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Aus: Ausgabe vom 09.02.2024, Seite 12 / Thema
Black History Month

Made in GDR

Im Zuge ihrer Zusammenarbeit mit ehemaligen Kolonialländern bildete die DDR Schüler aus Afrika aus. Über die »Schule der Freundschaft«
Von Ursula Trüper
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Eine junge Mosambikanerin mit Ausbilderin im Textilkombinat Malitex im sächsischen Hohenstein-Ernstthal (März 1982)

Es war kalt, als die 12jährige Francis­ca zum ersten Mal den Boden der DDR betrat. Zumindest empfand sie das so: »Wir landeten gegen 23 Uhr in Berlin-Schönefeld. Obwohl es Nacht war, gab es viel zu entdecken: Vor meinen Augen erstreckte sich eine riesige Stadt mit bunten Lichtern. (…) Es war September 1982, und es war kalt draußen, ich fror, aber niemand von uns hatte einen Pullover oder eine Jacke zum Überziehen …«¹

Dass sie so jämmerlich fror, ist nicht weiter verwunderlich. Am Morgen dieses Tages war sie noch in Maputo gewesen, der Hauptstadt von Mosambik, und dort herrscht im September eine Temperatur von 25 bis 30 Grad. Trotz der Kälte ist der Empfang in der DDR aufregend: »Nachdem wir alle (in Busse) eingestiegen waren, begleitete uns eine Polizeistaffel, die vor den Bussen herfuhr. Ich war sehr stolz darauf und fühlte mich wichtig. (…) Schließlich wurden in Mosambik nur der Präsident und seine Minister auf diese Weise eskortiert.«² Denn Francisca ist offizieller Staatsgast der DDR-Regierung. Sie gehört zu den Kindern, die an der »Schule der Freundschaft« in Staßfurt unterrichtet werden sollen.

1975 war Mosambik unabhängig geworden. Bereits ein Jahr später schloss die junge Volksrepublik mit der DDR ein Regierungsabkommen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit ab. Bald darauf planten beide Regierungen ein bis dahin einmaliges Experiment: 900 mosambikanische Kinder sollten in der DDR eine Schul- und Berufsausbildung erhalten.

Sozialistische Kader

Sie sollten in der DDR zu vorbildlichen sozialistischen Kadern herangebildet werden. Dem Sozialismus und der einstigen Befreiungsbewegung und jetzigen Staatspartei Frelimo (Frente de Libertação de Moçambique) treu ergeben, diszipliniert, selbstbewusst und gut ausgebildet, so wünschte sich der mosambikanische Regierungschef Samora Machel seine künftige Elite. In der fernen DDR sollten sie afrikanische Stammesbindungen und traditionelle Vorstellungen überwinden, die Gleichberechtigung von Mann und Frau einüben und einen Beruf erlernen, den sie dann in ihrer Heimat ausüben sollten.

Eine Ausbildungseinrichtung für mosambikanische Schüler auf dem Boden der DDR schien für beide Seiten vorteilhaft. Die DDR plante damals in Mosambik mehrere Großprojekte in Landwirtschaft, Textilindustrie und Bergbau – nicht zuletzt, um im eigenen Land Versorgungsengpässe überwinden zu können, ohne dafür Devisen ausgeben zu müssen. Sowohl im Westen wie im Osten war die Ansicht vorherrschend, dass die Länder der »Dritten Welt« möglichst schnell industrialisiert werden müssten: »nachholende industrielle Entwicklung« nannte man das. 1980 legten die beiden Regierungen als »strategisches Ziel« fest, »bis 1990 eine Industrie zu entwickeln und die Landwirtschaft zu mechanisieren, so dass zu diesem Zeitpunkt Mosambik kein Entwicklungsland mehr ist«³. Man ging also davon aus, dass es bald einen großen Bedarf an einheimischen Facharbeitern geben würde.

Auch für die junge Volksrepublik war das Arrangement günstig. 70 Prozent der Mosambikaner waren damals Analphabeten – eine Hinterlassenschaft der portugiesischen Kolonialmacht. Zudem tobte ein heftiger Bürgerkrieg zwischen der siegreichen Befreiungsorganisation Frelimo und der vom Apartheidregime Südafrika, dem Kolonialstaat Rhodesien (heute Simbabwe), den USA und westdeutschen Geheimdiensten unterstützten Rebellenorganisation Renamo (Resistência Nacional Moçambicana). Im Ausland hingegen waren die Kinder in Sicherheit. Auch mit anderen sozialistischen Ländern schloss Mosambik derartige Abkommen, zum Beispiel mit Kuba.

