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Aus: Ausgabe vom 06.04.2024, Seite 12 / Thema
Kaffee

Kolonialer Bodensatz

Vom Reichengetränk zum Massenkonsumgut. Zur Ökonomie des Kaffees
Von Gertrud Rettenmaier
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Von Surinam breitete sich der Kaffeeanbau auf dem lateinamerikanischen Kontinent und in der Karibik aus. Er fusste von Beginn an auf Sklavenarbeit. (Kaffeeplantage in der niederländischen Kolonie Surinam, 1858)

Mit Zuckerrohr hatte das System der atlantischen Plantagenwirtschaft im 16. Jahrhundert seinen Anfang genommen. Ausgehend von den Inseln vor der westafrikanischen Küste beanspruchten europäische Kaufleute und Plantagenbesitzer immer ausgedehntere Territorien auf den karibischen Inseln und dem amerikanischen Festland für die Zuckerkultur. Als Arbeitskräfte setzen sie versklavte Indigene und aus Afrika herangeschaffte Menschen ein. In Europa konnte Zucker so erfolgreich vermarktet werden, dass er zum Grundnahrungsmittel aufstieg. Im 19. Jahrhundert wiederholte sich eine ähnliche Entwicklung mit dem Genussmittel Kaffee.

Kaffee ist die Frucht eines tropischen Baums, der ursprünglich in Afrika wuchs. Kaffa, eine Region im südlichen Äthiopien, gilt als Heimat des Arabica-Kaffees. Die erste Region, in der Kaffeebäume für den Handel angepflanzt wurden, war das Bergland des südlichen Jemen. Umschlagplatz war die Handelsstadt Mokha. Seit dem 15. Jahrhundert ist die Zubereitung eines Getränks aus den Schalen und Kernen der Kaffeekirsche im Jemen belegt. Erste Konsumenten sollen Anhänger des Sufismus, einer mystisch-asketischen Richtung des Islam, gewesen sein. Die Rohkaffeebohnen wurden über die Häfen am Roten Meer verschifft. Die Zubereitung und der Konsum des Kaffeegetränks verbreiteten sich bis zum 17. Jahrhundert im arabischen Raum und im osmanischen Reich. In den Städten entstanden Kaffeehäuser als beliebte Kommunikations­orte. Kaffee eroberte sich seinen Platz als akzeptiertes Genussmittel, dessen anregende Wirkung auch als gesund galt.

»Ähnlich wie Tinte«

Nach Europa gelangte Kaffee im Rahmen des Handels mit exotischen Spezereien. Gewürze, Genussmittel, Heilmittel und Drogen wurden zunächst an wohlhabende Adlige verkauft. Im 17. Jahrhundert lieferten die niederländische Vereenigde Oost­indische Compagnie (VOC) und die englische East India Company (EIC) die begehrten Gewürze aus Asien. Sie legten auch in Aden und Mokha an. Kaffee erwies sich als gefragte Handelsware und die gehandelten Mengen stiegen. Ab Mitte des 17. Jahrhundert begannen die Handelsgesellschaften mit der Vermarktung in Europa.

In Europa waren heiße Getränke damals noch unbekannt. Am Morgen wurde Suppe gegessen. Aus dem 17. Jahrhundert sind Berichte von deutschen Reisenden bekannt, die sich noch sehr befremdet über Kaffee äußerten: »Es ist ein schwarzes Wasser, ähnlich wie Tinte, mit bitterem Geschmack«. Aber immer größere Kreise ließen sich von dem anregenden Getränk überzeugen, zumal der bittere Geschmack mit Zucker ausgeglichen werden konnte. Findige Kaufleute eröffneten Ende des 17. Jahrhunderts in Handelsstädten wie Hamburg, Bremen, Würzburg oder Leipzig Kaffeehäuser nach arabischem Vorbild. Kaffeetrinken wurde chic und verbreitete sich während des 18. Jahrhunderts im Bürgertum. Friedrich Schiller war als Kaffeetrinker bekannt, während Goethe die aufputschende Wirkung ausdrücklich ablehnte.

