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Aus: Ausgabe vom 11.03.2024, Seite 12 / Thema
Kolonialismus

Ende einer Hoffnung

Vorabdruck: Patrice Lumumba führte die vormalige belgische Kolonie Kongo in die Unabhängigkeit. Belgien und die USA sorgten für seine Absetzung und Ermordung
Von Gerd Schumann
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Als Gegner von Imperialismus und Kolonialismus gejagt und ermordet: Patrice Lumumba, geboren am 2. Juli 1925, hingerichtet am 17. Januar 1961, hier am 12. August 1960 in Léopoldville

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papy-Rossa-Verlag in der Reihe »Basiswissen« von Gerd Schumann der Band »Patrice Lumumba«. Wir veröffentlichen daraus ein redaktionell gekürztes Kapitel und danken Autor wie Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

»Tatsächlich war seine Rhetorik bis zum Ende seine wirksamste Waffe. Weil seine Gegner die Zündkraft seiner Rede fürchteten, sahen sie ­keinen Ausweg als seine Beseitigung. Sie machten ihn im wahrsten Sinne des Wortes ›mundtot‹.« Peter Scholl-Latour

Der Untersuchungsbericht einer unter öffentlichem Druck 2001 eingesetzten belgischen Kommission zum Tod Patrice Lumumbas enthüllt Jahrzehnte nach dessen Ableben die Einrichtung eines »Geheimetats« in Höhe von umgerechnet 6,69 Millionen Euro, der durch private Spenden noch aufgestockt worden sei. Die Gelder flossen in eine »Destabilisierungskampagne und in geheime Aktionen: Waffenlieferungen, operative Hilfe bei der Verhaftung Lumumbas, Vorbereitung eines Attentats auf ihn und dergleichen mehr«. Zitiert werden darin auch die Äußerungen des damaligen belgischen Außenministers Pierre Wigny, Lumumba müsse »unschädlich gemacht werden«, und des Ministers für Afrikanische Angelegenheiten, Graf Harold Charles d’Aspremont Lynden, der in einem Telex vom 6. Oktober 1960 »die endgültige Ausschaltung« des unter Hausarrest stehenden Lumumba wünscht.

Insgesamt liest sich das, was nach dem 30. Juni 1960 im Kongo an belgischen und US-amerikanischen Aktivitäten erfolgte, wie eine Aneinanderreihung von Sabotagemaßnahmen zur Zerstörung jeglicher antikolonialer Initiative. Dazu wurden alle nur denkbaren Mittel und Institutionen, involvierte Geheimdienste, alle möglichen Kräfte national wie international eingesetzt. Die Handlung könnte aus dem dramaturgisch geschickt angelegten Drehbuch zu einem Katastrophenfilm stammen, in dem sich der Schrecken ständig steigert und das Böse schließlich zum guten Schluss vernichtet wird. Sie spielt zwischen dem 1. Juli 1960 und dem 17. Januar 1961 und wird zu einer Tragödie von historischer Dimension. In deren Zentrum steht das Scheitern von Lumumbas Versuch, die Kolonialgeschichte zu beenden.

Neuordnung der Armee

Vier Tage dauerten die Feiern zur Unabhängigkeit des Kongo, von Donnerstag bis Sonntag. Patrice Lumumba saß jeden Morgen um sieben Uhr am Schreibtisch seines Amtssitzes. Dort stellte der Premierminister zusammen mit seinen Assistenten den Zeitplan für den Tag auf und beantwortete die Korrespondenz. Danach empfing er jeweils Diplomaten, Geschäftsleute, Spender, Bittsteller, Sachverständige, hielt Sitzungen ab und bereitete erste politische Maßnahmen vor. Am 3. Juli 1960 verkündete er eine Generalamnestie für Gefangene, die dann nie umgesetzt wurde, weil es die Verhältnisse schon nicht mehr zuließen. Es blieb keine Zeit zum Durchatmen, und bereits am 4. Juli sah sich Lumumba mit Unruhen konfrontiert, die von der Force Publique ausgingen und damit ausgerechnet von Kräften, die von dem neuen Status des Landes hätten profitieren sollen.