Im Juni 1981 nahm der Plan dann konkrete Formen an. In der Kleinstadt Staßfurt an der Bode wurde der Grundstein für ein Internat gelegt, das den Namen »Schule der Freundschaft« erhielt. Es wurde ein eigener Ausbildungsgang für die Kinder aus Mosambik entwickelt, der ungefähr der Mittleren Reife in der DDR entsprach. Deutsch war die Hauptunterrichtssprache, auch die Mehrzahl der Lehrer und Erzieher waren Deutsche. Zudem erhielten die Schüler Unterricht in der portugiesischen Sprache. Der Lehrplan der Schule basierte zwar im wesentlichen auf den vergleichbaren Lehrplänen der DDR-Schulen, doch versuchte man den Erfahrungen und künftigen Erfordernissen der Schüler Rechnung zu tragen. So wurden in Biologie statt der in Deutschland wachsenden Korb- und Lippenblütler Bananengewächse behandelt. Ähnliche Modifikationen gab es auch in den Lehrbüchern für Geographie und Geschichte.

Ausdrückliches Ziel der Ausbildung war es, die jungen Mosambikaner zu Facharbeitern – nicht zu Akademikern – auszubilden, die später den Kern einer im ländlichen Mosambik erst noch zu entwickelnden Arbeiterklasse bilden sollten. Großer Wert wurde darauf gelegt, dass die jungen Leute nicht nur solides Fachwissen erwerben, sondern auch zu vorbildlichen Sozialisten erzogen werden sollten.

Während man in Staßfurt den Bau der »Schule der Freundschaft« in Angriff nimmt, sucht man im fernen Mosambik die besten Schüler des Landes. »Sie sollten zwischen elf und 13 Jahre alt sein«, erinnert sich Francisca. Sie lebt damals in einem kleinen Dorf im Osten Mosambiks: »Ich war fast 13 Jahre alt und hatte keine Ahnung, was sich hinter diesen drei Buchstaben DDR verbarg. Wo dieses Land liegt, wie es aussieht und was mich dort erwarten würde. Aber ich wusste eines: Ich wollte unbedingt dorthin.« Denn ihre Eltern sind arm. Oft gibt es nicht genug zu essen für sie und ihre Geschwister. Sie ist eine gute Schülerin, aber an eine weiterführende Schule ist gar nicht zu denken. »Deswegen war es für mich eine große Chance, in die DDR zu gehen. In Mosambik zu bleiben, hätte bedeutet, irgendwann einen alten Mann heiraten zu müssen und von ihm so viele Kinder wie möglich zu bekommen. Das wollte ich nicht.«⁴ Statt dessen will sie Kinderärztin werden. Schon oft hat sie in Mosambik erlebt, wie Kinder an eigentlich harmlosen Krankheiten starben, weil es keine ärztliche Versorgung gab. Daran will sie etwas ändern.

Eine Stadt für sich

Ein Mitschüler von Francisca ist der 12jährige Sergio. Er erinnert sich noch gut an seinen ersten Eindruck von der »Schule der Freundschaft«: »Das waren sechs Gebäude mit Speiseraum und Ökonomiegebäude. Wir hatten unsre eigenen Sportplätze, also, das war wie eine kleine Stadt. Und ringsherum war das ganze Gelände mit Zäunen und Mauer umgeben.«⁵

In dieser pädagogischen Enklave führen die Schüler hinfort ein behütetes und von der Umwelt völlig abgeschottetes Leben. Auf dem Gelände der »Schule der Freundschaft« gibt es eigene Sportplätze, einen Freizeitklub und Einkaufmöglichkeiten. Fremde, auch Kinder aus der Nachbarschaft, dürfen nicht hinein. Der Alltag ist militärisch straff reglementiert. Jeder Tag beginnt mit dem Morgenappell: »Für Frieden und Sozialismus – seid bereit!« und die Schüler antworten: »Immer bereit! Wir wollen den Frieden!«⁶ Danach beginnt der Unterricht, im Anschluss das Mittagessen. Und dann kommt etwas, das die jungen Mosambikaner nicht kennen: »Nun sollten wir Mittagsruhe halten«, erinnert sich Francisca. »Wer nicht schlief, durfte nicht am Spaziergang teilnehmen und bekam Fernsehverbot.«⁷ Zum Glück gibt es auch die Gartenarbeit im Freien, »Objektpflege« genannt. »Jede Gruppe hatte einen kleinen Garten, den sie bestellte. Das hat uns viel Spaß gemacht. Während der Arbeit lernten wir uns besser kennen. Außerdem gefielen uns die vielen schönen Blumen.«⁸ Danach Kaffeezeit, Hausaufgaben, verschiedene kulturelle Aktivitäten wie Tanz, Sport usw., dann Abendessen, Fernsehen, Duschen, Schlafengehen. Zeit für sich selber, einfach unstrukturierte Zeit ohne Vorgaben gibt es kaum. Streng wird auf Sauberkeit, Ordnung und Disziplin gesehen.

