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Aus: Ausgabe vom 30.01.2024, Seite 6 / Ausland
Konflikt in Osteuropa

Kleinlautes aus Kiew

Ukraine gesteht Richtigkeit der russischen Darstellung zu Flugzeugabschuss ein. Selenskij schlägt in Interview neue Töne an
Von Reinhard Lauterbach
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Trümmerteile des wohl von der Ukraine abgeschossenen russischen Flugzeugs (25.1.2024)

Mit mehrtägiger Verzögerung hat die Ukraine inzwischen eingeräumt, dass die russische Darstellung des Flugzeugabschusses von Belgorod am vergangenen Mittwoch wohl im wesentliche n zutrifft. Erst räumte das Militär ein, dass das Flugzeug doch von der eigenen Seite abgeschossen wurde, dann musste Kiew auch die Echtheit der in Moskau veröffentlichten Namensliste der auszutauschenden Gefangenen einräumen. Es blieben die Vorwürfe, Russland habe die ukrainische Seite nicht über die genauen Daten des Flugs informiert, und Russland sei für die Sicherheit der Gefangenen bis zum Moment des Austausches selbst verantwortlich gewesen.

In Russland selbst begann unterdessen eine Diskussion darüber, warum ein für die gegebene Menge von Gefangenen viel zu großes und umgerechnet 100 Millionen US-Dollar teures Flugzeug auf den riskanten Flug in Frontnähe geschickt wurde. Offenbar hatte sich Russland bei den Verhandlungen zum Zeitpunkt des Austausches von der Ukraine unter Zeitdruck setzen lassen, so dass ein Transport der Gefangenen mit Bus oder Bahn nicht mehr möglich war. Dies jedenfalls geht aus einer Äußerung eines Sprechers der russischen Luftwaffe hervor.

Die Hypothese, vielleicht könnte jemand in der Ukraine ein Interesse daran gehabt haben, den Austausch nicht zustande kommen zu lassen, um ukrainische Soldaten davon abzuhalten, sich zu ergeben, bestätigte der Sprecher des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Andrij Jussow, indirekt. Zumindest scheint dieser Verdacht auch in der Ukraine so sehr in der Luft zu liegen, dass Jussow schon am Abend des Abschusses offiziell erklärte, die Ukraine sei daran interessiert, dass der Austausch von Gefangenen »trotz aller Schwierigkeiten« weitergehe. Umgekehrt dürfte Russland daran gelegen sein, die Auseinandersetzung mit der Ukraine über den Vorfall nicht auf die Spitze zu treiben – schon um keine Diskussion über mögliche Versäumnisse der eigenen Militärführung aufkommen zu lassen. So sagte Präsident Wladimir Putin schon am Freitag, er könne nicht ausschließen, dass die Ukraine das Flugzeug aus »Unachtsamkeit« abgeschossen habe.

Am Sonntag hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij der ARD ein längeres Interview gegeben. Dabei waren zu verschiedenen Punkten neue Zungenschläge zu hören. So erklärte er, er wäre »ein glücklicher Präsident«, wenn es Donald Trump im Fall seiner Wahl gelingen sollte, den Krieg in 24 Stunden zu beenden, wie er es versprochen hat. Zuvor hatte Selenskij diese Ankündigung mit den Worten kommentiert, Trump solle ihm bitte erklären, wie er das hinbekommen wolle – was man als Drohung lesen konnte, Kiew werde jeden möglichen Friedensdeal sabotieren, der seinen Interessen nicht entspreche. Weiter rief Selenskij in der ARD Ukrainer im mobilisierungspflichtigen Alter auf, ins Land zurückzukehren. Sie müssten ja nicht unbedingt an die Front, die Ukrai­ne brauche auch Arbeitskräfte und Steuerzahler. Es sei eine Frage der Gerechtigkeit, das Los des eigenen Landes zu teilen. Im Unterschied zu anderen ukrainischen Politikern vermied Selenskij es, Kriegsflüchtlingen mit strafrechtlichen Sanktionen oder der Einziehung ihres Vermögens zu drohen. Er distanzierte sich von den gewaltsamen Methoden der Rekrutierung in der Ukraine und vertrat die Auffassung, die Wehrerfassung könne auch auf elektronischem Wege erfolgen. Die Armee sei »groß genug«, so Selenskij. Allerdings verliert die Ukrai­ne an jedem Kampftag bis zu 1.200 Soldaten – diese Zahl nannte am Wochenende ein pensionierter General im ukrainischen Fernsehen. Sie liegt um den Faktor vier über den bisherigen halboffiziellen Angaben.

