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Aus: Ausgabe vom 13.04.2024, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die unbesiegbare Kolonne

Zehn Jahre vor dem Langen Marsch der chinesischen Volksarmee marschierte eine gegen die brasilianische Oligarchie rebellierende Militäreinheit mehr als zwei Jahre durch das brasilianische Hinterland
Von Robert Cohen
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Der Cavaleiro da ­esperança: Luís Carlos ­Prestes

Zu erinnern ist an ein nahezu vergleichsloses Geschehen, das vor hundert Jahren im Süden Brasiliens seinen Ausgang nahm. Vergleichbar allenfalls mit dem Langen Marsch der chinesischen Volksarmee, dem es um zehn Jahre vorausging. Der Marsch der nach dem jungen Hauptmann Luís Carlos Prestes benannten »Kolonne Prestes« (Coluna Prestes) dauerte etwa doppelt so lange – zwei Jahre und drei Monate – und führte etwa doppelt so weit (25.000 Kilometer).

Wer waren die Teilnehmer des Marsches? Was haben sie gewollt? Wofür haben sie sich geopfert, für welche unklaren Ideale? Was hat sie bewegt, dass sie nicht aufhörten, Tausende und Tausende von Kilometern zu marschieren, in der Hitze, in der Trockenheit, im Regen, im Schlamm, im Hunger, im Durst, schuhlos, die Kleider zerfetzt, krank. Sie wurden verfolgt, verwundet, erschossen, ihnen wurde die Kehle durchgeschnitten (die verbreitete Art des Tötens). Welche Vermessenheit trieb sie zu glauben, die Wirklichkeit lasse sich allein mit der Kraft ihres Willens ändern? Wann ist ihnen das Zwecklose ihres Unternehmens aufgegangen? In den ersten Monaten? Nach dem ersten Jahr? Als alles zu Ende war? Gar nicht? War es wirklich zwecklos?

Seit 1922 hatten sich die Aufstände von Offizieren niederer Dienstgrade gegen die politische Struktur des Landes gemehrt. Die sogenannte Leutnantsbewegung (Tenentismo) lehnte sich auf gegen die Oligarchie, deren Söhne die höheren Dienstgrade besetzt hielten und ihnen die Karriere verbauten. Sie stellte die Legitimität von Wahlen in Frage und forderte das Recht auf geheime Abstimmung. Am 5. Juli 1924 erhoben sich unter der Leitung von Major Miguel Costa und Reservegeneral Isidoro Dias Lopes 3.000 Mann der regulären Armee gegen die Regierung von Artur Bernardes und besetzten São Paulo.

Unter den Gegenangriffen der besser ausgerüsteten loyalistischen Truppen verließen die Aufständischen am 27. Juli 1924 São Paulo in 13 Eisenbahnzügen. Einen Tag später erhoben sich auch im Westen des südlichsten Bundesstaats Rio Grande du Sul, im Gebiet von Missiões, militärische Einheiten gegen die Regierung. Von regimetreuen Truppen eingekreist, gelang es Ende Oktober einem aufständischen Detachement von 1.500 Mann, geführt vom 26jährigen Leutnant Luís Carlos Prestes, aus der Garnison Santo Angelo in Missiões auszubrechen.

Damit begann der Marsch.

Nach mehreren Monaten, nach einem Marsch von Hunderten von Kilometern, unablässig angegriffen, zurückgedrängt, dezimiert, Haken schlagend – ein mäandrischer Feldzug, bei dem viele ihr Leben ließen, noch mehr verwundet wurden, andere erschöpft oder entmutigt oder heimwehkrank desertierten –, erreichten noch 800 Mann des von Prestes geführten Kontingents am 11. April 1925 das Gebiet von Foz do Iguaçu, Ort der berühmten Wasserfälle. Hier schlossen sie sich den Aufständischen aus São Paulo an, die ihrerseits einen großen Teil ihrer Einheiten eingebüßt hatten.