Die Kinder sind in Wohngruppen untergebracht, dabei wird darauf geachtet, dass Kinder verschiedener Ethnien gemeinsam leben, um den in Mosambik vorherrschenden Tribalismus zu überwinden. Ein wichtiges Erziehungsziel ist zudem die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Mädchen und Jungen haben gleiche Rechte und Pflichten. Materiell sind die Kinder bescheiden, aber umfassend versorgt.

Mit dem Alltag der DDR kommen sie kaum in Berührung. Statt dessen gibt es organisierte Kontakte mit der FDJ und zu »Pateneltern«, zu denen die Schüler am Wochenende gehen können. »Das war wunderbar«, erinnert sich Francisca. »Die Aufenthalte halfen dabei, dass wir unsere eigene Familie nicht vermissten. (Sie haben) mich so behandelt, als wäre ich ihre eigene Tochter.«⁹

Auch wenn Francisca und Sergio manche Sitten und Gebräuche der Deutschen für gewöhnungsbedürftig halten – der Mittagsschlaf, das fremdartige Essen, das eingezäunte Schulgelände, die reglementierten Kontakte und die genau getakteten Zeitabläufe – alles in allem gefällt ihnen ihr neuer Aufenthaltsort. Sie müssen keine Angst mehr haben vor bewaffneten Banditen oder schießwütigen Soldaten, es gibt jeden Tag genug zu essen, und sie finden jede Menge Freunde. Und vor allem: Sie können weiter lernen.

Im Rückblick findet Sergio allerdings, dass er und seine Mitschüler auf elementare Dinge nicht vorbereitet worden sind. Etwa auf ihre Sexualität. Als Sergios damalige Freundin zum ersten Mal ihre Regel hat, ist sie völlig schockiert. Niemand hatte vorher mit ihr darüber geredet. Und als gar einige Mädchen schwanger werden, fallen Erzieher und Lehrer aus allen Wolken.¹⁰

Politisch wird den Schülern eine völlig unrealistische Welt vorgegaukelt, in der stets der Sozialismus siegt. Kontroverse Diskussionen sind im Lehrplan nicht vorgesehen. »Da ist ein Schüler aufgestanden«, erinnert sich Sergio, »der hat gefragt, ob unsre politische Erzieherin sich vorstellen kann, dass Renamo den Krieg gewinnt. Und die Frau sofort: Wie kann er so eine Frage stellen, er soll raus gehen, ist er jetzt bei der Renamo oder was? Und sie hat die Frage gar nicht beantwortet.«¹¹

Solidarität mit Namibia

1985 werden weitere Kinder aus Afrika in der »Schule der Freundschaft« aufgenommen. Auch in ihrer Heimat herrscht Bürgerkrieg. Namibia, damals vom südafrikanischen Apartheidstaat verwaltet, verlangt endlich seine Unabhängigkeit. Die hochgerüstete südafrikanische Armee liefert sich blutige Gefechte mit der Befreiungsorganisation SWAPO (South West Africa People’s Organisation). Sie schreckt auch nicht davor zurück, die namibischen Flüchtlingslager im Nachbarstaat Angola zu bombardieren. So auch das Lager Cassinga, bei dessen Bombardement 600 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, ums Leben kommen. Viele der Schwerverletzten werden in die DDR geflogen und dort medizinisch versorgt (während die BRD praktisch bis zur Unabhängigkeit Namibias mit der südafrikanischen Apartheidregierung paktiert). Mehr als 400 namibische Kinder nimmt die DDR damals auf. Diese Kinder werden zunächst in einem eigenen Kinderheim einquartiert, in Bellin bei Güstrow. Aber als es dort zu eng wird, werden die Älteren von ihnen nach Staßfurt verlegt. Eine von ihnen ist Lucia Engombe. Auch sie hat ein Buch über diese Zeit geschrieben.¹²