In der Hauptstadtkaserne »Léopold II.« verweigerten Soldaten die Ausführung der Befehle ihrer weißen Vorgesetzten. Der Oberbefehlshaber, General Émile Janssens, degradierte einige von ihnen – wie bei ähnlichen Vorfällen in der Vergangenheit üblich. Doch diesmal, in den neuen historischen Zusammenhängen, disziplinierten die Sanktionen nicht, sondern steigerten im Gegenteil die Unruhe. Dann hielt Janssens am Morgen des 5. Juli auch noch eine Rede vor angetretener Mannschaft der Garnison in Léopoldville, in der er seine Autorität ebenso wie die aller weißen Offiziere betonte und die Soldaten an ihren Eid der Loyalität und des Gehorsams erinnerte. Auf eine Tafel schrieb er: »Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit«. Janssens, seit 1954 im Amt, war als »harter Hund« bekannt, hatte den Aufstand von Léopoldville im Januar 1959 brutal niederschlagen lassen, stand im Ruf, ein preußischer Hardliner zu sein, und legte nun offen provokativ seine Vorstellung von postkolonialer Herrschaft in Armee und Gendarmerie dar. Der Unmut war programmiert, als er verkündete: »Vor dem 30. Juni hattet ihr weiße Offiziere. Nach dem 30. Juni habt ihr weiße Offiziere.« Und Janssens weiter: »Die Unabhängigkeit ist für Zivilisten. Fürs Militär heißt sie Disziplin.«

Seine Worte ließen keinen Zweifel, dass die weiße Hierarchiespitze über Jahre unangetastet bleiben sollte. Die Kontrolle über die Ordnungsmacht und über die Wirtschaft gehörten nach Brüsseler Vorstellung demnach weiter in belgische Hand, jegliche Vorhaben der Regierung, das zu ändern, würden auf Widerstand stoßen. Es war eine Kampfansage an Lumumbas politischen Kurs.

Die Botschaft erzürnte die Truppe im ganzen Land, Wut erfasste in Windeseile zunächst das Camp Hardy in der Nähe von Thysville (heute: Mbanza-Ngungu), zwei Autostunden von Léopoldville entfernt, und dehnte sich zu einem Aufstand aus. In Thysville wurden zunächst weiße Offiziere und deren Angehörige angegriffen, dann auch Zivilisten. Angst und Schrecken machten sich unter den Weißen breit. Berichte über sexualisierte Gewalt kursierten, es kam zu Vergewaltigungen von weißen Frauen, und die Medien berichteten, dass immer mehr Europäer fluchtartig das Land verließen.

Durch Zugeständnisse an die Rebellierenden versuchte Lumumba, die Lage zu beruhigen. Das Kabinett beschloss Ausschüsse zur Beendigung der Rassendiskriminierung und zur Sicherung des staatlichen Gewaltmonopols: Armee, Verwaltung und Justiz sollten afrikanisiert und ein neues Statut für Staatsbedienstete erarbeitet werden. Den Soldaten versprach Lumumba zunächst nach einer Truppeninspektion am 6. Juli, die er noch zusammen mit Janssens vorgenommen hatte, dass jeder Armeeangehörige in den nächsthöheren Rang befördert werden würde.

Kurz darauf setzte er den belgischen Armeechef ab, ernannte mit Sergeant Major Victor Lundula einen Vertrauten zum Generalmajor sowie seinen vermeintlichen Freund Mobutu, zu jener Zeit Lumumbas Privatsekretär, ein Reservist wie der ehemalige Sanitäter Lundula, zu dessen Stabschef. Das geschah trotz kursierender »Gerüchte über Mobutus Verbindungen zu belgischen und US-amerikanischen Geheimdiensten«. Lumumba schlug die Warnungen in den Wind, und seine Toleranz sollte sich in kürzester Zeit bitter rächen.

Schließlich wurden alle oberen Ränge der Armee neu besetzt und die Streitkräfte in »Armée Nationale Congolaise« (ANC) umbenannt. Die Ordnungsmacht stand nunmehr zwar ohne belgisches Personal da, befand sich unter einheimischem Kommando und war Premier wie Verteidigungsminister Lumumba unterstellt, doch orientierungslos und ohne Leitungserfahrung. Die Belgier waren zwar einer ihrer Herrschaftssäulen verlustig gegangen, allerdings um den Preis einer starken Einschränkung der Handlungsfähigkeit der Truppe.