Im ARD-Interview gab Selenskij weiter an, in der Ukraine lebten noch 30 Millionen Menschen, die für den Sieg arbeiteten. Die bloße Zahl könnte angesichts von Angaben der UNO über bis zu zehn Millionen vor dem Krieg geflohene Ukrainer sogar stimmen. Dass die verbliebene Bevölkerung aber ausnahmslos »für den Sieg arbeite«, dürfte eher Dichtung als Wahrheit sein – schließlich gibt es auch in einer Restbevölkerung von 30 Millionen noch Kinder und Alte. Bei der Lösung von der Sowjetunion 1991 hatte die Ukraine 52 Millionen Einwohner. 2022 waren es noch etwa 40 Millionen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marcus B. (29. Januar 2024 um 21:34 Uhr)
    Russland ist in Sachen Kommunikation zumindest eine Teilschuld anzulasten. Laut offiziellen Aussagen wurde die ukrainische Seite erst 15 Minuten vor der Ankunft der Maschine im entsprechenden Luftraum darüber informiert. Das ist in meinen Augen grob fahrlässig, denn in so kurzer Zeit zu erwarten, dass die gesamte Befehlskette zu allen Luftabwehreinheiten geschlossen wird, ist doch als eher optimistisch zu betrachten; zumal die Ukraine offensichtlich auf PR-Erfolge aus ist. Erinnert sei an den angeblichen Abschuss gleich mehrerer Su-34 Kampfjets oder einer A-50 AWACS-Maschine. Und weil Russland Jagd auf solche Luftabwehrstellungen macht, werden diese sicher unter einem besonderen Geheimhaltungsregime agieren, d.h. Funkstille! Demnach liegt es nahe, dass sie überhaupt nicht rechtzeitig informiert werden konnten, erst recht nicht in 15 Minuten – plus x, bis die Maschine in Reichweite der Raketen war. Es ist auch nicht verwunderlich, dass Russland daraus jetzt nicht das ganz große Drama machen will, liegt ihm doch daran, die eigenen Kriegsgefangenen zurückzubekommen. Eine Aussage von den Verhandlungsführern auf russischer Seite lautete, dass man auch mit dem Teufel höchstpersönlich sprechen würde, um sie zurückzuholen. Das wird dadurch untermauert, dass sogar die Kommandanten der berüchtigten »Asow«-Einheit, die »Verteidiger von Asowstahl«, ausgetauscht wurden.
    • Leserbrief von Norbert N. aus EHSt. (30. Januar 2024 um 12:45 Uhr)
      Was ist im Krieg mehr Wert? Eine 11 Millionen Dollar teure Transportmaschine samt Besatzung oder 65 ehemalige Kriegsgefangene, die russische »Propaganda«(z. B. med. Versorgung, menschenwürdige Behandlung u. a.) verbreiten könnten.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marcus B. (30. Januar 2024 um 16:09 Uhr)
        Ich verstehe die Frage nicht. Beides wäre zum Vorteil Russlands: die Maschine nicht zu verlieren und der Propagandawert der gut behandelten Kriegsgefangenen. Allerdings kann Kiew kein Interesse daran haben, die eigenen Leute zu töten, denn dann bleiben die anderen Kriegsgefangenen lieber freiwillig in Russland und beantragen am Ende sogar Asyl wegen politischer Verfolgung. Des weiteren gibt das gar kein gutes Bild an der Heimatfront ab, weder bei den betroffenen Familien noch bei den Frontsoldaten und deren Familien. Und sowieso war das nicht der erste solche Austausch, weshalb die Propagandaargumentation nicht schlüssig ist. Sollen etwa alle anderen vorher ausgetauschten Kriegsgefangenen nicht das gleiche Risiko für Kiew dargestellt haben? Und schließlich ist so eine Maschine zwar wertvoll, sowohl monetär als auch militärisch – wobei ich $11 Mio. geradezu für ein Schnäppchen halte –, jedoch hat Russland noch mehr davon, weshalb das eher als Nadelstich, wenn auch mit einer Stricknadel, im militärischen Sinne betrachtet werden kann.
        • Leserbrief von Norbert N. aus EHSt. (30. Januar 2024 um 20:05 Uhr)
