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Aus: Ausgabe vom 03.04.2024, Seite 12 / Thema
Bellizismus

Krieg gehört einfach dazu

Der Papst fordert Frieden für die Ukraine: Da muss der Unfehlbare kriegstheoretisch widerlegt werden
Von Norbert Wohlfahrt
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Krieg als Freiheitsmission übersetzen. Deutsche und US-amerikanische Soldaten mit schwerem Gerät beim NATO-Manöver »Steadfast Defender« Anfang März im polnischen Korzeniewo

Anfang März fordert der Papst Frieden für die Ukraine und stößt damit nicht nur bei den Obermoralisten der Nation, die mit dem Krieg in der Ukraine ihre politische Karriere befördern wollen, auf Widerspruch¹, die Forderung hält auch einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Dieser Schluss drängt sich jedenfalls auf, wenn man sich Beiträge zum modernen Kriegsbegriff vergegenwärtigt und dabei mit dem unumstößlichen Dogma konfrontiert wird, dass der Krieg zum modernen Menschsein einfach dazugehört. Hat man sich inzwischen schon daran gewöhnt, dass das, was sich Wissenschaft nennt, in der Verbreitung moralischer Botschaften seinen Dienst an der Nation zu erfüllen versucht, so nehmen angesichts einer Zeitenwende die Versuche, die eigene geistige Verrohung zum Maßstab wissenschaftlichen Räsonierens zu erheben, signifikant zu. Hierzu gehören an vorderster Front die kriegstheoretischen Einlassungen zur Unmöglichkeit des Friedens und zur Unabdingbarkeit des Krieges. Den will man nicht einfach postulieren, sondern mit Blick auf die verschiedenen Dimensionen seiner Entstehung begründen. Was dabei herauskommt, soll im Folgenden etwas genauer betrachtet werden.

Mängelwesen Mensch

Sieht man einmal von der Frage ab, ob Schimpansen einen Kriegsinstinkt besitzen (vgl. Ferguson 2019), so wird aus anthropologischer Perspektive der Krieg als eine Art natürlicher Selektionsmechanismus verstanden, bei dem sich die Besten den Zugang zu wichtigen Ressourcen erkämpfen. Es ist also keineswegs überraschend, dass im Laufe der Zeit, die »traurige Realität, dass er ein ständiger Begleiter der Geschichte ist« (Masala 2024) zum Grundverständnis einer Kriegsbegründung dazugehört. Dabei spielt die schon aus der Staatstheorie bekannte Annahme, dass der Mensch einer disziplinierenden Gewalt bedürfe, um seine anthropologisch bestimmten Mängel (seinen Hang zum Bösen) zu zügeln, eine nicht unbedeutende Rolle. Durch den Schrecken einer machtvollen Autorität, so schon der Staatstheoretiker Thomas Hobbes, soll der Staat in die Lage versetzt werden, den »Willen aller auf den innerstaatlichen Frieden und auf gegenseitige Hilfe gegen auswärtige Feinde hinzulenken«. Der offensichtliche Widerspruch, warum die »Wolfsnatur« des Menschen ausgerechnet durch ein von Menschen repräsentiertes Gewaltregime gezähmt werden kann, verdankt sich dem normativen Anliegen, die Staatsgewalt aus der Zustimmung der ihr Unterworfenen abzuleiten, und hierzu leistet die These vom Mängelwesen Mensch gute Dienste.²

Warum durch den Tatbestand der Herrschaft die Selbstsüchtigkeit der Beherrschten verschwinden soll, bleibt das Geheimnis der Begründung dieser Form von Staatlichkeit. Deren offenkundige Fragwürdigkeit wird durch den Tatbestand erhärtet, dass Staaten den Kampf jeder gegen jeden alles andere als eindämmen, auch wenn sie vorgeben, ihre Untertanen vor der Gewalt von Dritten zu schützen.³ Wenn Kriegstheorien Kriege mit der defizitären Ausstattung von Menschen begründen, dann lebt dieser Ansatz von dem Gedanken, dass nur Staaten und Nationen in der Lage sind, den Individuen den notwendigen Halt zu stiften, den sie angesichts ihres Hangs zum Bösen benötigen.

