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Aus: Ausgabe vom 11.04.2024, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Die Frage nach dem Warum

Die Nicaragua-Solidaritätsbewegung und der große Bruch: Petra Hoffmanns Doku »Ein Traum von Revolution«
Von Frederic Schnatterer
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Was hat die Menschen angetrieben, weit weg von zu Hause harte körperliche Arbeit zu verrichten? »Die Idee, im entscheidenden Moment am richtigen Ort zu sein und Geschichte mitzugestalten.«

Die Ausmaße der internationalen Solidaritätsbewegung sind heute unvorstellbar. Rund 15.000 Personen allein aus der Bundesrepublik machen sich nach dem Sieg der sandinistischen Revolution am 19. Juli 1979 auf den Weg nach Nicaragua. Als Brigadistinnen und Brigadisten ernten sie Kaffee und Baumwolle, bauen Schulen, Kindergärten, Krankenstationen. In der ganzen BRD sprießen innerhalb kurzer Zeit Hunderte Gruppen in Solidarität mit dem progressiven Projekt der Sandinisten aus dem Boden. Mehr als 30 Städte­partnerschaften werden gegründet.

Petra Hoffmann, die Regisseurin des Dokumentarfilms »Ein Traum von Revolution«, war aktiver Teil dieser Solidaritätsbewegung. Mehrmals ging sie nach dem Sieg der sandinistischen Revolution nach Nicaragua, wo sie ihrer Überzeugung Taten folgen lassen und zum Aufbau einer besseren Gesellschaft beitragen wollte. Heute, fast 45 Jahre später, kehrt Hoffmann zurück – zwar nicht nach Nicaragua selbst, wo sie laut eigener Aussage nicht mehr einreisen kann, sondern ins Nachbarland Costa Rica. Dort leben viele exilierte Oppositionelle.

Die Reise zurück und die mit ihr einhergehenden Gedanken und Reflexionen hat sie in ihrem Film verewigt. Dabei treibt Hoffmann die Frage um, was aus den »Hoffnungen und Träumen der nicaraguanischen Revolutionäre und ihrer europäischen Unterstützer« geworden ist. Und die, wie sich aus der »Projektionsfläche unserer Träume« ein repressives Regime wie das unter dem ehemaligen Revolutionsführer Daniel Ortega und seiner Frau Rosario Murillo entwickeln konnte.

Letzteres gelingt dem Dokumentarfilm nur in Ansätzen. Zwar wird Oppositionellen und Exilierten viel Raum gegeben, ihre Sicht der Dinge zu erklären. Eine wirkliche Erklärung für die Entwicklungen der letzten Jahre bleibt der Dokumentarfilm allerdings schuldig. Eine Verortung der aktuellen Regierung Nicaraguas im politischen Spiel der Weltmächte wird nicht vorgenommen, deren Chef Ortega in »Ein Traum von Revolution« hingegen als herrschsüchtig und machtbesessen charakterisiert.

Die Stärke des Dokumentarfilms liegt allerdings ohnehin in anderem. Historische Aufnahmen, die teils aus persönlichen Archiven stammen, machen die in der 80er Jahren vorherrschende Aufbruchstimmung sowohl in Nicaragua als auch in der Solibewegung der BRD anschaulich. Die Sandinistische Revolution war eine Revolution der Jugend, der Dichter und der Musik, voll humanistischer Überzeugungen. Die musikalische Untermalung mit Revolutionsliedern, die aus heutiger Sicht kitschig wirken mögen, funktioniert als eigene Sprache der Rebellion – höchst emotional und voller Zuversicht.

Der kapitalistische Westen, allen voran die Vereinigten Staaten, setzt nach dem Sieg der Revolution alles daran, das sandinistische Nicaragua in die Knie zu zwingen. Mit brutalsten Mitteln: Die CIA rekrutierte und finanzierte die paramilitärischen Kräfte der Contras, die einen grausamen Bürgerkrieg entfachten, dem bis 1990 rund 50.000 Menschen zum Opfer fielen. Häfen wurden vermint, Zivilisten abgeschlachtet, Kooperativen zerstört, eine Wirtschaftsblockade verhängt. Brigadisten aus dem Westen kamen nach Nicaragua, um als »menschliche Schutzschilde« zu dienen. Teils fielen jedoch auch sie den Contras zum Opfer.

Regisseurin Hoffmann schafft es, die persönlichen Geschichten einzelner Brigadistinnen und Brigadisten anschaulich zu machen. Was hat die meist noch jungen Menschen angetrieben, Tausende Kilometer von ihrem Zuhause entfernt körperlich harte Arbeit zu verrichten und sogar noch dafür zu bezahlen? »Natürlich waren wir Idealisten«, heißt es dazu im Film lapidar. Und: »Die Idee, im entscheidenden Moment am richtigen Ort zu sein und Geschichte mitzugestalten.«

Doch 1990 kommt der Schock: Die Sandinisten verlieren die Wahlen, mit Violeta Chamorro kommt die Rechte zurück an die Macht. Die einstige Befreiungsarmee FSLN spaltet sich angesichts der Niederlage, erst 2007 wird Ortega erneut zum Präsidenten gewählt. Die Niederschlagung von Protesten gegen die Regierung 2018 markiert den endgültigen Bruch der einstigen Weggefährten.

Auch im Umfeld der Regisseurin. Überzeugende Antworten auf die Frage nach dem Warum bleibt ihr Film weitgehend schuldig. Trotzdem ist Hoffmann mit »Ein Traum von Revolution« ein wichtiges Zeitdokument gelungen.

»Ein Traum von Revolution«, Regie: Petra Hoffmann, BRD 2024, 109 Min., Kinostart: heute

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