Für die VOC erwies sich der Handel mit dem Jemen als nicht einträglich genug. Sie setzte auf eigene Plantagen. Obwohl der Jemen sein Monopol gut bewachte, gelang es ihr, heimlich keimfähige Kaffeebohnen auszuführen, Pflanzen zu züchten und Kaffeeplantagen auf Java und Ceylon (heute Sri Lanka) anzulegen. Das Handelszentrum für Kaffee verlagerte sich im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts nach Amsterdam.

Aber auch das VOC-Monopol ließ sich nicht halten. Die ebenfalls niederländische West-Indische Compagnie gelangte über den botanischen Garten Amsterdams an Pflanzen, die sie ins amerikanische Surinam brachte. Auch dort gelang der Kaffeeanbau. Bald danach begann die Verbreitung auf dem amerikanischen Kontinent und alle Kolonialmächte stiegen in das Geschäft ein. Auf karibischen Inseln wie Jamaika, Kuba, Haiti, Martinique, in Ländern wie Guatemala, Kolumbien und Brasilien wurden Plantagen angelegt. Dort setzen sich maschinengestützte, zeitsparende Verfahren zur Kaffeeaufbereitung durch. Immer größere Mengen Kaffee gelangten in den Handel. Die Preise fielen.

Wer Plantagen anlegt, muss große Eingriffe in die Natur und das Leben der indigenen Bevölkerung vornehmen. Menschen werden von ihrem Land vertrieben, Wälder vernichtet, Transportwege angelegt. Zur Durchsetzung sind Herrschaftsstrukturen und gegebenenfalls militärische Mittel erforderlich. Vor allem aber müssen Arbeitskräfte in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Im 18. und 19. Jahrhundert konnte weder bei der Abholzung der Flächen noch bei der landwirtschaftlichen Arbeit auf Maschinen gesetzt werden. Auf den asiatischen Plantagen wurde Gewalt eingesetzt, wurden Steuerpflichten erhoben und Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen, um die Einheimischen zur Arbeit zu zwingen. Die großen Plantagensysteme in den Amerikas konnten nur mit Hilfe des transatlantischen Sklavenhandels und der Arbeit von Millionen in Afrika versklavter Menschen entstehen.

Brasilien importierte noch im 19. Jahrhundert mehr als zwei Millionen Versklavte und entwickelte sich in dieser Zeit zum größten Kaffeeexporteur der Welt. Riesige Urwaldflächen wurden in Monokulturen verwandelt. In das 1822 unabhängig gewordene Land emigrierten viele Europäer, die auch als Pflanzer und Händler aktiv wurden. 1885 befasste sich die deutsche Kolonialgesellschaft mit den Auswanderungsmöglichkeiten nach Brasilien. Ein in der Deutschen Kolonialzeitung abgedruckter Vortrag beschreibt die Situation in der Provinz São Paulo, die Hafenstadt, die Landschaft, die gemischte Bevölkerung, die Pflanzungen und auch die Sklavenhaltung: »Überall aber werden die Sklaven in den zellenartig eingeteilten Höfen durch herabgelassene Fallgitter eingesperrt. Ihre Sonntage werden auf einen beliebigen Tag der Woche gelegt, damit sie nicht Gelegenheit haben, mit Sklaven anderer Plantagen zusammenzukommen. Die Peitsche ist nirgends ganz ausgeschlossen. Verkauf und Tausch findet nach Belieben statt.« Die großen Plantagenbesitzer seien auch kurz vor dem Verbot der Sklaverei – es wurde 1888 vollzogen – noch immer auf Sklavenarbeit fixiert und würden die eingewanderten Europäer als Lohnarbeiter oder Pächter ausbeuten. Viele freigelassene Sklaven hatten vermutlich nach ihrer Befreiung keine andere Möglichkeit, als weiter in den Plantagen zu schuften. 1896 exportierte Brasilien 510.000 Tonnen Kaffee, über die Hälfte der weltweit gehandelten Erntemenge. Damit bestimmte brasilianischer Kaffee die Weltmarktpreise.

