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Aus: Ausgabe vom 23.04.2024, Seite 11 / Feuilleton
Festivalfilme

Aufbruch nach Utopia

Die Preisträger des 36. Filmfests Dresden
Von Sören Bär
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Volle Möhre lasziv: »Carrotica« von Daniel Sterlin-Altman

Das Filmfest Dresden hat sich als eines der bedeutendsten Kurzfilmfestivals Europas etabliert. Seit 1989 pilgern alljährlich Mitte April Zehntausende Kurzfilmenthusiasten in die Filmtheater Schauburg, Thalia, Programmkino Ost und Ostrale. Die Festivalleiterinnen Sylke Gottlebe und Anne Gaschütz haben das Filmfest gut durch die Coronapandemie gesteuert. Getreu dem diesjährigen thematischen Schwerpunkt »Dreaming Utopia« hielten die Utopien Einzug. Das gestiegene Interesse konnte man nach der Eröffnung in der Schauburg am Dienstag abend in den Kinosälen »Fritz Lang« und »Sergio Leone« erleben: Die ersten Vorführungen ab 21.30 Uhr waren komplett gefüllt. Allerdings sah sich das Festival auch vom »Strike Germany«-Boykott betroffen. Einige Filmkünstler zogen ihre Einreichungen wegen der einseitigen Haltung der deutschen Regierung im Nahostkonflikt zurück.

Sensible Inhalte

In den Hauptkategorien internationaler, nationaler und mitteldeutscher Wettbewerb konkurrierten 60 ausgewählte Einreichungen um die »Goldenen Reiter«. Acht Jurys vergaben am Sonnabend 14 Auszeichnungen, zu denen sich traditionell zwei Publikumspreise gesellen. Als bester Animationsfilm im internationalen Wettbewerb wurde »La Perra« von Carla Melo Gampert ausgezeichnet. Ein Vogelmädchen verlässt sein Elternhaus in Bogotá, um seiner dominanten Mutter zu entkommen und seine Sexualität zu entdecken.

Bester Kurzfilm wurde »Alien0089« von Valeria Hofmann. Eine Gamerin ist damit beschäftigt, ein Video hochzuladen und sich über die Schikanen zu beschweren, mit denen sie sich in einem Kriegsvideospiel konfrontiert sieht. Ein Fremder nutzt ihre Ablenkung, dringt in ihr Haus ein und hackt ihren Computer. Der Publikumspreis ging an den polnischen Beitrag »Zima« von Tomasz Popakul und Kasumi Ozeki, der ein Weihnachtsmärchen über ein kleines Fischerdorf erzählt. Der Jugendjury gefiel »As Miçangas« von Rafaela Camelo und Emanuel Lavor (Brasilien) am besten. Während zwei Schwestern inmitten der Natur eine Abtreibung vorbereiten, entgeht ihnen, dass sich eine Schlange im Haus befindet.

Den Arte-Kurzfilmpreis trug der irische Beitrag »The Un-Chaotic Cabinet that Wishes for me to Sleep« von Cillian Green davon, in dem ein um seine Identität ringender junger Mann durch die Randbezirke Dublins streift. Den mit 20.000 Euro dotierten »Sächsischen Filmförderpreis« erhielt Narges Kalhor für ihr Deep-Blur-Video »Sensitive Content« (Deutschland/Iran) über Augenzeugen im Nahen Osten, die sich bei Gewalt nicht abwenden, sondern sensible Inhalte aufzeichnen und damit ihr Leben riskieren. Mit dem Preis für den besten Sound bedacht wurde »A Kind of Testament« des Franzosen Stephen Vuillemin. Eine junge Frau entdeckt im Internet Animationen, für die ihre in den sozialen Netzwerken geposteten Selfies verwendet wurden.

Im nationalen Wettbewerb trug »Carrotica« von Daniel Sterlin-Altman den »Goldenen Reiter« für den besten Animationsfilm davon – ein phantasievolles Stück, in dem sich der 16jährige Nadav und seine Mutter bei Musik und Tangotanz mit sich selbst auseinandersetzen müssen. Zum besten Kurzfilm avancierte »Alex in den Feldern« von Marie Zrenner, in dem die Geschichte des trockenen Alkoholikers Adrian erzählt wird, der auf einem Therapiebauernhof lebt. Das Erscheinen eines Freundes aus seiner Vergangenheit erschüttert seine Welt. Das Herz des Publikums und der Jugendjury eroberte »Land der Berge« von Olga Kosanović – eine Tragödie, die sich mit der österreichischen Einwanderungsgesetzgebung auseinandersetzt. Im mitteldeutschen Wettbewerb triumphierte »Urlaubsversuche« von Finn Ole Weigt und Paula Milena Weise.

Unter Gammlern

Auch die Side Events boten hohes Niveau und viel Abwechslung. In einer Trickfilmshow präsentierte Oscar-Preisträger Thomas Stellmach – Academy Award 1997 für »Quest« – am Mittwoch abend in der Schauburg seine Erfolgsstreifen und garnierte das Best-of mit Anekdoten und Hintergrundinformationen. Die »Retrospektive« kombinierte Utopien aus Ost und West. In der DDR hielten in den 70er Jahren Science-Fiction und fiktionale Dokumentationen Einzug in die Kinosäle.

Zwei Höhepunkte im Programm waren Joachim Hellwigs Film »Liebe 2002« (1972) und die 35-Millimeter-Defa-Produktion »Ikarus – She Kill The Laugh« von Michael Knof (1989), die für die Faust-I- und Faust-II-Inszenierungen von Wolfgang Engels im Schauspielhaus Dresden geschaffen wurde. Im Westen etablierte sich in den 60er Jahren das »Gammlerfilm«-Genre. Unter »Gammlern« verstand man in der piefigen BRD Lebenskünstler und Hippies, die Gegenentwürfe zum Nachkriegskapitalismus und eine utopische Vorstellung eines besseren Lebens entwickelten. »Na und?« von Marquard Bohm und Helmut Herbst (1967/1968) und »Nach langen Jahren ein Wiedersehen mit meinem Bruder aus Bulgarien während einer kurzen Zwischenlandung in München« (1973) von Marran Gosov lieferten eine gute Vorstellung von diesem Intermezzo. Im Mittelpunkt des »Tributs« stand das 2009 in Berlin und Paris formierte Filmemacherinnenduo Neozoon, dessen Kurzfilme als Collagen aus Found Footage oder Youtube-Videos entstehen. Die Neozoon-Produktion »Lake of Fire« war beim letztjährigen Filmfest mit dem »Sächsischen Filmförderpreis« prämiert worden.

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