Kriegstheoretisch wird damit eine entscheidende Grundannahme gefestigt, die es zu verstehen gilt: Wenn nur der Staat und die von ihm repräsentierte Gemeinschaftlichkeit den Individuen Orientierung und Normen des Zusammenlebens zur Verfügung stellen können, dann ist der Krieg ein Mittel der Aufrechterhaltung dieser für die Menschen und das Menschsein substantiellen Ordnung. Es wäre also mehr als verkehrt, den Krieg als ein unmittelbar gegen die Individualität und ihre materielle Daseinsform gerichtetes Gewaltmittel zu begreifen. Denn die im normalen staatsbürgerlichen Dasein geforderte Sittlichkeit, die sich in der Akzeptanz der geltenden Gesetze und Institutionen einen Inhalt gibt, ist im Krieg in besonderer Weise gefordert, weil die Freiheit, die diese Gesetze und Institutionen garantieren, gefährdet ist. Stellt sich schon in nichtkriegerischen Zeiten die im jeweiligen Staat gültige Freiheitsinterpretation als ein System von Pflichten dar, das der Staatsbürger sich »sittlich« zu eigen machen muss, so fordert der Krieg vom Subjekt, die vom Staat garantierte Freiheit als sein eigenes Wesen anzusehen: Er ist als Mensch nur wirklich in der Betätigung seiner selbst als Mitglied der (staatlichen) Gemeinschaft, die seine Identität bestimmt.

Wenn Politiker lapidar bemerken, dass im Ukraine-Krieg unsere Freiheit auf dem Spiel steht, dann ist damit weit mehr ausgedrückt, als die von niemandem so recht geglaubte Vision, die Russen könnten sich nach der Ukraine das Baltikum und dann Deutschland und Frankreich einverleiben. Ausgesprochen wird hier der für die Bewährung nationaler Staatlichkeit grundlegende Gedanke, dass in Kriegszeiten jeder Einzelne die staatlich verbürgte Freiheit als seine ihm gegenüber tretende und Identität einfordernde Sittlichkeit zu leben hat. Sicherheit und Freiheit fallen kriegstheoretisch zusammen und der Staat hat als »Hüter der Sicherheit« (Arnold Gehlen) die Gesamtwohlfahrt eines Volkes nach innen und außen zu sichern.⁴

Staaten kämpfen um Macht

Der Politikwissenschaftler Kenneth Waltz hat in seinem Buch »Theory of International Politics« (1979) eine Idee formuliert, die angesichts von »Russlands Angriffskrieg« wieder Furore macht. Waltz stellt fest, dass Staaten mit ganz unterschiedlichen Herrschaftssystemen (Demokratien, Autokratien, Monarchien und Mischformen) sich in bestimmten Konstellationen ganz ähnlich verhalten. Seine Schlussfolgerung lautet, dass nicht das politische System, sondern etwas Übergeordnetes als Grund für das staatliche Verhalten herangezogen werden muss. Dies ist aus seiner Sicht das internationale System, das Staaten zu bestimmten Aktionen antreibt und von anderen abhält. Was ist nun das Problem dieses internationalen Systems? Es fehlt ihm die innerstaatliche Hierarchie, es ist durch das Fehlen einer übergeordneten Herrschaft als Anarchie zu kennzeichnen. Durch das Fehlen einer Instanz, die überstaatlich die Einhaltung von Regeln überwacht, herrscht im internationalen System ein permanentes Gefühl der Unsicherheit. Das daraus resultierende Sicherheitsdilemma erklärt nicht nur das Wettrüsten, es führt auch zum Aufbau militärischer Stärke und zum Krieg als fortwährende Möglichkeit.⁵

