken zu einer verschmolzen.

Überhaupt ist das türkische Management, das auch international bei Getir das Sagen hat, bei den Emiratis augenscheinlich in Ungnade gefallen. Den Verantwortlichen sei es trotz ständig neuer Geldspritzen nicht gelungen, ein »nachhaltiges Geschäftsmodell« zu entwickeln, brachte Business Insider die Klagen auf den Punkt. Der Fonds ist auch am deutschen Getir-Widersacher Flink beteiligt, der in europaweit 60 Städten rund zehn Millionen Kunden beliefert. Über eine Fusion beider Unternehmen ist noch vor wenigen Wochen verhandelt worden, was aber am Veto des Hauptgeldgebers scheiterte. Der will jetzt wohl nur noch auf ein Pferd setzen und Getir aus dem Stall jagen. Für eine Weiterführung wenigstens des Türkei-Geschäfts soll es laut dem britischen Sender Sky allerdings eine Finanzierungszusage in zweistelliger Millionenhöhe geben, wobei nicht klar ist, welche Investoren dahinterstehen.

Der Fall ist exemplarisch für eine Digitalökonomie außer Rand und Band. Mit ihren appbasierten Ideen, die stets auf die Ausbeutung von Arbeitskraft setzen, verleiten Startups milliardenschwere Investoren zu immer neuen und immer höheren Einsätzen und verbrennen Kapital im Überfluss. Getir soll zuletzt zwischen 50 und 100 Millionen US-Dollar pro Monat versenkt haben. Am Ende einer brutalen Marktbereinigung setzt sich zumeist ein Triumphator durch, in der Regel der mit den rabiatesten Umgangsformen gegenüber den Beschäftigten. Auch Getir sorgte wiederholt für Schlagzeilen wegen vorenthaltener Löhne und unbezahlter Überstunden. Bei den geringen Margen, die das Gewerbe mit der Essenslieferei abwirft, lässt sich mit Anstand und Fairness einfach kein Geld verdienen. Ausbaden müssen das stets die Mitarbeiter, wenn es ganz schlecht läuft mit Jobverlust. Einige der bundesweit 1.800 Getir-Angestellten haben Anfang dieser Woche ihre Kündigungen erhalten.

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