Gewalt und belgische Intervention

Die Dynamik der Ereignisse und die offensichtlich nicht intakte Ordnungsmacht verstärkten Panik unter den Weißen, wobei diese – aufgebauscht durch Erzählungen, Gerüchte und Horrormeldungen in Rundfunk und Zeitungen – in ihrer Vehemenz in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Ausmaß der antibelgischen Gewalt stand. Die Heraufbeschwörung des größtmöglichen, historisch verfestigten Tabubruchs »schwarzer Mann – weiße Frau« erzeugte eine Massenpsychose, die zum Exodus führte, und man könnte meinen, das Szenario sei in einem Thinktank entwickelt worden. Zu dem wahrscheinlichen belgischen Vorhaben, die Lage im Land soweit wie irgend möglich zu chaotisieren und es in eine instabile, nicht mehr beherrschbare Situation zu manövrieren, um den Raum beispielsweise für separatistische Lösungen zum eigenen Machterhalt zu öffnen, passte es jedenfalls ausgesprochen gut. War am 30. Juni noch an alle belgischen Staatsangehörigen appelliert worden, im Kongo zu bleiben und unbedingt ihren Besitz und ihre Funktionen zu behalten, so rief Brüssel keine zwei Wochen später alle Belgier auf, ins »Mutterland« zurückzukehren. Innerhalb kürzester Zeit verließen Zehntausende Systemträger und deren Familien den Kontinent. Verwaltung und Armee wurden geschwächt, es fehlte überall an Know-how; Menschen ohne ausreichende Ausbildung übernahmen Funktionen, denen sie nicht gewachsen waren, das Gesundheitswesen stand vor dem Kollaps, nach drei Monaten befanden sich nur noch 120 Ärzte im Land.

Die politische Krise ging einher mit einer ökonomischen: Der Export von Baumwolle, Kaffee und Kautschuk kam zum Erliegen, der von Kakao und Palmöl reduzierte sich um die Hälfte, die Arbeitslosigkeit wuchs stark an. Mehrere zehntausend Arbeiter in wichtigen industriellen, infrastrukturellen und landwirtschaftlichen Bereichen sowie von den Weißen abhängigen Dienstleistungssektoren verloren ihre Jobs. Die Plantagenproduktion wich der Subsistenzwirtschaft.

Gewalt und bald darauf folgende Intervention fügten sich perfekt in ein Demontageschema, in dessen Fadenkreuz Lumumba und dessen Antikolonialismus standen. In dieser Lage – und auch danach – ließ sich ausgiebig mit bedrohten Menschenrechten und der Rettung der Welt argumentieren – wer wollte dem widersprechen? Über eine Luftbrücke nach Brüssel wurden innerhalb von zwei Wochen 30.000 Weiße ausgeflogen. Es gab erste Tote, ein italienischer Vizekonsul starb in einem Hinterhalt, Europäer verbarrikadierten sich. Belgien intervenierte am 10. Juli völkerrechtswidrig mit der Begründung, seine Staatsbürger schützen zu wollen. Keine zwei Wochen nach der Unabhängigkeitszeremonie wurden 10.000 belgische Soldaten eingesetzt, Fallschirmtruppen landeten, die Marine bombardierte die strategisch wichtige Hafenstadt Matadi. Mit der vorgeblichen Schutzfunktion konnte das nichts zu tun haben, da die Weißen bereits vorher evakuiert worden waren. 19 kongolesische Zivilisten starben, die Belgier besetzten Matadi, Léopoldville und weitere Städte, es kam zu Zusammenstößen mit der nur eingeschränkt einsetzbaren kongolesischen Armee. Auf Anordnung von Brüssels Verteidigungsminister begannen die Belgier, die Kontrolle über große Teile des Landes wieder zu übernehmen.