Die Störung des Machtgleichgewichts (beispielsweise durch den russischen »Revisionismus«) als Kriegsursache erklärt den Krieg zu einem rationalen Mittel zur Verhinderung des Machtzuwachses anderer Staaten und damit zur Herstellung der Ordnung, die die maximale Sicherheit gewährleistet. Es ist nicht zu übersehen, was den »Realismus« dieser Kriegstheorie ausmacht: Die von den USA durchgesetzte und mit ihrer überlegenen militärischen Gewalt gesicherte »regelbasierte Weltordnung« ist der Garant eines »Machtgleichgewichts«, das stets durch das Machtstreben anderer Staaten (Russland und China an vorderster Front) gestört wird und damit die zur Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheitsordnung notwendige (Kriegs-)Gewalt auslöst. Es ist aus Sicht dieser »realistischen« Kriegstheorie damit auch klar, dass »friedenspolitisch inspirierte Verkürzungen« des Kriegsgeschehens (Terhalle 2023) nicht in Frage kommen, wenn damit keine erfolgreiche Niederringung des die Störung der Weltordnung verursachenden Feindes verbunden ist: »Die intuitive Übertragung der Kategorie Kompromiss auf die Sphäre des Krieges, ausgelöst durch einen Herausforderer wie Putin, ist jedoch fehlerhaft und desorientierend« (Terhalle 2023, S. 83).

Die umstandslose Parteinahme für die regelbasierte freiheitliche Friedensordnung unter US-amerikanischer Hegemonie zeigt sich am Inhalt dieser Ordnung weitgehend desinteressiert. Welche ökonomischen Interessen hier weltweit durchgesetzt werden, spielt in der Theorie ebenso wenig eine Rolle, wie die Frage, warum die »revisionistischen« Staaten in der bestehenden Weltordnung gerade keine Garantie ihrer Souveränität und Sicherheit sehen. Wenn der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij nicht müde wird zu betonen, dass der Kampf seines Volkes auf die wiederzugewinnende Freiheit verweist, dann folgt er einer Maxime der »realistischen« Kriegstheorie: »Klassischen Realisten fehlt keineswegs der emotionale Antrieb: Sie wollen einen Status quo verteidigen, der die liberalen Utopien des Westens umgesetzt hat und hochhält« (Terhalle 2023, S. 85). Mit Blick auf Russland und den Ukraine-Krieg ergibt sich aus dieser Fundamentalunterscheidung von östlicher Autokratie und westlicher Freiheitswelt eine ganz eindeutige Schlussfolgerung: »Den vierten und letzten Anstoß gibt diese Theorie mit der Empfehlung, Russland erst nach seiner Niederlage Integration anzubieten, nicht bereits während der im und durch das Kriegsgeschehen erfolgten Entscheidung« (ebenda, S. 86).

Kampf um Ressourcen

Begreift man im Sinne der modernen Kriegstheorie den Staat als die Freiheitswelt, die durch ihre absolute Souveränität die Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger gewährleistet, dann ist der Krieg als Mittel dieser Gewährleistung von ökonomischen Absichten und Zwecksetzungen erst einmal befreit. Dem Staat geht es nicht um den materiellen Nutzen, den Menschen als Bedürfniswesen mit seinen (egoistischen) Interessen, sondern um die Erhaltung der institutionellen Freiheitswelt, die sich in den Gesetzen, der Verfassung und den Institutionen ihre Gestalt gibt: »Im Wirtschaftsstaat weiß der Mensch nicht, was das Gute ist; er kennt nur seine vermeintlichen Interessen/Meinungen usw. und kommt zu keinem freien, aus der Freiheit genommenen Inhalt, weil die Selbstbestimmung formal bleibt« (Pesendorfer, o. J. S. 33). Es ist deshalb nicht überraschend, wenn moderne Kriegstheoretiker den Kampf um Ressourcen als Kriegsgrund eher skeptisch beurteilen. »Ökonomisch geleitete Theorien für einen Kriegsbeginn halten einer tieferen Untersuchung nicht stand. Die USA führten den zweiten Irak-Krieg auch nicht wegen Ressourcen, sondern neokonservative Kräfte wie Paul Wolfowitz hofften durch eine Demokratisierung des Iraks viel mehr auf einen Kaskadeneffekt im Nahen Osten« (Masala 2024, S. 48). Zwar lasse sich konzedieren, dass der Krieg »auch immer ein Konjunkturprogramm für die Rüstungsindustrie« (S. 49) darstelle, aber einen empirisch verifizierbaren Beweis dafür, dass Kriege vor allem als Kampf um Ressourcen geführt werden, lasse sich in einer Weltordnung mit geregelten Machtverhältnissen nicht finden.