Die Kinder aus Namibia werden etwas anders behandelt als die jungen Mosambikaner. Sie haben keine eigene Schule, sondern besuchen eine Oberschule im nahe gelegenen Löderburg. Außerdem geht man davon aus, dass sie in der DDR ihr Abitur machen werden. Lucia erinnert sich besonders an eine Lehrerin, die den Kindern nicht nur Nachhilfeunterricht in Mathe gibt, sondern sie auch nach Hause einlädt. Es dauert dann allerdings ein Jahr, Lucia ist mittlerweile 14 Jahre alt, bis die Schüler ihre Lieblingslehrerin auch wirklich besuchen dürfen. »An Frau Stegemanns 58. Geburtstag gingen wir die drei Kilometer ohne namibische Erzieher zu Fuß zu ihrem Wohnhaus in Löderburg. Es war bitterkalt, doch das war unwichtig; wir machten seit der Ankunft in der DDR unsere ersten Schritte ohne Erzieher!«¹³

Unterdessen beenden 1986 die jungen Mosambikaner ihre Schulausbildung. Danach werden ihnen verschiedene Berufe vorgeschlagen. Sergio mit seinen guten Schulnoten würde gern Abitur machen und studieren. Er träumt davon, eines Tages Schriftsteller zu werden. Statt dessen wird er zum Elektriker bestimmt. Auch Francisca möchte immer noch Kinderärztin werden. Aber die Lehrerin erklärt ihr: »›Du wirst Bekleidungsfacharbeiterin. Das ist ein sehr guter Beruf, besonders für euch in Mosambik.‹ Ich hatte keine Ahnung, was das genau für ein Beruf sein sollte, aber ich wollte ihn nicht. Innerlich wollte ich platzen. Tränen liefen über mein Gesicht. (…) Niemand hat mich nach meiner Meinung gefragt.«¹⁴

Dabei weiß man in der DDR längst, dass das textilverarbeitende Großprojekt, das einstmals geplant war und in dem man sehr wohl Bekleidungsfacharbeiterinnen hätte brauchen können, nicht realisiert wird. Es wäre also ausgesprochen sinnvoll gewesen, man hätte auf die Einwände der Schüler gehört und ihre Wünsche, so gut es ging, berücksichtigt.

Francisca, Sergio und ihre Mitschüler sind wütend. Viele von ihnen beginnen zu rebellieren. Sie lassen sich nicht mehr widerspruchslos ihren Tagesablauf vorschreiben. Manche bezeichnen ihre Weißen Erzieher als »Weiße Aufseher und Rassisten«.¹⁵

Rassistische Gerüchte

Sie sind inzwischen junge Erwachsenen geworden, und drängen nach draußen. Sie wollen auch mal tanzen gehen und jenseits der FDJ-Kulturprogramme andere Jugendliche kennenlernen. Dabei erfahren sie zum ersten Mal, welche Neidgefühle sie auf sich ziehen. Nun rächt es sich, dass man sie so von ihrer Umgebung abgeschottet hat. Niemand in Staßfurt weiß wirklich, wie die Afrikaner in ihrer Nachbarschaft leben. Hartnäckig hält sich das – unzutreffende – Gerücht, die jungen Mosambikaner verdienten Dollars und könnten jederzeit in den Westen reisen. Immer öfter kommt es zu Reibereien zwischen DDR-Jugendlichen und den Lehrlingen aus Mosambik. Ende 1986 geht der Stasi ein IM-Bericht zu, der darauf hinweist, dass einige Staßfurter Jugendliche sich »die Vertreibung von Negern« aus dem lokalen Jugendklub zum Ziel gesetzt hätten.¹⁶

Die zuständigen Behörden reagieren auf den zunehmenden Rassismus ausgesprochen hilflos. Es gibt keine Diskussionen über die bestehenden Vorurteile, weder in den Schulen noch im Rahmen der lokalen Jugendorganisationen. Statt dessen wird die »unverzügliche Erhöhung der Attraktivität des Freizeitbereiches an der Schule« beschlossen, man versucht also, die jungen Mosambikaner wieder mehr auf dem Schulgelände festzuhalten. Aber das funktioniert nicht mehr. Immer wieder verlassen mosambikanische Jugendliche in kleineren oder größeren Gruppen das Gelände.

Auf Regierungsebene betrachtet man unterdessen das Experiment als durchaus erfolgreich. 1987 beschließt das ZK der SED, die Schule als »internationalistisches Objekt der Volksbildung zur Unterstützung der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen aus national befreiten Staaten und Befreiungsbewegungen« weiterzuführen. Bis zum Jahr 2001 wird vorausgeplant.