Anbauen und Strafen

Als das Deutsche Reich 1884 Kolonien in Afrika gründete, war das Interesse groß, dort auch Kaffee anzubauen. »Zwei Millionen Zentner Kaffee werden das Jahr über in Deutschland verbraucht, welche einen Wert von 150 Millionen Mark repräsentieren, und diese ganze Masse des Kaffees muss aus dem Auslande bezogen werden«, wurde 1887 in einem Artikel in der Kolonialzeitung Deutsche Weltpost geklagt. Die Hoffnungen richteten sich vor allem auf Ostafrika. Dort wollte man von den Erfahrungen anderer Kolonialmächte profitieren und wie sie durch Plantagen reich werden. Von vornherein war jedoch klar, was in einem Vortrag auf dem Geografentag in Hamburg 1885 zum Ausdruck gekommen war: »Plantagenarbeit kann nur von Einheimischen betrieben werden, da deren Konstitution an das Klima angepasst ist. (…) Der Europäer wird nie etwas anderes dort sein können als Leiter oder Aufseher«. Der Referent führte aus, »wie der N. zu dieser Arbeit erzogen werden müsse und wie hierbei ein gewisser Zwang (unter Anlehnung an die dort einheimischen Verhältnisse ohne Scheu vor sentimentalen, idealistischen Zivilisatoren) im Interesse der N. selbst unumgänglich sei (…). Die schwarzen Untertanen müssen zur allgemeinen Arbeitspflicht erzogen werden (…). Die Organisation der Arbeit wird die Hauptaufgabe nicht nur der Privatunternehmer, sondern auch des Staates bilden«.

Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft unter Carl Peters hatte den Auftrag des deutschen Kaisers zur Entwicklung der neuen Kolonie erhalten. Sie schrieb 1885 einen Preis aus für Arbeiten zum Thema »Wie erzieht man am besten den N. zur Plantagenarbeit«. Der Preisträger Alexander Merensky, der Erfahrungen als Missionar in Transvaal gesammelt hatte, empfahl in seinem Aufsatz je nach Lage unterschiedliche Vorgehensweisen: Wo Verwaltung und Militär den Zugriff erlaubten, sei eine Hüttensteuer sinnvoll, die mit Arbeit abgeleistet werden könne. Wo es Arbeitssuchende gebe, sollten Zeitverträge mit möglichst niedrigen Löhnen abgeschlossen werden und Bestrafungen bei »Unwilligkeit, Aufsässigkeit und Faulheit« erfolgen. Die Anwendung von Strafen – es handelte sich in der Regel um den Einsatz der Peitsche – solle aber nach festen Regeln erfolgen, aus Rücksichtnahme auf den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn der Menschen. Die genannten Praktiken wurden in der Kolonie Deutsch-Ostafrika umgesetzt. Sein dritter Vorschlag war an feudale Strukturen angelehnt und dürfte der Praxis in Missionensstationen entsprochen haben: »Weiße Pflanzungen« auf dem Gebiet indigener Dörfer sollten eingezäunt werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner der darin liegenden Dörfer sollten vor die Alternative gestellt werden, das Gebiet zu verlassen oder als »Hörige« in Abhängigkeit und Arbeitsverpflichtung zu bleiben. Dafür sollten sie militärischen Schutz erhalten.

Gustav Meinecke, Redakteur der Deutschen Kolonialzeitung, rührte 1892 die Werbetrommel für Investitionen in den Kaffeeanbau in Deutsch-Ostafrika, wo bereits erste Pflanzungen stattfanden und »der Zeitpunkt nicht mehr fern zu sein scheint, wo auf dem Vorland die Tabak- und Kakaokultur, weiter hinauf nach den Bergen die Kaffeekultur betrieben werden wird«. Aber die Bedingungen erwiesen sich als schwierig. Arbeitskräfte konnten nicht auf Dauer für die Plantagenarbeit gewonnen werden. Auch wiederholte Versuche, Kontraktarbeiter (Kulis) aus Südindien bzw. Südchina anzuwerben, scheiterten. Zudem litten die Pflanzen unter einer in Asien verbreiteten Blattkrankheit, was den Ertrag und die Qualität erheblich schmälerte. 1900 warb Meinecke für die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation, um den Kaffeeanbau in der Region Usambara zu retten. 1905 stellt ein Bericht über zwei Großplantagen fest: »Im Jahr 1904 deckte die Ernte noch nicht die Unkosten der Pflanzung«. Deshalb werde auf andere Pflanzen wie die Sisalagave umgestellt. Andere Berichte empfahlen die Pflanzung von Robusta- und Liberica-Kaffeebäumen, die als resistent gegen Kaffeerost galten und auch in tieferen Lagen gedeihen. Der Kaffee dieser Sorten entsprach allerdings meist nicht den in Deutschland bereits entwickelten Geschmackserwartungen. Trotz der Misserfolge und der Schwierigkeiten, mit den Angeboten auf dem Weltmarkt zu konkurrieren, gab es vor dem Ersten Weltkrieg Propaganda für deutschen Usambara-Kaffee, der in kleinen Mengen immer noch beworben und verkauft wurde.