Es waren schließlich 1.500 Mann der »Ersten Revolutionären Division« (so bezeichneten sie sich selbst), die am 27. April von Iguaçu aufbrachen. Sie wurden angeführt von Miguel Costa. Die Truppe war aufgeteilt in zwei Brigaden, geleitet von Oberst Juarez Távora und dem bald zum Hauptmann beförderten Prestes. Später wurde die Truppe neu organisiert, die beiden Brigaden wurden in je zwei Detachemente unterteilt, geführt von Cordeiro de Farias, João Alberto, Siqueira Campos und Djalma Dutra.

Prestes wurde von Costa zum Generalstabschef ernannt, de facto war er jetzt der verantwortliche Leiter der Rebellentruppen, die bald nicht mehr als »Erste Revolutionäre Division«, sondern als »Kolonne Prestes« bekannt wurde. Ihr Ziel war Rio de Janeiro, damals Hauptstadt Brasiliens, 1.200 Kilometer entfernt. Dort wollten sie, unterstützt von den Abertausenden, die sich ihnen unterwegs anschließen sollten, die Regierung Bernardes stürzen. Wochenlang marschierten sie durch Mato Grosso (eineinhalbmal so groß wie Frankreich) und Goiás (so groß wie Deutschland). Im August erreichten sie Minas Gerais (achtmal so groß wie die Schweiz), immer wieder angegriffen von Streitkräften der Regierung, von Polizei­einheiten und den Schlägertrupps der Großgrundbesitzer.

Bewegungs- vs. Stellungskrieg

Es war ein Bewegungskrieg. Dem Stellungskrieg der großen europäischen Armeen entgegengesetzt, der nach dem Ersten Weltkrieg an der Militärschule in Realengo bei Rio de Janeiro gelehrt wurde, wo der junge Kadett Luís ­Carlos Prestes den Offizierskurs und ein Ingenieurstudium abgeschlossen hatte. Die Strategie der Kolonne spiegelte die Lebensform der Gaúchos aus Prestes’ Jugend wider. Bei ihren Scharmützeln ritten die Gaúchos in kleinen Trupps laut schreiend und aus Karabinern und Pistolen schießend aufeinander los, es gab ein, zwei Tote oder Verletzte. Meist ließen sie nach kurzer Zeit voneinander ab. Abnutzungskriege statt Entscheidungsschlachten. Prestes übertrug die bewegliche Kampfweise der kleinen Gaúchotrupps auf die 1.500 Mann seiner Kolonne. Die Regierungstruppen gruben sich beim ersten Kontakt mit den Rebellen ein, wie sie es gelernt hatten, sie bauten Wälle, hinter denen sie ihre schweren Geschütze in Stellung bringen konnten. Die Kolonne umging diese Stellungen, sie vermied alle heroischen Angriffe auf den zahlenmäßig überlegenen Feind. Ihre Unbesiegbarkeit beruhte auf der Strategie des Ausweichens und des Rückzugs. Nicht um Heldentum ging es, sondern darum, den Kampf weiterführen zu können. Erst wenn sich die Regierungstruppen zum Weitermarsch entschlossen hatten, wurden sie von ihrem beweglichen Feind in Scharmützel verwickelt, bei denen jedes Mal einige Regierungssoldaten auf dem Kampfplatz blieben. Die Offiziere der Regierungstruppen hielten für unmöglich, dass ein Kontingent von der Größe der »Kolonne Prestes« mit dieser Partisanentaktik Erfolg haben könnte. Aber es gelang ihnen nicht, die Kolonne zu besiegen. (Eine vergleichbare Strategie hat Bertolt Brecht 1935 in seinem die Dialektik lehrenden Lehrstück »Die Horatier und die Kuratier« dargestellt.)