In der Nacht vom 19. zum 20. September 1987 wird einer der jungen Mosambikaner, Carlos Conceição, von deutschen Jugendlichen angegriffen und über ein Brückengeländer in die Bode gestoßen. Die Rettungsaktionen der Volkspolizei kommen zu spät. Erst am nächsten Morgen finden Taucher die Leiche. Zwar werden die Täter umgehend festgenommen und verurteilt. Aber dies geschieht weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Hauptinteresse von Behörden und Schulleitung scheint zu sein, dass dieser Mord nicht bekannt wird: »Wir sollten darüber nicht weiter reden, fertig«, erinnert sich Sergio.¹⁷

1988 kommt der mosambikanische Regierungschef Samora Machel bei einem Flugzeugabsturz über dem Apartheidstaat Südafrika unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben.

Ein Jahr später beenden die ersten Absolventen der »Schule der Freundschaft« ihre Berufsausbildung und kehren nach Mosambik zurück. Dort hat sich in der Zwischenzeit alles geändert. Die Wirtschaft Mosambiks liegt am Boden. Der Renamo ist es gelungen, den wirtschaftlichen Aufbau der VR Mosambik zu sabotieren. Unter Samora Machels Nachfolger Joaquim Chissano hat sich Mosambik »der Marktwirtschaft geöffnet«.

Schwierige Rückkehr

Angesichts dessen werden die jungen Kader aus der DDR ausgesprochen feindselig beäugt. Sie machen die Erfahrung, dass sie auch hier heftige Neidgefühle auf sich ziehen. Nicht wenige werden erst mal in die Armee gesteckt. »Da warteten gleich am Flughafen ein paar Lastwagen von der Armee«, erinnert sich Sergio. »Und die, die keine Verwandten hatten in der Nähe, die sie rausgeschleust haben, wurden in den Armeelastwagen gesteckt und in so ein Lager gebracht. Und da kam dann irgendein Instrukteur und fragte: Schule der Freundschaft? – Ja. – Na, wie war’s denn in Deutschland? – Gut. – Hattet ihr auch Weiße Angestellte? Oder eine Weiße Freundin? – Ja. – Wer das gesagt hat, wurde geschlagen. Die wurden wirklich geschlagen, weil sie in Deutschland waren.«¹⁸

Sergio gelingt es, die Armee zu umgehen. Aber mit seinem Abschlusszeugnis bekommt er nirgendwo einen Job. Als die DDR 1989 in Mosambik Vertragsarbeiter anwirbt, ergreift er diese Chance, um der fremd gewordenen Heimat zu entkommen.

Francisca hingegen hat nicht so viel Glück. Sie und ihre Freundinnen aus der »Schule der Freundschaft« werden in ein Militärcamp für Frauen gebracht, denn in Mosambik gilt die Wehrpflicht auch für Frauen. Auch sie werden angeschrien und geschlagen. Dazu kommt der Neid der anderen Soldatinnen. »Die anderen Mädchen im Camp, die nicht in der DDR gewesen waren, waren oft gegen uns. Sie nahmen uns unser Essen weg und meinten, dass unsere Bäuche sowieso noch voll mit Wurst und Pommes aus der DDR seien.«¹⁹

Nach dem Ende der Militärzeit findet Francisca nirgendwo Arbeit. Auch sie bewirbt sich als Vertragsarbeiterin und wird in der Nähe von Karl-Marx-Stadt in einer Kugellagerfabrik eingesetzt. Dort macht sie die Erfahrung, dass sich der – zuvor in der DDR nie offensiv thematisierte, sondern lediglich unterdrückte und totgeschwiegene – Rassismus nun offen zeigt. Die Mosambikaner trauen sich nur noch in Gruppen auf die Straße und werden mehrfach angegriffen. Ein halbes Jahr später wird die Fabrik, in der Francisca arbeitet, geschlossen. Wie die meisten Vertragsarbeiter wird sie zurückgeschickt.

Unterdessen erlangt Namibia endlich die Unabhängigkeit, als letztes Land auf dem afrikanischen Kontinent. Im November 1989 wird Sam Nujoma, der Präsident der Befreiungsorganisation SWAPO, zum ersten demokratisch von Schwarzen und Weißen gewählten Regierungschef Namibias. Gleichzeitig wird in den westlichen Medien die Mär verbreitet, die namibischen Kinder in der »Schule der Freundschaft« würden dort gegen ihren Willen festgehalten. Deshalb beschließt die SWAPO, sie nach Namibia zurückzuholen, um der Welt zu beweisen, dass dieses Gerücht eine Lüge ist.