Lumumba erklärte in einer Radioansprache: »Die belgischen Minister, die am 30. Juni vor allen Nationen der Welt, vor der kongolesischen Nation, das Dokument unterzeichnet haben, mit dem die internationale Souveränität des Kongo anerkannt wird, sind dieselben Minister, die uns wenige Tage nach der Unabhängigkeit des Kongo Besatzungstruppen geschickt haben. Die belgische Regierung, die es zum Grundgesetz gemacht hat, dass der Kongo und seine sechs heutigen Provinzen eine unteilbare und unauflösliche politische Einheit bilden, ist dieselbe Regierung, die die Sezession von Katanga angezettelt hat, nur um die Union Minière zu erhalten.«

Sezession von Katanga

Am 11. Juli spaltete sich Katanga von der Republik Kongo ab und verbündete sich im August als »Staat Katanga« mit der ebenfalls abtrünnigen Diamantenprovinz Südkasai zu einer »Föderation«, die etwa ein Viertel des Staatsterritoriums einnahm. »Es ging darum, die reichen Kupfer-, Uran- und Goldminen der Kontrolle der nationalrevolutionären Zentralregierung von Patrice Lumumba zu entziehen und die Monopole der westlichen Konzerne zu sichern«, wertete der frühere UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler den Vorgang.

Die Abspaltung Katangas keine 14 Tage nach der Unabhängigkeit schwächte die Position des Premiers erheblich. Sie war zuallererst engen Beziehungen des Separatisten Moïse Tschombé zu den USA und Belgien geschuldet. Der hatte schon vorher Brüssel und, auf Einladung der US-Regierung, die Vereinigten Staaten besucht und Kontakte geknüpft, die von großer Bedeutung für den weiteren Verlauf der Geschichte wurden. Schon vorher kooperationsunwillig der Regierung Lumumba gegenüber, wurde Tschombé umgehend unterstützt von der belgischen Regierung. König Baudouin lobte ihn in einem persönlichen Brief und geißelte darin Lumumba als gemeinsamen Erzfeind. Derweil entwaffnete die belgische Armee ANC-Truppen, und Finanzexperten der Nationalbank Belgiens begannen mit dem Aufbau von Katangas Zentralbank. Die Bergbaumonopole, vorweg die Union Minière, standen fest an der Seite Tschombés und begrüßten die Abspaltung Katangas aus Eigennutz und Profitinteresse. Als Provinzchef und Lumumba-Hasser, der dem Premierminister schon im Juni 1960 Rache geschworen hatte, war Tschombé der geeignete Mann, ihre Profite zu sichern. Der Bergbau blieb der einzige industrielle Sektor, der von der nunmehr krisenhaften ökonomischen Entwicklung nicht betroffen war.

Die Regierung Kongos bat am 12. Juli bei den Vereinten Nationen um Hilfe gegen die belgische Militärintervention, verlangte den sofortigen Rückzug der Angreifer und deren Ersetzung durch eine internationale Friedenstruppe. In Resolution 143 forderte der UN-Sicherheitsrat dann den Abzug der belgischen Streitkräfte und beschloss mit den Stimmen von USA und Sowjet­union bei Enthaltung Frankreichs, Großbritanniens und der Republik China den Einsatz einer »Friedenstruppe« der Vereinten Nationen (ONUC) mit dem Auftrag, Regierung und Einheit des Landes zu sichern und den Abzug der belgischen Armee zu überwachen. Die ersten Blauhelmsoldaten aus Ghana und Marokko trafen am 15. Juli ein, weitere afrikanische Kontingente folgten.

Doch die Unruhen gingen weiter, und UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, ein Schwede mit Beziehungen zum Bergwerkkonzern Union Miniére, weigerte sich, der Forderung Lumumbas zu folgen, die Sezession Katangas zu beenden und den Abzug der Belgier zu erzwingen. Derartiges decke die beschlossene Resolution nicht ab, so die Erklärung für das hohe Maß an Tatenlosigkeit. Erst Ende August würden schließlich die belgischen Truppen das Land verlassen haben.

Hilfeersuchen an Moskau

Am 14. Juli brachen Lumumba und Staatspräsident Joseph Kasavubu die diplomatischen Beziehungen zu Belgien ab und schickten ein Telegramm an den Generalsekretär der KPdSU Nikita Chruschtschow, in dem sie die Sowjetunion, die im Sicherheitsrat als einziges Land die Forderungen Kongos ohne Wenn und Aber unterstützt hatte, baten, die Lage im Kongo genau zu beobachten: »könnten dazu veranlasst werden intervention der sowjetunion zu erbitten falls westliches lager akt der aggression gegen souveränität republik kongo nicht beendet stop nationales kongolesisches hoheitsgebiet momentan von belgischen truppen besetzt und leben von präsident der republik und premierminister in gefahr fullstop.« Die USA werteten diesen Schritt als Tabubruch.