Natürlich sind Imperialismustheorien, die behaupten, der Krieg habe etwas mit der Durchsetzung einer kapitalistischen Weltordnung zu tun, in der andere Staaten mit ihren Ressourcen Helfer der Kapitalakkumulation sind, vor diesem Hintergrund »ein gutes Beispiel für eine in sich geschlossene Theorie, die absolut Sinn ergibt« (Masala 2024, S. 47), die aber mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.⁶ Da in der regelbasierten Sicherheitsordnung das Gute ausreichend dadurch bestimmt ist, dass es Demokratien sind, die diese Ordnung gewährleisten, ist es demnach kriegstheoretisch gar nicht von Belang, dass der demokratische Staat, indem er als politisches Subjekt andere Staaten als Mittel seiner Wirtschaftsordnung betrachtet, imperialistisch handelt.

In der postkolonialen Welt vollzieht sich dieser Imperialismus nicht über die unmittelbare Gewaltausübung über andere Territorien, sondern über die Anerkennung der Souveränität anderer Staaten und die darüber vermittelte (vielfach vertraglich geregelte) Inanspruchnahme der von diesen regierten natürlichen Bedingungen für die Wachstumsbedürfnisse der kapitalistischen Industrienationen. Dass dieses auf politischer Anerkennung beruhende Nutzungsverhältnis die (kriegerische) Gewalt als immer präsente Form der Garantie bestehender Ausnutzungs- und Benutzungsverhältnisse einschließt, ist am Beispiel der Führungsmacht der regelbasierten Weltordnung gut zu studieren. Kapitalexport, Außenhandelspolitik, Konkurrenz auf der Grundlage von Marktpreisen, der US-Dollar als internationale Leitwährung usw. sind die gängigen Mechanismen der internationalen Staatenkonkurrenz in einer postkolonialen Welt und erzeugen fortwährend sicherheitspolitische Bedürfnisse, die sich in den Rüstungsbilanzen der Staatenwelt Geltung verschaffen. Die moderne Kriegstheorie, die den »Kampf um Ressourcen« als Kriegsgrund als eher vernachlässigbar einstuft, sieht in der Behauptung der Dominanz wirtschaftlicher Motive für das Staatshandeln schon eine Einschränkung von dessen demokratischem Selbstverständnis und damit von dessen Absolutheitsanspruchs auf die Gewährleistung von Sicherheit.⁷

Viel plausibler scheint dagegen ein Kriegsgrund, der der alten Clausewitzschen Formel vom Krieg als der Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln folgt und damit statt einer Erklärung eine Tautologie zum besten gibt: »Staaten nehmen diese Kosten immer wieder in Kauf, um bestimmte politische Ziele zu erreichen, die sie mit anderen Mitteln nicht bewerkstelligen können« (Masala 2024, S. 107).

Friedenswunsch gefährdet Sicherheit

Kriegstheoretisch liegt der Papst mit seiner Friedensforderung demnach vollkommen daneben. Nicht nur, dass er dem Feind mit seinen Einlassungen in die Karten spielt, er verkennt auch, dass alle Versuche, den Krieg als »Instrument der Auseinandersetzung in die Vergangenheit zu verbannen, zum Scheitern verurteilt« sind (Masala 2024, S. 109). Weil der Papst mit seinem Friedenswunsch die Absolutheit des Sicherheitsanliegens der demokratischen Welt in Frage stellt, wird ihm deshalb auch unmissverständlich signalisiert, dass der Wunsch nach Frieden dort keinen Platz hat, wo der damit erforderliche Kompromiss einer Unterwerfung gleichkommt. »Der diskursive Rahmen von ›Empathie contra Sicherheit‹ gibt der westlichen Debatte über Wege zur Eindämmung des aggressiven russischen Imperialismus etwas Borniertes. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, ist viel größer: die Ordnung und Sicherheit der Welt« (Umland, 2022).

