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Gesellschaft (1)

Von Helmut Höge
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Marx hielt die russische Dorfgemeinschaft (Obschtschina) 1881 noch für sozialismustauglich, wenn sie sich mit der Arbeiterklasse verbündete. Er erwähnte dazu das auf Blutsverwandtschaft basierende germanische Gemeinwesen, das sich zur »ersten gesellschaftlichen Gruppierung freier Menschen« umwandelte – hin zu einer Wahlverwandtschaft, die nicht mehr »durch Blutsbande eingeengt war« (MEW 19, S. 403). Diese freien germanischen Dorfgemeinden gingen jedoch im Gegensatz zu den unfreien russischen unter.

100 Jahre nach Marx ist auch die russische Dorfgemeinschaft so gut wie untergegangen. Im Westen ist inzwischen sogar das Dorf selber verschwunden, wie der niederländische Autor Geert Mak 1996 am Beispiel des friesischen Ortes Jorwerd zeigte; seine Studie trägt den Untertitel »Der Untergang des Dorfes in Europa«.

Nach Auflösung der von Marx beschriebenen »Gesellschaftlichkeit der Arbeit« setzte sich mit der Verwandlung von Kaufmannskapital in Industriekapital, d. h. mit der Scheidung von Produzent und Produktionsmittel, langsam eine »Wiedervergesellschaftung der Arbeit« durch, jedoch nur in ihrer abstrakten Form. Denn die Warenproduktion lässt nur eine solche zu. In ihrem »gesamten Umkreis herrscht Abstraktheit«, erklärte uns dazu der Marxist Alfred Sohn-Rethel in seiner Schrift »Geistige und körperliche Arbeit« (1970/89): »Selbst die Arbeit (...) wird als Bestimmungsgrund der Wertgröße und Wertsubstanz zu ›abstrakt menschlicher Arbeit‹, menschlicher Arbeit als solcher nur überhaupt. Die Form, in der der Warenwert sinnfällig in Erscheinung tritt, nämlich das Geld (...) ist abstraktes Ding und in dieser Eigenschaft genaugenommen ein Widerspruch in sich. Im Geld wird auch der Reichtum zum abstrakten Reichtum, dem keine Grenzen mehr gesetzt sind.«

Bereits die Griechen, spekuliert Sohn-Rethel, befürchteten diese Grenzenlosigkeit des Geldes. »Als Besitzer solchen Reichtums wird der Mensch selbst zum abstrakten Menschen, seine Individualität zum abstrakten Wesen des Privateigentümers. Schließlich ist eine Gesellschaft, in der der Warenverkehr den nexus rerum bildet, ein rein abstrakter Zusammenhang, bei dem alles Konkrete sich in privaten Händen befindet.«

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die weltweite Privatisierung von Wasserwerken und in den Dürrezonen von Brunnen durch IWF, Weltbank und WTO sowie auch an deren Erleichterungen bei der Patentierbarkeit ganzer Organismen durch Konzerne.

Einige Soziologen meinen bereits, dass es keine Gesellschaft mehr gibt. Sie schlagen deshalb vor, auch auf den Begriff zu verzichten, da er analytisch irreführend geworden sei. Das erinnert an Margaret Thatcher, die zusammen mit Ronald Reagan den globalisierten Neoliberalismus beförderte – mit dem Satz: »Ich kenne keine Gesellschaft, nur Individuen.«

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