Alltagsgenussmittel

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich Kaffee in Deutschland so verbreitet, dass Bierbrauer und Keltereien die Konkurrenz des neuen Getränks zu fürchten begannen. Mehrere deutsche Fürstentümer erließen Dekrete, die dem armen Teil der Bevölkerung den Konsum der Luxusartikel Kaffee, Tee und Zucker verboten oder durch das Erheben von Luxussteuern erschwerten. Begründungen waren »ruinöses Genussverhalten« sowie der Abfluss von Geld ins Ausland, das besser für einheimische Produkte angelegt werden solle. Solche Verbote erhöhten die Attraktivität des Getränks. Gleichzeitig förderten sie die Herstellung erlaubten Ersatzkaffees aus einheimischen Pflanzen. Die Zichorie – auch Wegwarte genannt – war eine verbreitete und anspruchslose Pflanze. Aus ihrer zermahlenen und gerösteten Wurzel ließ sich ein brauner Aufguss herstellen, der dem Kaffee nicht unähnlich war. Durch die Beimischung von Eicheln, Feigen oder Getreide konnte der Geschmack variiert werden. Die »Kaffeepräparate« waren erheblich billiger als der »echte« Kaffee. Sie trugen zur Verbreitung des Kaffeetrinkens bei.

Der globale Handel weitete sich durch die Dampfschiffahrt und den Freihandel im 19. Jahrhundert stark aus, und die weltweite Kaffeeernte verdoppelte sich zwischen 1880 und 1914. Zur Jahrhundertwende stand der Kaffeehandel nach dem Handel mit Getreide und Zucker bei den Umsätzen weltweit an dritter Stelle. Hamburg wurde 1881 Freihafen und einer der weltweit führenden Umschlagplätze für Kaffee, Tee, Tabak und Gewürze. Hamburger Kaffeegroßhändler investierten selbst in Plantagen in Guatemala und Brasilien. In dieser Zeit wurde Hamburg zur Kaffeemetropole, in der große Kaffeeröstereien entstanden. Als ein Preisverfall durch Überangebot die brasilianische Kaffeeproduktion bedrohte, griffen deutsche Großhändler mit Stützkäufen und Bankhäuser mit Krediten ein. Einzelhandel und Verbrauchende profitierten jedoch von sinkenden Kaffeepreisen. Sie standen diesen Maßnahmen zur Preisstabilisierung kritisch gegenüber. Als die Preise langsam wieder anzogen und die kaiserliche Regierung 1909 angesichts steigender Rüstungsausgaben auch noch beschloss, den Kaffeezoll zu verdoppeln, gab es im Reichstag eine erbitterte Diskussion über die Kaffeepreise.

Um 1900 war Kaffeetrinken bereits selbstverständlicher Teil der deutschen Kultur. Pro Person wurden durchschnittlich drei Kilogramm Kaffee im Jahr verbraucht. Zum Vergleich: Heute sind es 6,7 Kilogramm. Im Bürgertum veranstalteten Frauen Kaffeekränzchen und gemischtgeschlechtliche Kaffeegesellschaften. Gaststätten und Hotels boten Kaffee an. Im Straßenverkauf gab es Kaffee zum Mitnehmen. Cafés führten die Namen »Imperial« oder »Viktoria« oder bezogen sich auf Wien oder Paris. Zu kaufen gab es bereits fertig geröstete Kaffeemischungen bekannter Marken wie Kaffee Hag, Darboven und Kaisers Kaffee aus Großröstereien in Hamburg und Bremen. Lokal warben zahlreiche Kaffeebrennereien um das Vertrauen der Kundschaft. Rohkaffee wurde ebenfalls noch verkauft, denn es lag nicht lange zurück, dass Röstpfännchen zur Ausstattung eines bürgerlichen Haushalts gehörten und die Wochenendzeitung eine Anleitung für die Kaffeebereitung druckte.