Was der Papst verkennt, ist, dass Russlands eigenmächtiges Handeln – obwohl es mit sicherheitspolitischen Interessen begründet wurde – die Sicherheit der ganzen Welt in Frage gestellt hat. Für Russland können die für die Staaten der regelbasierten Weltordnung geltenden Kriegsgründe einfach nicht gelten. Es handelt sich deshalb im Fall der Ukraine mitnichten um einen lokalen Konflikt, der am Verhandlungstisch gelöst werden kann. »Cut the Baloney Realism. Russia’s war on Ukraine need not end in negotiation« lautet die Empfehlung des US-Strategieforschers Eliot A. Cohen, und ein Mahner osteuropäischer Sicherheitsinteressen warnt davor, das »Schreckgespenst eines Atomkriegs« zum gängigen »Totschlagargument in öffentlichen Debatten zur europäischen Ostpolitik« zu machen (Umland 2022).⁸

Für Russland gelten einfach andere (kriegstheoretische) Maßstäbe. Russlands Krieg dient nicht der Aufrechterhaltung nationaler Souveränität, er sichert nicht die Freiheit russischer Bürgerinnen und Bürger, er dient nicht der Sicherheit der russischen staatlichen Identität und er ist auch nicht die Fortsetzung der russischen Politik mit anderen Mitteln. Da Russland als autokratischer Staat die Zugehörigkeit zur demokratischen Welt abgeht, ist die Sicherung der Freiheit keine Kategorie, an der seine Staatlichkeit gemessen werden kann. US-amerikanische Hinterhöfe und Kriege sichern die Freiheit, Russlands Hinterhöfe und territoriale Ansprüche sichern die Unterwerfung. Und mit der Alternative Freiheit oder Totalitarismus wird schon ein (vorausschauender) Blick auf die Frage geworfen, wie denn mit einem Staat zu verfahren ist, der durch sein bloßes Dasein einen Gegensatz zu der Weltordnung darstellt, die universell zu gelten hat. Jens Stoltenberg, der NATO-Generalsekretär, wird da schon mal deutlich: »Wenn totalitäre Systeme sehen, dass sie erfolgreich sein können, werden wir alle noch einen weit höheren Preis zahlen« (FAZ, 2. 12. 2022). Die Kriegstheorie liefert die Argumente, warum dieser Preis mit dem eigenen Leben noch gut bezahlt ist.

Der Papst und ihm freundlich gesinnte Menschen sollten sich also nichts vormachen: Ein Frieden mit Putin ist schon aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht realistisch, und ein Frieden nach Putin wird mit der derzeitigen russischen Staatlichkeit nicht zu machen sein. Die Kriegstheorie blickt schon über den Ukraine-Krieg hinaus.

Anmerkungen

1 Agnes Strack-Zimmermann: »Bevor die ukrainischen Opfer die weiße Flagge hissen, sollte der Papst laut und unüberhörbar die brutalen russischen Täter auffordern, ihre Piratenfahne – das Symbol für den Tod und den Satan – einzuholen«; Annalena Baerbock: »Ich frage mich wirklich, was er sich dabei gedacht hat«, sagte die Grünen-Politikerin am 10.3.2024 in der ARD-Sendung »Caren Miosga«. »Ich versteh’s nicht.«

2 Vgl. Masala 2024, S. 28: »Falls der Mensch von Natur aus gut sein sollte, lassen sich die vielen Kriege der Menschheitsgeschichte nicht erklären.«