Von den Regierungstruppen am Überqueren des Rio São Francisco und am Marsch auf Rio gehindert, wandte die Kolonne sich auf der westlichen Seite des mächtigen Flusses nach Nordosten. Bei den Bewohnern und in den Garnisonen der bevölkerungsreichen Städte am Atlantik würden sie Unterstützung finden, so hofften die Aufständischen. Dem Rio Tocantins folgend, drangen sie immer tiefer in die menschenleere, lebensfeindliche Landschaft des Sertão (viermal so groß wie Deutschland) ein. Der Sertão ist geschlagen mit der Ironie des Klimas. Im Norden grenzt er an den Regenwald der Amazonasebene, der wasserreichsten Landschaft der Erde. Der Sertão aber ist eine ausgetrocknete, endlose Ödnis, die sich unter einem blauschwarzen Himmel bis nach Minas Gerais hinzieht. Graubraune, von der Sonne gebackene Erde, Sand- und Steinwüste, unterbrochen von Tafelbergen und ausgetrockneten Flussbetten. Das Dornengestrüpp der Caatinga, an dem sich das verhungernde Vieh das Maul blutig beißt. Kleinwüchsige, verkrüppelte Bäume, die keinen Schatten spenden, Kakteen, Tierknochen, alles bedeckt von einer Staubschicht. Bei jedem Tritt schweben Wolken auf, bleiben in der Luft hängen, nachdem der Mensch oder das Tier, die sie verursacht haben, lange verschwunden sind.

Die Kolonne durchquerte den Bundesstaat Tocantins (damals noch Teil von Goiás, siebenmal so groß wie die Schweiz), Mitte November 1925 erreichte sie den nahe dem Äquator gelegenen Bundesstaat Maranhão (fast so groß wie Deutschland), den sie von West nach Ost durchmaß. In den Flecken und Dörfern, durch die sie zogen, wurden die Rebellen von den Hinterwäldlern mit einer scheuen Feierlichkeit bestaunt, sie hatten von der Kolonne gehört, die seit Monaten durch den Sertão zog, Tag um Tag sechs Leguas (etwa vierzig Kilometer) zu Fuß zurücklegend (die Pferde hielten dem Sertão nicht stand), in einem ausgeglühten, schattenlosen, wasserlosen Land, das kein Leben duldet. Die Kolonne war den Sertanejos nicht geheuer, sie hielten sie für ein Phantom, eine Vision (dass sie sie leibhaftig vor sich sahen, änderte nichts daran). Wie konnte sie mit einer solchen Geschwindigkeit den Sertão durchqueren und dabei noch den Regierungstruppen, der Polizei, den Jagunços (angeheuerte Totschläger) und Cangaceiros (Banditen) widerstehen?

Dialektik des Leidens

Die Kolonne war kaum weniger elend dran als die Bewohner des Sertão. Die Soldaten litten Hunger und Durst wie die Sertanejos. Die Requisition von Vieh und Pferden wurde zu einer Überlebensfrage. Kleine Gruppen von Furageuren, Potreadas genannt, durchstreiften das Land, trieb den Kleinbauern oft das letzte Pferd, das letzte Rind, die letzte Ziege weg. Auch Schusswaffen wurden requiriert. Die Kolonne war mit modernen Mausergewehren ausgerüstet, für die sich im Hinterland kaum Munition fand. So nahmen die Potreadores den Bauern die alten Winchester-Gewehre weg, für die leichter Kugeln aufzutreiben waren. Die Hinterwäldler, die ohne Rinder und Waffen ebensowenig überleben konnten wie die Kolonne, wehrten sich, manch ein Potreador bezahlte seine Pflicht mit dem Leben. Prestes wies die Furageure an, Gewalt gegen die Landbevölkerung zu vermeiden und den Menschen, wenn irgend möglich, das Lebensnotwendige zu lassen. Zu Zeiten allerdings verhielten sich die Rebellensoldaten kaum anders als die Banditen. Nein, mit denen ließ die Landbevölkerung sich nicht ein, die zogen hier durch, sie aber blieben, und ihre Herren würden auch bleiben und die Jagunços und Cangaceiros, die sie drangsalierten.