Angesichts der Untätigkeit der UNO hatte ­Lumumba die Sowjetunion um Hilfe gebeten: Moskau schickte zehn Flugzeuge vom Typ Iljuschin mit Lebensmitteln, Lastwagen und Waffen. Für Washington und Belgien war der Regierungschef zu weit gegangen und wurde nun erst recht als »Kommunist« abgestempelt. Lumumba erklärte in einem Interview dazu: »Wir sind weder Kommunisten, Katholiken noch Sozialisten. Wir sind afrikanische Nationalisten. Wir behalten uns das Recht vor, unsere Freunde nach dem Grundsatz der positiven Neutralität auszuwählen.«

Frage: »Einige Ihrer politischen Gegner beschuldigen Sie, ein Kommunist zu sein. Könnten Sie darauf antworten?« Antwort Lumumba: »Das ist ein propagandistischer Trick, der auf mich abzielt. Ich bin kein Kommunist. Die Kolonialisten haben im ganzen Land gegen mich gekämpft, weil ich ein Revolutionär bin und die Abschaffung des Kolonialregimes fordere, das unsere Menschenwürde missachtet hat. Sie betrachten mich als Kommunisten, weil ich mich geweigert habe, mich von den Imperialisten bestechen zu lassen.«

Der Druck auf ihn wuchs weiter, und am 22. Juli 1960 startete Lumumba eine vielleicht verzweifelte, aber unbedingt bemerkenswerte diplomatische Offensive. Er und sein Team reisten spontan nach New York City. Dort wollte er den Vereinten Nationen persönlich seine Position darlegen. Lumumba traf Dag Hammarskjöld und dessen Mitarbeiter zu dreitägigen Konsultationen über die zugespitzte Lage im Kongo, den Abzug der belgischen Interventionstruppen sowie die Möglichkeiten technischer Unterstützung durch die UNO. Es heißt, es sei zwar eine gewisse Distanz zwischen Lumumba und dem UN-Generalsekretär spürbar gewesen, doch seien die Gespräche »reibungslos« verlaufen. Auf einer Pressekonferenz danach bekräftigte ­Lumumba einen »positiven Neutralismus« seines Landes und landete am Tag darauf in Washington. Mit dem Hinweis, dass der Termin nicht vereinbart gewesen sei, verweigerte dort US-Präsident Dwight D. Eisenhower ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten des Kongo. Er schickte seinen stellvertretenden Außenminister, Douglas Dillon, der Lumumba später, gegen jegliche diplomatische Gepflogenheit, als »fast ›psychotische‹ Persönlichkeit« verleumdete, »von einem Eifer besessen (…), den ich nur als messianisch beschreiben kann«. Seine Bemerkung, Lumumba sei »ein Mensch, mit dem man nicht zusammenarbeiten konnte«, ließ dann auch keinen Zweifel daran, dass die USA nicht nur nicht mit Lumumba zur Beilegung der Krise kooperieren wollten, sondern auch die Person Lumumba abgehakt hatten.

Am 16. August kündigte Lumumba die Einsetzung eines »Régime militaire spécial« für die Dauer von sechs Monaten an. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, in den Monaten Juli, August und in der ersten Septemberwoche, schien der Premier von einer rastlosen Ungeduld getrieben, was seinen Umgang mit Kollegen, den Vereinten Nationen und den afrikanischen Staaten beeinträchtigte. Konfrontiert mit drei Ereignissen, die unbedingt zu einem guten Ende gebracht werden mussten, wenn das Projekt Unabhängigkeit nicht scheitern sollte, schien er seine realen Möglichkeiten nicht mehr richtig einschätzen zu können. Das betraf die Rebellion in der Armee, die belgische Intervention und die Sezession Katangas und Südkasais – drei Probleme, die nur gelöst werden konnten durch Verhandlungen oder mit Gewalt.

Die Auseinandersetzung zwischen Armee und Separatisten um Südkasai spitzte sich zu. Ende August kam es zu Kämpfen, die viele Todesopfer forderten, und Lumumba persönlich wurde für ein Massaker an Zivilisten und an Missionaren verantwortlich gemacht. Kasavubu erklärte nunmehr, die ethnische Konfrontation könnte nur durch die Bildung einer föderalistischen Regierung beendet werden, die katholische Kirche kritisierte die Regierung offen.