Auch die einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter gönnten sich nach Möglichkeit Bohnenkaffee, wo er zu teuer war, wurde er mit Ersatzkaffee gemischt. Kaffee mit Zucker und Milch und einer Scheibe Brot ersetzte oft eine Mahlzeit. Selbst in Krankenhäusern und Gefängnissen gehörte Kaffee nun zur Grundversorgung. Teil der bürgerlichen Wohlfahrtspflege war die Gründung von Volkskaffeehallen, wo durch Kaffeeausschank dem Alkoholmissbrauch entgegengewirkt werden sollte. Die Werkskantinen schenkten Bohnenkaffee für umgerechnet 50 Cent die Tasse aus, gestreckten Kaffee zum Teil gratis, auch mit dem Ziel, den Bierkonsum einzudämmen. Zum Kaffeetrinken reichen kurze Pausen, Kaffee wirkt anregend und hält an langen Arbeitstagen leistungsfähig.

Lohndumping und Abhängigkeit

Heute wird Kaffee weltweit entlang des Äquators angebaut. Der größte Teil davon wird in die EU geliefert, gefolgt von den USA. Die größte Nachfrage besteht nach Arabica-Sorten (rund 60 Prozent), 40 Prozent sind Robusta-Sorten. Der Anbau von Kaffeebäumen ist aufwendig, gleiches gilt für die Ernte und Weiterverarbeitung der Bohnen. Kaffeebäume tragen etwa ab einem Alter von vier Jahren, nach etwa 30 Jahren kaum noch. Die Vorkultur der empfindlichen jungen Kaffeepflanzen bedarf guter Pflege. Während der Erntemonate muss regelmäßig gepflückt werden, denn die Kaffeekirschen reifen nicht gleichzeitig und nur reife Bohnen sind gut. Das weiche rote Fruchtfleisch wird durch Trocknung oder spezielle Reinigungsverfahren entfernt, ebenso die Hülle um die Kaffeebohnen. Die Bohnen müssen gereinigt und verlesen werden. Dann werden sie als Rohkaffee in Jutesäcke verpackt und zum Großhändler transportiert. Für einen Sack mit 60 Kilogramm Rohkaffee ist die Ernte von 100 gut tragenden Arabica-Bäumen erforderlich. Die Menge der Früchte unterliegt aber natürlichen Schwankungen und regionalen Unterschieden.

Der Großteil des Kaffees wird in kleinbäuerlichen Betrieben produziert, in denen auch die Kinder mitarbeiten müssen. Weil die Weltmarktpreise schwanken und in der Regel niedrig sind, können die Bauernfamilien meist nicht von ihrem Einkommen leben. Oft reicht es nicht für die Schulbildung der Kinder, die Medizin bei Krankheiten oder den Dünger. Neben den etwa zwölf Millionen Kaffee anbauenden Familien arbeiten an die zwölf Millionen Menschen für Lohn auf großen Plantagen. Dort herrschen großenteils schlechte Arbeitsbedingungen, und es werden nur knapp existenzsichernde Löhne gezahlt. Auch von Beschäftigungsverhältnissen, die an Sklaverei erinnern, wird berichtet.

Inklusive Transport, Handel und Verarbeitung leben heute mehr als 100 Millionen Menschen in über 50 Ländern vom Kaffee. Brasilien, Vietnam, Indonesien, Kolumbien und Uganda sind die Staaten mit der höchsten Erzeugung. Der weltweit größte Kaffeehändler und -röster ist die deutsche Reimann-Gruppe (Douwe Egberts, Senseo, Jacobs, Kaffee Hag, Balzac Coffee und Van Houten). Es folgen der Schweizer Nestlé-Konzern und die italienische Lavazza-Gruppe. Die großen Konzerne bestimmen mit ihren Termingeschäften die Weltmarktpreise. Vom Kaffeepreis, den wir im Laden bezahlen, geht nur etwa ein Sechstel in die Erzeugerländer.

