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Aus: Ausgabe vom 22.04.2024, Seite 15 / Politisches Buch
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Ein Dokumentarband über die »Hitler-Tagebücher« stellt den geschichtsrevisionistischen Charakter der Fälschung heraus
Von Ulrich Schneider
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Gesten des Triumphes: Gerd Heidemann präsentiert die »Tagebücher« (Hamburg, 25.4.1983)

Ältere werden sich noch erinnern. Im April 1983 kündigte die damals auflagenstärkste westdeutsche Illustrierte Stern eine »zeitgeschichtliche Sensation« an, nach der die Geschichte des Dritten Reiches »neu geschrieben werden« müsse. Gut 50 Jahre nach der Machtübertragung an den deutschen Faschismus behauptete man, ein 60bändiges Dokument, handgeschriebene Tagebücher von Adolf Hitler, vorlegen zu können, das die bisherige Sicht auf Hitlers Rolle in der faschistischen Kriegs- und Vernichtungspolitik revidiere. Die »Sensation« mündete direkt in den größten Presseskandal der bundesdeutschen Geschichte.

Der Stern hatte behauptet, im Besitz bis dahin unbekannter geheimer Tagebücher des faschistischen Diktators zu sein. Jahrelang bereits hatte der Kunstfälscher Konrad Kujau den Stern-Reporter Gerd Heidemann mit Nazidevotionalien und Fälschungen von angeblichen Originaldokumenten versorgt. Der Stern verkaufte die Veröffentlichungsrechte der »Tagebücher« im Frühjahr 1983 insbesondere nach Großbritannien und in die USA sowie die skandinavischen Länder. Der Verlag ließ sich die »Echtheit« von renommierten Zeithistorikern bestätigen, selbst von solchen, die wussten oder ahnten, dass Kujau mit Fälschungen handelte. Erst die Untersuchung des Papiers und der Tinte ließ die Fälschung auffliegen. Offenkundig waren selbst diese Historiker bereit, die in diesen Papieren enthaltene Umschreibung der Geschichte hinzunehmen.

Ein Großteil der Gelder, die an Kujau geflossen waren, wurde bis heute nicht gefunden. Seit 1983 lagerten die gefälschten Manuskripte jahrzehntelang in einem Safe in Hamburg. Eine für 2013 angekündigte Übergabe an das Bundesarchiv hat erst Ende 2023 stattgefunden. Vierzig Jahre nach diesem Skandal, der jahrelang die deutsche Medienbranche – bis hin zu einer Verfilmung der Story – beschäftigt hatte, hat der Berliner März-Verlag im vergangenen Jahr eine komplette Reproduktion der wichtigsten Dokumente zusammen mit einer historisch-politischen Einordnung vorgelegt.

Denn es ist schon auffallend: Obwohl dieser Skandal die Öffentlichkeit bewegte, sind die Inhalte der angeblichen »Tagebücher« weitgehend unbekannt. Dem Herausgeber geht es dabei nicht um den Skandal mangelnder »Echtheit« der »Tagebücher«, sondern um die Frage, anhand welcher Themen und mit welchen Mitteln hier eine Rehabilitierung des deutschen Faschismus und der Person Hitlers geplant war. Denn – dieser Aspekt geht häufig unter – die gefälschten Tagebücher sollten insbesondere Hitler entlasten, ihn zum Beispiel von der Verantwortung für die industrielle Massenvernichtung jüdischer Menschen und die Vernichtungspolitik gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen freisprechen. Das zweite entscheidende Thema war die Entlastung von den Verbrechen des Angriffskrieges und eine Rehabilitierung von Rudolf Heß, der damals noch im Spandauer Gefängnis saß. Sein angeblicher »Friedensflug« nach Großbritannien sollte in eine weitgehende Verständigungsbereitschaft Hitlers umgedeutet werden, die angeblich von Churchill ignoriert worden sei.

Während sich in den 1980er Jahren die mediale Öffentlichkeit mit dem Fälschungsskandal und dem Stern beschäftigte, versucht dieser Band inhaltlich nachzuzeichnen, an welchen Punkten die »Entlastung« Hitlers und damit die Rehabilitierung des Faschismus und seiner Repräsentanten zum ideologischen Konzept des damaligen Neonazismus gehörten. Dabei wird davon ausgegangen, dass Konrad Kujau kein geldgieriger »Einzeltäter« war, sondern inmitten eines Netzwerks aus Alt- und Neonazis agierte. Und die Autoren benennen auch eine der Zentralfiguren, Michael Kühnen, der Kontakt zu verschiedenen in diesen Fall involvierte Figuren hatte. Mitgemischt hatten auch Wolf-Rüdiger Heß und sein »Freundeskreis Rudolf Heß«, der eine Schnittstelle zwischen alten Nazigrößen und jungen Neonazis darstellte.

Obwohl der Stern lange die Nutzung seiner im Haustresor gelagerten Papiere verwehrte, gelang es, durch andere öffentliche Quellen das gesamte Manuskript zu rekonstruieren und zu transkribieren. Hajo Funke liefert zu dem »Tagebuchtext« eine historisch-politische Einordnung, so dass der in diesem Projekt versteckte großangelegte Versuch einer Rehabilitierung Hitlers auch für Leser ersichtlich wird, die nicht alle historischen Details kennen. Mit Erschrecken registriert man, dass 1983 selbst renommierte Vertreter der bundesdeutschen Historikerzunft nicht in der Lage waren, solche klaren Einordnungen vorzunehmen und damit die offenkundige Fälschung und politische Stoßrichtung der Tagebücher zu benennen. Der Skandal um die »Hitler-Tagebücher« ist nicht zuletzt ein Exempel für die unablässigen Vorstöße des rechten Geschichtsrevisionismus in der BRD. Dem Verlag ist zu danken, dass historisch Interessierte nun einen fundierteren Blick auf die Vorgänge vor 40 Jahren werfen können.

John Goetz, Heike B. Görtemaker, Hajo Funke: Die echten falschen »Hitler-Tagebücher«. Kritische Dokumentation eines geschichtsrevisionistischen Rehabilitierungsversuchs. März, Berlin 2023, 672 Seiten, 28 Euro

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