3 Vgl. Reinhard 2007, S. 9: »Dabei handelt es sich oft um Gewalt, die sie selbst durch ihre Rivalität untereinander erzeugt hatten. Denn die Grundlage der Staatlichkeit wurde in Kriegen gelegt.«

4 Vgl. hierzu Pesendorfer o. J.: »In der Freiheit liegt die philosophische Begründung des Krieges (im Unterschied zu den empirischen Gründen); diese zu wissen, ist wichtig für den, der den Beruf des Soldaten lebt.« (S. 37). Wem auffällt, dass diese demokratische Kriegstheorie auch Faschisten zu überzeugen vermag, liegt nicht ganz falsch. Die faschistische Kriegstheorie sieht im Volk den Träger des Guten (als der im Staat verwirklichten Freiheit und nationalen Identität), das im Kampf um seinen Selbsterhalt seine höchste Bestimmung findet und damit im Opfer für das Vaterland seine Freiheit realisiert.

5 Vgl. Terhalle 2023, S. 81 f.: »Macht, militärischer, wirtschaftlicher wie technologischer Natur, ist nach dem klassischen Realismus der harte Untergrund, ohne den eine internationale Ordnung nicht bestehen kann.«

6 Allenfalls im globalen Süden lassen sich Kriegsphänomene beobachten, die etwas mit dem Kampf um Ressourcen zu tun haben. Hierbei handelt es sich dann häufig um Staaten, die eigenmächtige Interessen verfolgen, die durch die regelbasierte Weltordnung nicht legitimiert sind.

7 »Kriege im Dienste des Wirtschaftsstaates sind unrechtlich, unmoralisch und unsittlich« heißt es dogmatisch bei Pesendorfer (o.J.), S. 33.

8 Insofern liegt der Papst mit seinem Verweis auf das Leid der Opfer auch gänzlich daneben: »Der Selbständigkeit des Staates muss in Not und Krieg alles aufgeopfert werden, um sie zu erhalten, auch das sonst im Alltag Berechtigte. Es ist Pflicht des Einzelnen, d. h. aller Bürger, die Unabhängigkeit, Individualität und Souveränität des Staates zu erhalten und dafür jedes Opfer des Besitzes, des Lebens auf sich zu nehmen. Der Staat ist berechtigt, da Opfer des Lebens für seine Selbstständigkeit zu fordern, weil er die Voraussetzung der individuellen Freiheit ist und nur durch das Tun der sich aufopfernden (ihren Egoismus zurückstellenden) Bürger selbstständig ist« (Pesendorfer, o.J., S. 35). Dass der Mensch durch seinen Tod seine Freiheit sichert, ist keineswegs eine faschistische Verstiegenheit, sondern die implizite Botschaft der Freiheitskämpfer à la Anton Hofreiter, Roderich Kiesewetter, Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Literatur

– Eliot A. Cohen (2022): Cut the Baloney Realism. Russia›s war on Ukraine need not end in negotiation, in: The Atlantic, 21.11.2022

– Brian Ferguson (2019): Warum wir kämpfen, in: Spektrum der Wissenschaft, 15.5.2019

– Carlo Masala (2024): Warum die Welt keinen Frieden findet, Wien

– Wolfgang Pesendorfer (o.J.): Der Soldat im Dienst an der Gemeinschaft – die sittlichen Anforderungen an den Offizier, in: Armis et Litteris 18, Beiträge zum modernen Kriegsbegriff, Wien

– Wolfgang Reinhard (2007): Geschichte des modernen Staates, München

– Maximilian Terhalle (2023): Die Theorie zum Krieg? Klassischer Realismus, Strategie und Russlands Angriffskrieg, in: Sirius, Heft 7, 2023, S. 80–86

– Andreas Umland (2022): Wider den Pseudorealismus – in der Analyse von Russlands Krieg gegen die Ukraine fehlt es in Westeuropa an sicherheitspolitischer Tiefenperspektive, in: Neue Zürcher Zeitung, 9.10.2022