Trotzdem haben sie der Kolonne geholfen. Die Sertanejos begriffen vor allem eines: Die Rebellen waren die Feinde ihrer Feinde, der Großgrundbesitzer mit ihren Schlägertrupps und der von ihnen bestochenen Polizei und Armee. Damals begannen sie, den jungen Hauptmann, der die Kolonne anführte, »Ritter der Hoffnung« zu nennen (Cavaleiro da ­esperança) und von der »unbesiegbaren Kolonne« zu sprechen. Die Forderungen der Rebellensoldaten nach freien Wahlen, einem Ende der Korruption, nach Achtung vor der Verfassung, einer stabilen Währung interessierten die Sertanejos kaum, Geld kannten sie ohnehin nicht. Und was wussten die Rebellensoldaten von den Sertanejos? Was wussten sie von den Schwarzen, den Mestizen, den Caboclos, die Hunderte oder Tausende von Kilometern von den Zentren der Macht und des Wohlstands entfernt im Norden des Landes lebten, zum Äquator hin, in einem endlosen Raum, in dem das Leben sich verlor? Die meisten Mitglieder der Kolonne kamen aus dem städtischen Kleinbürgertum des Südens. Ihre Wünsche und Hoffnungen waren die ihrer Klasse. Ihre natürlichen Verbündeten waren die Kameraden in den Militärschulen, Kasernen und Garnisonen des Landes. Die Armut kannten sie in der Form, die sie von Kindheit an in den Südstaaten zu sehen bekommen hatten. Der lange Marsch durch den tropischen Norden übte eine schockartige Wirkung auf sie aus. Das Leiden, das sie hier kennenlernten, war zu groß. Die verhungerten. Die legten ihre toten Kinder ohne Sarg in den Boden, Sand und Erde drüber. Wer hätte gedacht, dass Verhungern so viele Ursachen haben kann. Hier starben die Menschen, weil der Boden ausgetrocknet war, dort, weil ein Fluss ihn überschwemmt hatte. Oder sie starben, weil der Boden fruchtbar war und der Fazendeiro auf jedem Quadratzentimeter Zuckerrohr anbauen und die Landarbeiter auspeitschen ließ, die heimlich Maniok oder Bohnen zogen, statt sie bei ihm zu kaufen. Die Kolonne immatrikulierte in Geografie des Hungers. Ein Studium von mehr als zwei Jahren, dessen Abschluss mancher nicht erlebte. So zerbrach die Hoffnung der Rebellensoldaten, die Unterstützung der Hinterwäldler zu gewinnen, an der Wirklichkeit des Landes, die sie, aufgewachsen im fernen Süden, nicht kannten.

Marschieren ohne Ende

Ein Jahr nach Beginn des Marsches durchquerten immer noch mehr als 1.000 Mann Piauí (so groß wie die alte Bundesrepublik), Ende ­Januar 1926 erreichten sie den Bundesstaat Ceará (dreieinhalbmal so groß wie die Schweiz), Mitte Februar 1926 marschierten sie in Pernambuco ein (doppelt so groß wie die Schweiz) und drangen erneut ins Innere des Sertão vor, diesmal in südlicher Richtung. Bei Jatobá, dem heutigen Petrolândia, setzten sie Ende Februar 1926 über den Rio São Francisco, wobei sie, da nicht genügend Schiffe requiriert werden konnten (die Gegend war zu arm), ihre letzten Pferde auf dem pernambucanischen Ufer zurückließen. Ausgesetzt der Hitze und den tropischen Krankheiten, die Verwundeten auf Tragen mit sich führend, marschierten sie durch den Sertão von Bahia (so groß wie Frankreich), die Kleider und die Haut aufgefetzt von der Caatinga, verfolgt von Regierungs- und Polizeitruppen und Banden von Totschlägern und Halsabschneidern im Sold der Großgrundbesitzer. Nach fünfzehn Monaten marschierten sie am 17. April 1926 zum zweiten Mal in Minas Gerais ein, diesmal von Norden her. Eine vielfache feindliche Übermacht hinderte sie auch diesmal daran, das nur noch wenige hundert Kilometer entfernte Rio zu erreichen. Ende April war der südlichste Punkt des Marsches erreicht. Die Offiziere beschlossen, das Unternehmen abzubrechen und nach Bolivien ins Exil zu gehen. Aber inzwischen war auch der Weg nach Westen von Regierungstruppen versperrt. So marschierten sie zurück nach Norden.

