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Aus: Ausgabe vom 10.04.2024, Seite 5 / Inland
Wohnen

Osten blutet aus

Wohnungsverbände: Leerstand und Energiekosten machen Mieten unbezahlbar
Von Alexander Reich
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143.000 Wohnungen stehen zur Zeit im Osten leer, Tendenz steigend

Überall ist vom Wohnungsmangel die Rede, aber im Osten gibt es vor allem in ländlichen Räumen mehr Mietobjekte als Bewohner. Und die können ihre Bleibe kaum noch bezahlen. Weder beim Bevölkerungsrückgang noch bei den Preissteigerungen ist ein Ende abzusehen. Damit das in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werde, luden am Dienstag Chefinnen und Chefs von sieben gemeinnützigen Wohnungsverbänden zu einer Pressekonferenz nach Leipzig. Sie vertraten gut 1.000 sozial ausgerichtete Unternehmen mit 1,75 Millionen Wohnungen, die allermeisten in Plattenbauten aus der DDR.

Im vergangenen Jahr wurden im Osten mehr Wohnungen abgerissen als neu gebaut. Aktuell stehen rund 143.000 leer, Tendenz steigend. Der Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V. (VSWG) etwa verfügt über knapp 300.000 Wohnungen, von denen knapp 26.000 leerstehen. Das ist ein Anteil von gut acht Prozent und entspricht dem Mittelwert der sieben Verbände. Von den durchschnittlich 5,44 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter, die der VSWG einnimmt, gehen 50 Cent für die Verwaltung des Leerstands drauf, rechnete Mirjam Philipp aus dem Vorstand vor. Bei den Kollegen sieht es ähnlich aus.

In Sachsen-Anhalt lag die Leerstandsquote in den vergangenen zehn Jahren zwischen elf und zwölf Prozent, wie Matthias Kuplich, Direktor des Verbands der Wohnungsgenossenschaften Sachsen-Anhalts e.V., mit einem Diagramm veranschaulichte. Dass die Kurve im Jahr 2022 Richtung zehn Prozent abknickte, sei auf die Unterbringung von Geflüchteten in zirka 4.200 Wohneinheiten zurückzuführen. Ein schwacher Lichtblick in Jahrzehnten des Aderlasses. Seit 1990 hat das Bundesland 700.000 Einwohner verloren. Kuplich geht davon aus, dass im ländlichen Raum bis 2035 weitere 119.000 abhanden kommen werden. Leuchtturmprojekte wie das sagenhafte Intel-Werk in Magdeburg könnten allenfalls für eine Stabilisierung der dortigen Einwohnerzahl sorgen, »die Ausstrahlungswirkung ist relativ gering«.

Die Unterbringung von Geflüchteten könne den Bilanzen guttun, nur müssten dabei die »Bestandsmieter mitgenommen« werden, und das sei alles andere als einfach. Da waren sich auf dem Podium alle einig. Die nötige »Sozialarbeit« könne von den Vermietern allein nicht geleistet werden.

Auf welchem »Pulverfass« die Altmieter sitzen, die in ihren Platten seit Jahrzehnten mehr schlecht als recht über die Runden kommen, verdeutlichte Jens Zillmann, Direktor des Verbands der Wohnungswirtschaft Sachsen-Anhalt e.V., mit der Betriebskostenabrechnung einer Mieterin aus Gommern bei Magdeburg. Für 2023 bereitgestellte Fernwärme soll diese Frau 8.026,56 Euro nachzahlen – für sie völlig unmöglich, und das sei kein Einzelfall. »Uns erreicht unsere Energiewende«, sagte Zillmann, und prognostizierte weitere Kostensteigerungen mit »enormer Sprengkraft«. Für eine »typische 56-Quadratmeter-Wohnung« seien die Heizkosten seit 2021 bereits von 739,20 Euro auf 1.139,80 Euro gestiegen. Perspektivisch solle die CO2-Abgabe weiter angehoben werden, von 45 auf 130 Euro pro Tonne. Und das treffe die Menschen im Osten eben deshalb besonders hart, weil sie »immer weniger, immer ärmer und immer älter« würden. »Da helfen auch keine Hinweise, kalt zu duschen oder einen Waschlappen zu nehmen.«

Die Bundesregierung hat Fernwärmenetze zum Zukunftsmodell erklärt, lässt aber die Ostdeutschen damit vor die Hunde gehen. Im Osten ist jeder dritte Haushalt an ein solches Netz angeschlossen, im Westen erst jeder zehnte. Aber die Preisgestaltung der Anbieter ist äußerst intransparent. Und ihrer Profitgier sind auch durch Umweltauflagen keine Grenzen gesetzt, weshalb die meisten Anbieter weiter auf Erdgas setzen. Statt einer Dekarbonisierung der Energieversorgung würden Dämmvorschriften gemacht, beklagte Maren Kern vom Vorstand des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. auf dem Podium in Leipzig. Die Verdickung der Wände würde eine Verdoppelung der Mieten bis 2045 nötig machen. Das könne niemand zahlen, also würden sich die Schulden der Verbände verdoppeln. Ein Kollege aus Sachsen fand es »schwierig, angesichts der Fakten nicht in Depressionen zu verfallen«. Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen e.V., resümierte: »Die Frage wird sein, ob die Vermieter oder die Mieter pleite gehen bei dem, was die Bundesregierung vorhat mit der Dekarbonisierung.«

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