          Erst war es ein Flugzeug mit S300 an Bord, ein großer Erfolg für die ukrainische Luftverteidigung. Dann ein leeres Flugzeug, das die Russen selber abgeschossen haben, um es den Ukrainern in die Schuhe zu schieben. (»Wo sind die Leichen.«) Jetzt ist es die kurze Anmeldezeit des Fluges von 15 Minuten. Diese Erzählung reicht aus, den Angehörigen glaubhaft zu vermitteln, dass die Russen schuld sind. Frontsoldaten erfahren grundsätzlich nichts, was sie am Kämpfen hindern könnte. Und wie viel Schaden einzelne Ausgetauschte schon angerichtet haben, weiß allein der ukrainische Geheimdienst. Außerdem dürften die Informationen in und aus der Ukraine kriegsbedingt stark zensiert sein. Jedem Kommandeur einer Fla-Raketen-Einheit tropft der Zahn, wenn er ein solches 100-Millionen-Brathähnchen vor die Flinte bekommt. Es sei denn, er hat direkten Befehl, nicht zu schießen. Und ich nehme an, das ist unterblieben. Mit allen hässlichen Folgen. Auf welcher Befehlsebene – darüber können wir nur spekulieren.
          • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marcus B. (31. Januar 2024 um 13:15 Uhr)
            Mit anderen Worten: SNAFU, Situation normal, all fucked up. So tragisch es auch ist, es handelt sich um einen militärischen Konflikt, in dem nun mal schlimme Dinge passieren. Die Russen haben auch schon versehentlich eigene Kampfjets abgeschossen, weil die Freund-Feind-Erkennung versagt hatte. Nebenbei hieß es weiter oben noch von Ihnen, dass das Flugzeug $11 Mio. wert gewesen sei. ;) Und, nochmal, die Aussage mit den 15 Minuten kommt von Russland, ganz offiziell. Ich bezweifle allerdings, dass es heutzutage noch einen kompletten Informationsblackout geben kann. Frontsoldaten kommunizieren auch mit ihren Angehörigen, Buschfunk, wissenschon. Jedwede Unterstellung von Absicht ist, zumindest bislang, als Spekulation zu betrachten. Hanlons Rasiermesser: »Unterstelle nicht Böswilligkeit, wenn Dummheit genügt.« Letzteres schließt auch mit ein, dass da u.U. der Zahn des FlaRak-Kommandanten auf den Auslöser getropft hat. Wie gesagt, Kiew braucht Achtungserfolge, weils sonst eher schlecht läuft - gut zu erkennen am anfänglichen Überschwang an Jubelmeldungen ob eines so hochkarätigen Abschusses. Obwohl ich das schon eher lächerlich finde: hie und da mal ein Abschuss; und der wird dann gefeiert, als sei damit der Krieg gewonnen. Das (!) sollte jedem mit klarem Verstand zu denken geben. Nach meiner Auffassung hat die Ukraine bereits seit März 2022 verloren, zuckt aber noch, weil sie am Tropf des Westens hängt, der ihr aber auch nur altes Zeug in homöopathischen Dosen schickt. Das sagten die richtigen Experten auch damals: Frieden machen jetzt, oder in 2 Jahren, dann aber mit min. 200.000 toten Ukrainern mehr. Kiew will ja aktuell 500.000 Soldaten einziehen – warum wohl? – und bekommt das schlecht verkauft vor den eigenen Leuten. Viele haben den Kujat einfach nicht verstanden, als er sagte, dass der Westen bereit sei, die Ukraine bis zum letzten Ukrainer zu verteidigen.
    • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (30. Januar 2024 um 10:59 Uhr)
      » Laut offiziellen Aussagen wurde die ukrainische Seite erst 15 Minuten vor der Ankunft der Maschine im entsprechenden Luftraum darüber informiert.« Laut wessen offiziellen Aussagen? Aus Kiew, die den Abschuss bemänteln wollen?
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marcus B. (30. Januar 2024 um 15:57 Uhr)