Drei Lebenswege

Wie vielen ihrer ehemaligen Mitschüler aus der »Schule der Freundschaft« ist Lucia das Leben in Afrika fremd geworden, und sie möchte am liebsten zurück. Die Rettung ist schließlich ein wohlhabendes Weißes Farmerpaar, das dafür sorgt, dass sie in Namibia ihr Abitur machen kann und das sich ihrer annimmt. Viele Weiße Namibier sind damals fasziniert von den »DDR-Kindern«, die so selbstbewusst, gebildet und eloquent sind und ein tadelloses Deutsch sprechen. Schließlich war Namibia bis zum Ersten Weltkrieg unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika deutsche Kolonie, und viele Weiße, die heute dort leben, sind Nachkommen der ehemaligen Kolonialisten. Lucia studiert schließlich Journalismus und wird Leiterin des deutschsprachigen namibischen Radiosenders NBC Funkhaus Namibia.

Sergio hingegen gelingt es, im nunmehr vereinigten Deutschland zu bleiben. Es stellt sich heraus, dass der ungeliebte Beruf des Elektrikers im Westen wie im Osten ein ziemlich krisensicherer Job ist. Er hat mittlerweile ebenfalls eine Familie gegründet und lebt in Süddeutschland. Noch immer träumt er davon, eines Tages Bücher zu schreiben, aber bis es soweit ist, bietet ihm sein Beruf eine solide Existenzgrundlage.

Francisca schlägt sich zunächst in Mosambik mit verschiedenen Jobs durch, gründet eine Familie und ist inzwischen Großmutter. Seit 2017 ist sie Leiterin eines Studentenheims im Westen Mosambiks. Schon immer hat sie die Organisation der »Schule der Freundschaft« bewundert. Nun kann sie einiges davon in ihrem Studentenheim umsetzen. Beispielsweise ließ sie einen Gemüsegarten anlegen, den die Studenten selbst bewirtschaften und der sich sehr positiv auf deren Speiseplan auswirkt. In ihrem erlernten Beruf als Bekleidungsfacharbeiterin hat sie keinen Tag gearbeitet. Wenn sie auf ihre Zeit als Schülerin in der DDR zurückblickt, schwärmt sie von der »bedingungslosen Liebe, mit der wir betreut wurden«. Kritik hat sie vor allem an der fehlenden Kommunikation: »Für viele Ereignisse erhielten wir keine Erklärung.« Natürlich bedauert sie, dass sie keine Kinderärztin geworden ist. »Aber als Schülerin der Schule der Freundschaft habe ich es – trotz allem – geschafft, eine bessere Zukunft zu haben.«²⁰

Anmerkungen:

1 Francisca Raposo : Von Mosambik in die DDR. Meine Zeit an der »Schule der Freundschaft« in Staßfurt, Halle (Saale) 2023, S. 41

2 Ebd. S. 43

3 Lutz R. Reuter/Annette Scheunpflug: Die Schule der Freundschaft. Eine Fallstudie zur Bildungszusammenarbeit zwischen der DDR und Mosambik, Münster/u. a. 2006, S. 232

4 Raposo (Anm. 1), S. 21 u. 25

5 Sergio Clemente Taero, Interview mit der Autorin am 2.12.1998

6 Raposo (Anm. 1), S. 57

7 Ebd., S. 46

8 Ebd.

9 Ebd., S. 150

10 Mädchen, die schwanger wurden, wurden zurück nach Mosambik geschickt. Eigentlich sollte auch der entsprechende Junge zurückgeschickt werden, doch die Mädchen gaben deren Namen oft nicht preis.

11 Taero (Anm. 5)

12 Lucia Engombe: Kind Nummer 95. Meine deutsch-namibische Odyssee, Berlin 2004

13 Ebd. S. 173

14 Raposo (Anm. 1), S. 83 f.

15 Zit. n. Uta Rüchel: »… auf deutsch sozialistisch zu denken …« Mosambikaner in der Schule der Freundschaft, Magdeburg 2001, S. 76

16 Ebd., S. 81

17 Taero (Anm. 5)

18 Ebd.

19 Raposo (Anm. 1), S. 100

20 Raposo (Anm. 1), S. 151 u. 148

Ursula Trüper schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22. September 2023 über Sarah Baartman.

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