Jagd auf den Premier

Es folgte der erste Putsch. Präsident Kasavubu, der sich inzwischen mit Oberst Mobutu verbündet hatte, verkündete auf Anraten »vieler westliche(r) Berater« am Abend des 5. September im Radio, wegen des Armeemassakers in Südkasai und der »Verwicklung der Sowjets in den Kongo« habe er Lumumba und sechs seiner Minister aus der Regierung entlassen. Neuer Premier sei Joseph Iléo. Lumumba hörte die Sendung, ging sofort zur nächsten Radiostation und verurteilte das Vorgehen Kasavubus als unrechtmäßig, nannte ihn einen Verräter und erklärte ihn seinerseits für abgesetzt. Am 14. September putschte Oberst ­Mobutu, Stabschef der Armee, mit Zustimmung und Unterstützung der CIA. Kasavubu blieb Präsident, Lumumba wurde unter Hausarrest gestellt.

Die Kampagne gegen Lumumba steigerte sich weiter. Politische Gegner veröffentlichten angeblich aus der Aktentasche des Premiers stammende Dokumente, darunter »Hilferufe an die Sowjet­union und die Volksrepublik China, ein Memorandum vom 16. September, in dem die Anwesenheit sowjetischer Truppen innerhalb einer Woche erklärt wurde«, und andere, bei denen es sich um mutmaßliche Fälschungen handelte. Es reichte allemal, um den Hass auf ­Lumumba weiter zu schüren.

Doch der Abgesetzte gab nicht auf, sondern bestand darauf, der einzige demokratisch gewählte Ministerpräsident zu sein. Lumumba traf sich weiterhin mit Mitgliedern seiner Regierung, mit Senatoren, Abgeordneten und politischen Unterstützern und gab öffentliche Erklärungen ab. Seitens Belgiens und der USA wuchsen die Befürchtungen, Lumumba kehre doch noch zurück in sein Amt und gewinne mit neuer Energie seine alte Autorität zurück. Trotz des Hausarrestes war er weder politisch noch in der Öffentlichkeit abgeschrieben. Solange er lebte, das wurde seinen Feinden immer bewusster, war eine Wende zu ihren Ungunsten denkbar.

Wenige Wochen später, sich der Isolation und der verzweifelten Lage, aber auch seines anhaltenden Einflusses bewusst, versuchte der Arrestierte schließlich nach Stanleyville zu entkommen, dem Zentrum des Lumumbismus. Dort hatte sein Gefährte und Vizepremier Gizenga mit anderen Ministern aus dem Lumumba-Kabinett und weiteren Parteigängern eine Gegenregierung zu Mobutu und Kasavubu gebildet. Der Versuch Lumumbas, Stanleyville zu erreichen, endete wenige Tage später am Fluss Sankuru. Die Fähre wurde erst Stunden später erwartet, Lumumbas Frau wollte lieber diese nehmen, weil sie die Überfahrt im Kanu scheute, Lumumba, sich der Gefahr bewusst, setzte zunächst am 1. Dezember ohne sie über. Es folgte jener tragische Moment, in dem ihn sein Gewissen zwang, bereits in Sicherheit auf von seinen Anhängern kontrolliertem Territorium, kehrtzumachen: Er ließ sich zurückbringen, als er sah, dass Mobutus Leute das jenseitige Ufer und damit seine Frau und sein Kind erreicht hatten. Umgehend verhaftet, ordnete Mobutu seine Überführung in die Hauptstadt an.

Nach Léopoldville verbracht, wurde der Gefangene gefesselt, in zerrissenem Hemd und ohne Brille auf einem Armeelastwagen in der Stadt zur Schau gestellt, durch die Straßen gefahren und öffentlich misshandelt. Das Foto des geschundenen Nationalhelden ging um die Welt.

Am 17. Januar 1961 auf dem Flug nach Élisabet­hville kam es an Bord zu unerträglichen Marterszenen, so dass sogar die beiden belgischen Piloten drohten, zu ihrem Ausgangspunkt zurückzufliegen. Lumumba war blutüberströmt. In Katangas Hauptstadt wurde der 35jährige Freiheitskämpfer als »blutiges, zuckendes Bündel auf den Beton geworfen« (Peter Scholl-Latour). Bei seiner Ankunft wurden seine Mitarbeiter und er in das Brouwez-Haus der belgischen Airline gebracht, wo sie von Katanga-Beamten erneut brutal geschlagen und gefoltert wurden, während Präsident Tschombé und sein Kabinett entschieden, was mit ihm geschehen sollte.