Die jüngsten unter Prestes’ Soldaten waren zwölf, dreizehn Jahre alte bartlose Bürschchen mit langen Haaren, die von den Hinterwäldlern für junge Frauen gehalten wurden. So entstand die Legende, zur Kolonne gehörten auch viele bewaffnete Frauen. Aber es waren nie mehr als fünfzig, und sie trugen keine Waffen. Die Frauen zogen mit der Kolonne als Marketenderinnen, Geliebte, Huren, Köchinnen und Krankenpflegerinnen. Der Name einer dieser Pflegerinnen wurde überliefert: Hermínia. Der einzige Arzt hatte die Kolonne schon bald nach Beginn des Marsches verlassen. Von da an bestand der Sanitätsdienst aus einem Apotheker und der blonden österreichischen Krankenschwester Hermínia mit ihren Helferinnen und Helfern. Hermínia lernte die Malaria, das Gelbfieber, den Typhus, die Lepra, die Cholera und das Chagasfieber kennen. Arzneien gab es kaum, die Pflege der Verwundeten und Kranken ging über in die Pflege der Sterbenden.

Und wiederum durchquerten sie den Sertão von Bahia, jene 1.500 Kilometer lange Ödnis, wo die Bodentemperaturen 60 Grad Celsius erreichen (sie marschierten nachts). Sie hielten an der von ihnen entwickelten Guerillataktik fest, vermieden den Stellungskrieg, blieben in Bewegung, gewannen zahlreiche Scharmützel, große Siege konnten sie nicht feiern, eine Entscheidungsschlacht fand nicht statt. Drei Monate, nachdem sie über den Rio São Francisco gesetzt hatten, nach einem Umweg von einem Monat, der sie bis in die Nähe der bahianischen Hauptstadt Salvador führte und auf dem sie mehr als 300 Mann verloren, setzten sie Anfang Juli 1926 bei Rodela zum zweiten Mal über den mächtigen Fluss, diesmal in entgegengesetzter Richtung. Zwei Wochen später waren sie wieder in Goiás, Ende September überschritten sie die Grenze zum Bundesstaat Mato Grosso. Dreizehn Bundesstaaten hatten sie durchquert, einige mehrmals. Bis Ende des Jahres durchquerten sie den riesigen Bundesstaat, sie kamen durch Gebiete, die auf keiner Karte verzeichnet waren. Inzwischen war der bisherige Präsident Artur Bernardes von Washington Luís abgelöst worden. Es waren schließlich noch 620 Mann mit weniger als hundert Mausergewehren, vier Maschinengewehren, zwei weiteren automatischen Waffen und ein paar tausend Schuss Munition, die Ende Januar 1927 das Ufer des Paraguay erreichten. Am 3. Februar 1927, zwei Jahre und zwei Monate nachdem der Marsch der Kolonne im Gebiet von Missiões seinen Ausgang genommen hatte, überquerten die Überlebenden den Fluss und betraten bolivianischen Boden. Sie hatten 25.000 Kilometer zurückgelegt.

Erfolg? Misserfolg? Beurteilt man den Marsch der Kolonne nach den Maßstäben positivistischer Historiker – Fakten, Intentionen, Resultate –, so mag man ihn als Misserfolg bezeichnen. Der Marsch war aber, noch bevor er zu Ende war, für Millionen von Landlosen und Elenden im Hinterland zu einem Mythos geworden. Die unbesiegbare Kolonne. Der Ritter der Hoffnung. »Der Hauptmann des Volkes« – so hat ihn Pablo Neruda 1945 in seinem Gedicht »Gesprochen in Pacaembú«, in seinem Versepost »Der große Gesang« genannt.

