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Aus: Ausgabe vom 12.02.2024, Seite 4 / Inland
100 Jahre Rote Hilfe in Deutschland

Rote Fahnen im Ballsaal

Hamburg: Solidaritätsorganisation Rote Hilfe feiert ihren 100. Geburtstag mit einem Galaabend und Gästen aus befreundeten Strukturen
Von Hendrik Pachinger, Hamburg
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Zu Gast bei Freunden: Fahnen der Roten Hilfe e. V. am Eingang zum Feiersaal im Stadion am Millerntor (Hamburg, 10.2.2024)

Das Millerntorstadion ist in Nebelschwaden gehüllt. Der Schein der Flutlichtanlage formt eine dichte gelbe Kuppel. Dennoch herrscht im Ballsaal der Heimspielstätte des FC St. Pauli Feierstimmung. Am Fuß der Treppe flankieren zwei Fahnen der Roten Hilfe das Vereinslogo. Gäste werden mit Sektgläsern empfangen. Die Solidaritätsorganisation für politische Gefangenen und alle Linken hat am Sonnabend ihr 100. Jubiläum begangen. Dafür wurden die großen Räumlichkeiten stilvoll dekoriert. Lesestoff gibt es am Infotisch, gesättigt werden kann sich auch am Buffet und an der Bar.

Der Andrang ist groß, das Zählen der Besucher kaum möglich. Es ist ein ungewöhnlicher Anblick für eine linke Veranstaltung: herausgeputzte Gäste, hervorragender Service und eine schicke Location. »Man wird nur einmal hundert«, hört man an diesem Abend öfter. Bestaunenswert ist auch die zum Jubiläumsjahr entworfene Ausstellung über die Organisationsgeschichte. Ein Dutzend Schautafeln dokumentiert die turbulenten Jahre von der Gründung aus den Reihen der KPD über die Zeit unter dem Faschismus, neue Gehversuche nach dem Krieg bis hin zur heutigen Roten Hilfe e. V.

Pünktlich um 19 Uhr wurde das Programm eröffnet und das Wort dem Bundesvorstand übergeben. Der war durch zwei Mitglieder vertreten, die mit einem historischen Abriss eröffneten. So seien von der Gründung bis 1932 über 9.000 politische Gefangene und ihre Angehörigen unterstützt worden. Zumeist von jüdischen Anwälten, die nach der Reichstagsbrandverordnung der Nazis von 1933 in Konzentrationslagern landeten oder zur Emigration gezwungen wurden. »Das Überziehen des politischen Feindes mit Repression, um Änderungen am Status quo zu erhalten« sei auch heute noch »das Mittel der Wahl«. Druck für gesellschaftliche Veränderungen trage »niemand alleine auf die Straße«, weshalb sich die Rote Hilfe über Gäste aus befreundeten Strukturen besonders freute. Bundesvorstand Anja Sommerfeld rief aus, dass »die Mitgliederzahl wächst, die Organisation größer wird und heute ein gesellschaftlicher Faktor ist, der sich nicht verstecken muss«.

Einer Einlage der Künstlerin Bernadette La Hengst folgte die Gratulation von Waltraut Verleih vom Republikanischen Anwaltsverein (RAV). Der RAV stehe »immer dann an der Seite der Roten Hilfe«, wenn es gelte, »geschehenes Unrecht mit dem Recht zu brechen«, erklärte Verleih. Der Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung in der BRD, Staatstrojaner, Onlinedurchsuchungen, Abschaffung des Asylrechts durch die GEAS-Reform oder Beschneidung der Pressefreiheit, wie die Beobachtung dieser Zeitung durch den Inlandsgeheimdienst, böten allen Anlass für den gemeinsamen Kampf.

Geflüchtetenaktivist Alassa Mfouapon, der in der Erstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen untergebracht war, berichtete über die gewalttätige Razzia der Polizei im Jahr 2017 nach einer verhinderten Abschiebung und die anschließenden Schikanen. Dabei war die Wut im Saal mit den Händen greifbar. Mfouapon erzählte von seiner Abschiebung und dem Kampf der Geflüchteten gegen Repression. »Wir fragen uns, waren unsere Kämpfe umsonst? Nein. Wir sagen, jetzt erst recht!«, betonte er, was das Publikum mit tosendem Applaus quittierte.

Anschließend betrat das politische Kabarettduo Lisa Politt und Gunter Schmidt die Bühne. Sie versuchten, die Stimmung wieder zu lockern, was ihnen mit einer Darbietung des »Kapitalistenliedes« von Georg Kreisler gut gelang. Nachdenklich wurde es wieder, als der ehemalige ­Langzeitgefangene Thomas Meyer-Falk über die Zeit nach seiner Haftentlassung, den Wert der erfahrenen Solidarität in seinen 27 Jahren Haft und über Sicherheitsverwahrung berichtete.

Den Abschluss bildete Punk- und Liedermacherurgestein Yok, der die Gäste mitzureißen vermochte. Während nach und nach die letzten Kleingruppen den Saal verließen, wurde noch einmal deutlich, dass niemand der heutigen Teilnehmer daran denkt, nach 100 Jahren erfolgreicher Arbeit den Kampf einzustellen.

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