Der Spiegel rekonstruierte später die Situation: »Die drei Gefangenen sind geknebelt und Rücken an Rücken gefesselt. Obwohl sein Gesicht durch Schläge fürchterlich entstellt ist, erkennen einige der Zuschauer Patrice Lumumba. Sie wissen nicht, dass Kazadi (Bernard Kazadi, Mobutus Generalkommissar für Nationale Verteidigung, G. S.) den abgeschnittenen Schnurr- und Kinnbart und die Brille seines wichtigsten Gefangenen in der Tasche hat. Bei Lumumba lautet der Befund: gebrochene Rippen und innere Blutungen, bei Okito Schädelbruch, bei Mpolo Bewusstlosigkeit. Sie müssten in ein Krankenhaus gebracht werden, das ist ihre einzige ­Chance.«

Auf einem Lkw der Katanga-Gendarmerie wurden die Todgeweihten zur Exekution an einen abgelegenen Ort transportiert, wo Berichten zufolge drei Erschießungskommandos zusammengestellt worden waren, die von einem belgischen Vertragsoffizier, dem Söldner Julien Gat, befehligt wurden. Das konstatierte unter anderem der Soziologe Ludo de Ville in seinem Buch »Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise«. Die direkte Beteiligung an den Morden habe Belgien, den USA und dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 die Gewissheit verschafft, dass ihre Mordpläne auch umgesetzt wurden. Die belgische Untersuchungskommission kam 2002 zu dem Schluss: Auch Tschombé und zwei weitere Minister waren anwesend, drei belgische Offiziere und ein Polizeibeamter standen unter dem Kommando der Katanga-Behörden.

Lumumba, Mpolo und Okito wurden an einen Baum gelehnt und einer nach dem anderen erschossen. Am 17. Januar 1961, 21.43 Uhr, fiel der Körper des ersten Ministerpräsidenten eines freien Kongo in ein flaches Grab.

Gerd Schumann: Patrice Lumumba. Papy-Rossa-Verlag, Köln 2024, 135 S., 12 Euro

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  • Leserbrief von Reinhard Schmiedel aus Weimar (12. März 2024 um 14:29 Uhr)
    Wahrscheinlich als einzige Zeitung im deutschsprachigen Raum gedenkt die jW kontinuierlich (vorher am 16./17.1.21, des 60. Jahrestages seiner bestialischen Ermordung) des revolutionären Helden Patrice Lumumba, einer von denen, die glaubten, durch Vernunft, ohne Gewalt, zu einer gerechteren und friedlicheren Welt gelangen zu können. In diesem lesenswerten Ausschnitt sowie in der zwei Seiten späteren Rezension über dieses Buch empfiehlt jW die neue Biografie von Gerd Schumann, die ich mir sofort kaufe. Die bürgerliche (westliche) »werteorientierte« Welt damals und heute will ihn am liebsten vergessen machen. Aber in der DDR waren er und sein Vermächtnis präsent. Vor allem Karl Mickel (Text) und Paul Dessau (Musik) setzten ihm mit ihrem eindrücklichen, sehr politischen vokalsinfonischen Werk »Requiem für Lumumba« (1963) für immer ein würdiges Denkmal. Abgesehen davon, dass ich mir dieses Werk wieder im Konzertsaal wünsche, kann man die bestechende, eindringliche Aufnahme durch die Leipziger Rundfunkklangkörper unter ihrem damaligen unbestechlichen, im Ringen um inhaltsvolle musikalische Aussagekraft nahezu kompromisslosen Dirigenten Herbert Kegel, bei dem Schallplattenlabel NOVA 1971 erschienen, zum Glück auch heute noch auf Youtube problemlos nachhören. Karl Mickels letzter Satz in Dessaus beschwörender Vertonung geht unter die Haut: »Der Mensch wird dem Menschen ein Mensch sein fortan.« Alle Kriege wären aus, handelte und regierte man nach diesem Grundsatz, zum gegenseitigen Nutzen.

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