Die Kraft der Mythen

Mythen verschleiern die gesellschaftlichen Vorgänge, schrieb Roland Barthes im zweiten Teil seiner mythenkritischen Textsammlung »Mythen des Alltags« (Mythologies, 1957; deutsch 1964). Sie lassen die Herrschaftsverhältnisse als ewig und unabänderlich erscheinen. Sie verwandeln Geschichte, also etwas von Menschen Gemachtes, in Natur. Aber der Tendenz der Mythen zum Abgehobenen, Zeitlosen, Unabänderlichen wohnt auch das gegenteilige Potential inne: die Verhältnisse zu destabilisieren. Indem sie die Herrschaftsinteressen verschleiern, lenken die Mythen die Aufmerksamkeit auf das, was da verschleiert wird. Ihre Mahnung an die Menschen, die historischen Verläufe als Schicksal hinzunehmen, enthält eine Ahnung davon, dass Widerstand möglich ist. Dass sie ohne Erfolg blieb, hat die Kraft des Mythos der »Kolonne Prestes« nicht gemindert. Nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie, durch ihr politisches und gesellschaftliches Programm wurde die Kolonne unter den Machtlosen zu einem Hoffnungsträger, sondern durch das reine Faktum ihres endlosen Marschierens, jenseits aller Vernunft.

Im Exil in Bolivien, dann Argentinien, begann der kleinbürgerliche Rebell ­Prestes mit der Lektüre der marxistischen Klassiker. Von kommunistischen Freunden eingeladen, ging er 1931 nach Moskau. Ende 1934 beschloss die Komintern, ihn illegal nach Brasilien zu entsenden, wo er die Leitung einer im Entstehen begriffenen Volksfront gegen die faschistenfreundliche Regierung von Getúlio Vargas übernehmen sollte. Begleitet wurde er von einer als Ehefrau getarnten Leibwächterin mit militärischer Ausbildung: der deutschen Kominternagentin jüdischer Abstammung Olga Benario. Am letzten Tag des Jahres 1934 verließen die beiden Moskau. Doch hier beginnt eine andere Geschichte.

Weiterführende Literatur:

Jorge Amado: Der Ritter der Hoffnung. Das Leben von Luis Carlos ­Prestes. Roman. Aus dem Französischen von Karl Heinrich. Verlag Volk und Welt, Berlin 1952

Jacob Blanc: The Prestes Column. An Interior History of Modern Brazil. Duke University Press, Durham 2024

Robert Cohen: Exil der frechen Frauen. Roman. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009 (Taschenbuch­ausgabe 2020)

Neill Macaulay: The Prestes Column. Revolution in Brazil. New Viewpoints, New York 1974

Anita Prestes: A ­Coluna Prestes. 4. ed. Paz e ­Terra, São Paulo 1997

Robert Cohen ist Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Filmregisseur. Er lebt in New York. Zuletzt erschienen die Erzählung »Anna Seghers im Garten von ­Jorge Amado«. ­Faber und Faber, Leipzig 2021

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  • Leserbrief von René Lechleiter aus Zürich (15. April 2024 um 12:09 Uhr)
    Zufall oder nicht – es spricht für die journalistische Qualität der jW, dass in der gleichen Nummer sowohl an den heroischen langen Marsch der »Kolonne Prestes« in Brasilien erinnert wird, und gleichzeitig an die vom Genossen Peter Sodann geschaffene Bibliothek der in der DDR geleisteten Buchproduktion, die dann nach 1989 bewusst und gezielt der Massenvernichtung anheimfiel.
    In dieser Bibliothek befindet sich zweifelsohne das Buch von Jorge Amado, der mit dem Werk »Caballero de la esperanza« für Luis Carlos Prestes ein würdiges literarisch-politisches Denkmal gesetzt hat. Die Originalversion wurde 1942 verfasst und also gleich, genau wie Prestes und seine Anhänger, verfolgt und verboten. Es erschien dann auch auf Spanisch, später auf Französisch und schließlich 1952 auf Deutsch bei Volk & Welt in der noch sehr jungen DDR.
    Dieser Verlag hat dann unzählige weitere sozialkritische Autoren aus Lateinamerika übersetzt und so einem Teil der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht. 1964, nach dem Putsch der Militärjunta in Brasilien verschwand Amados Buch erneut aus allen Buchhandlungen, und nach 1989 eben auch aus dem »neuen« Deutschland.

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