– Kenneth Waltz (2019): Theory of international politics, New York

Norbert Wohlfahrt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Februar über Resilienz und Kriegstüchtigkeit in der »wehrhaften Demokratie«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (5. April 2024 um 11:05 Uhr)
    »Anfang März fordert der Papst Frieden für die Ukraine und stößt damit nicht nur bei den Obermoralisten der Nation, die mit dem Krieg in der Ukraine ihre politische Karriere befördern wollen, auf Widerspruch¹, die Forderung hält auch einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand (…). Der Papst und ihm freundlich gesinnte Menschen sollten sich also nichts vormachen: Ein Frieden mit Putin ist schon aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht realistisch, und ein Frieden nach Putin wird mit der derzeitigen russischen Staatlichkeit nicht zu machen sein. Die Kriegstheorie blickt schon über den Ukraine-Krieg hinaus.« Ein Leser lässt das als Satire durchgehen. Zweifel sind angebracht. Im Quellenverzeichnis sind praktisch ausschließlich Kriegstreiber und Kriegsverherrlicher aufgeführt. Wer soviel Spaß darin findet, leidenschaftlich und unentwegt die Argumente der Kriegshetzer auf zwei Druckseiten (Zeilenhonorar!) zu präsentieren, dem nimmt man die Satire nicht ab.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Peter M. aus Frankfurt/M. (3. April 2024 um 18:23 Uhr)
    Die angeführten Zitate geben einen aufschlussreichen Einblick in die nach Kräften im »freien« räuberischen Westen verbreitete Denke seiner Bellizisten. Leider enthält der Artikel Sätze, die, vermute ich, Bellizisten-Thesen wiedergeben sollen, ohne dass es irgendeinen Hinweis darauf gibt, dass das so gemeint ist (Quelle, Anführungszeichen). Das empfand ich teilweise als missverständlich. Zudem erweckt der Artikel den Eindruck der These, dass »der Staat« in jedem Falle »den Kampf jeder gegen jeden alles andere als eindämme«. Und erwähnt wird die These von der »Wolfsnatur des Menschen«, widersprochen wird ihr im Artikel nirgends (falls ich nix übersehen habe). Soweit der wilde Räuber-Westen eine Zukunft der Menschheit noch zulässt, wird es ohne Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs und desjenigen mit der Natur nicht gehen. Diese müssen immer weiterentwickelt werden. Dazu wird wie in jeder Gesellschaft eine Einrichtung benötigt, die sich damit befasst, ein Staat oder wie immer man das dann nennt. Und ich bin sicher, dass es nicht »an sich« den Menschen mit der Wolfsnatur gibt. Keiner kommt als Räuber auf die Welt. Dazu wird man sozialisiert. Dafür gibt es aber auch jahrtausendealte mit aller Macht beförderte kulturelle Prägungen: Haste was, biste was, genug ist nie, nach mir die Sintflut … In der Menschheitsgeschichte gab es immer die soziale und die antisoziale Tendenz. Hinsichtlich der sozialen denke man an die natürlich auch nicht eindimensional-widerspruchsfreien sozialistischen Staaten. Aber auch in indigenen Kulturen gab es solche Gegenbeispiele, wie sie etwa Jean Liedloff in ihrem Buch »Auf der Suche nach dem verlorenen Glück …« (C. H. Beck 1980) beschreibt. Sie verbrachte mehrere Jahre bei Indigenen im venezolanischen Urwald und schildert eindrucksvoll deren harmonisches Zusammenleben und entdeckte seine Wurzeln. Peter Maaßen
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (3. April 2024 um 00:22 Uhr)
    Klasse Satire! Leider stammt die zitierte Kriegstheorie aus der Zeit vor der Quantentheorie. Mit der Quantentheorie hat das steinzeitliche Humangenom nicht mitgehalten, es könnte also sein, dass es sich in vorsteinzeitliche Verhältnisse zurückbombt. Um mit Edward Teller zu reden: Ein paar Schaben werden schon überleben. Immer positiv denken!

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