Röstnation Deutschland

Deutschland steht weltweit an dritter Stelle sowohl beim Import als auch beim Export von Kaffee. Es beliefert Polen und einige andere Länder mit Rohkaffee. Eine größere Rolle spielt der deutsche Export verarbeiteten und insbesondere entkoffeinierten Kaffees nach Polen, die Niederlande, Frankreich, Slowakei, Tschechien, Österreich und in andere EU-Länder. Die EU erhebt gegenüber Drittstaaten keinen Importzoll auf Rohkaffee, belegt aber Röstkaffee in der Regel mit 7,5 Prozent, entkoffeinierten Röstkaffee sogar mit neun Prozent Importzoll. Damit schützt sie die deutsche Kaffeeindustrie. Das große Geschäft mit dem Kaffee wird in den Industriestaaten gemacht, während die Erzeugerinnen und Erzeuger am Anfang der Lieferkette zu wenig verdienen, um sich ausreichend ernähren, kleiden und bilden zu können.

Auch heute noch werden für die Anlage von Kaffeeplantagen Menschen von ihrem Land vertrieben. Die internationale Menschenrechtsorganisation FIAN hat aufgedeckt, wie 2001 für eine neue Plantage des Hamburger Großhandelsunternehmens Neumann-Kaffee-Gruppe in Uganda 4.000 Menschen aus vier Dörfern vertrieben wurden, ohne Entschädigungen zu erhalten.

Kaffee aus fairem Handel ist eine Alternative für bewusst Konsumierende. Aber es ist wichtig, auf das Zertifikat zu achten. Firmen, deren Produkte das grün-blaue Fairtradesiegel tragen, müssen sicherstellen, dass den Produzenten ein Mindestpreis gezahlt wird. Außerdem ist die Organisierung in Genossenschaften Voraussetzung. Die müssen demokratisch organisiert sein, Frauen beteiligen und fördern und dürfen keine ausbeuterische Kinderarbeit zulassen. Vergeben wird das Fairtradesiegel durch den gemeinnützigen Verein Transfair auf Basis von Lizenzverträgen. Die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der »Dritten Welt« mbH (GEPA) steht mit ihrem Namen dafür ein, dass die Kriterien des fairen Handels eingehalten werden. Sie handelt mit bekannten Vertragspartnern, fairer Handel ist ihr zentraler Unternehmenszweck. Die Gesellschafter sind kirchliche Entwicklungsorganisationen und Jugendverbände.

Auch der Staat verdient mit. Deutschland erhebt als eines von wenigen europäischen Ländern eine Verbrauchssteuer auf Kaffee. Sie gilt seit 1948 und liegt aktuell bei 2,19 Euro pro Kilogramm Röstkaffee und 4,78 Euro pro Kilogramm löslichen Kaffees. Hinzu kommt der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, der für Grundnahrungsmittel gilt. Auf Kaffeegetränke in Gaststätten oder am Kiosk werden jedoch 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben.

Literatur:

– Martin Krieger: Kaffee. Geschichte eines Genussmittels, Köln 2011

– Annerose Meininger: Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in Europa, Stuttgart 2004

– Julia Laura Rischbieter: Mikro-Ökonomie der Globalisierung. Kaffee, Kaufleute und Konsumenten im Kaiserreich 1870–1914, Köln 2011

– Südwind. Institut für Ökonomie und Ökumene: Factsheet Auf ein Tässchen. Soziale und ökologische Herausforderungen im Kaffeeanbau, 2020

– Südwind. Institut für Ökonomie und Ökumene: Auf ein Tässchen. Die Wertschöpfungskette von Kaffee, 2020

https://www.fian.de/was-wir-machen/fallarbeit/kaweri-uganda/

Gertrud Rettenmaier diskutierte an dieser Stelle am 7. Juli 2023 über Wolfgang Koeppens Roman »Tauben im Gras«.

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