        Nein, aus Russland. Der Duma-Abgeordnete Andreij Kartapolow, seines Zeichens Vorsitzender der Verteidigungskomitees und General a.D., hatte das kurz nach dem Absturz erklärt und meinte wohl, dass diese Frist auszureichen habe. Der Kremlsprecher Peskow hat es dann bei einem Interview wiederholt. Ich kann zwar die russische Position durchaus verstehen, dass man den Feind nicht zu früh informieren will, damit er nicht die Möglichkeit hat, ggf. seine Luftabwehr in Stellung zu bringen, aber das kann halt auch ins Auge gehen. Wie gesagt, wie kann man erwarten, dass in 15+x Minuten erwarten, dass der Luftraum gesichert ist? Ich denke, beide Seiten schlachten das nach dem Propagandahandbuch für sich aus; aber schlussendlich handelt es sich wahrscheinlich um ein äußerst tragisches Unglück.
        • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (31. Januar 2024 um 12:22 Uhr)
          Danke für diese Details. Laut TASS (https://tass.com/politics/1737189) sagte Kartapolov aber auch, dass die Ukraine in den 15 Minuten seit der russischen Info über den Flug mit den ukrainischen Kriegsgefangenen durchaus ihre Flugabwehr kontaktiert hatte, allerdings nicht mit einem Feuereinstellungsbefehl, sondern mit einem Abschussbefehl. Die Gründe bleiben fragwürdig, auch warum die Ukraine Russland für den Gefangenenaustausch unter Zeitdruck setzte.
          • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marcus B. (31. Januar 2024 um 13:56 Uhr)
            In so einer Situation braucht doch die Luftabwehrstellung keinen expliziten Befehl von oben, um ihren Dienst zu tun, nämlich feindliche Flugobjekte abzuschießen. Die Fakten, die einigermaßen beweisbar sein sollten, sind: Mitteilung erfolgt und vom Gegner quittiert. Es reicht dann aus, dass, z. B. wegen Funkstille, die entspr. Einheit gar nicht rechtzeitig erreicht werden konnte. Klar, der Kommandant vor Ort hat den Feuerbefehl gegeben; aber das ist auch seine Pflicht, wenn er keinen Nichtangriffsbefehl erhält. Insofern ist Kartapolows Aussage zwar technisch korrekt, aber auch gleichzeitig eine Nullaussage. Wie gesagt, ich halte die 15 Minuten einfach für zu kurz, gemessen an der erhöhten Gefahrenlage. Ich meine, wenn ich anhand der Meldungen der vorangegangenen Tage/Wochen auf den Gedanken komme, dass die Ukrainer einen nervösen Finger am Abzug haben und auf PR-Erfolge aus sind, warum dann nicht die Verantwortlichen in Russland? Mir scheint tatsächlich, dass man da manchmal etwas langsam von Begriff ist. Aber vllt. hat da auch nur einer gepennt und dann, als es quasi zu spät war, noch pro forma seine Pflicht erfüllt. Wie ich schon weiter oben schrieb: SNAFU. Wäre ich Kartapolow, hätte ich zumindest nichts von den 15 Minuten erwähnt; das ist u.U. schon eine Selbstbelastung, die in einem evtl. Strafprozess relevant sein könnte. Ich finde das ehrlich gesagt eher befremdlich, dass er so freimütig derlei Infos rausgibt, obwohl er es als so ranghoher Offizier (a.D.) besser wissen sollte. Ich denke da an Gerassimow – kann der Mann überhaupt sprechen?
          • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (31. Januar 2024 um 13:08 Uhr)
            »Die Gründe bleiben fragwürdig, auch warum die Ukraine Russland für den Gefangenenaustausch unter Zeitdruck setzte.« Das ist sehr verdächtig, denn ob ein Austausch nun einen Tag früher oder später stattfindet, ist nicht von Bedeutung. Es sieht so aus, als ob die Russen unbedingt statt Bussen ein Flugzeug nehmen sollten. Aber warum die das nicht geahnt haben und sich unter Zeitdruck haben setzen lassen, verstehe ich nicht, zumal die Ukraine bereits einmal in Russland 50 ukrainische Gefangene mit einer Rakete im Schlafsaal der Unterbringung getötet hat.

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