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Aus: Ausgabe vom 30.01.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
Sahelstaaten verlassen ECOWAS

Abschied in die Autonomie

Mali, Burkina Faso und Niger kündigen Austritt aus ECOWAS-Bündnis an. Rohstoffhandel dürfte die Grundlage künftiger Eigenständigkeit bilden
Von Jörg Kronauer
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Der Bruch mit ECOWAS nimmt dem ehemaligen Kolonisator sein Einflussinstrument (antifranzösischer Protest in Niamey, 3.8.2023)

Mali, Burkina Faso und Niger vollziehen den nächsten Schritt auf dem Weg in Richtung Eigenständigkeit: Am Sonntag teilten die Regierungen in Bamako, in Ouagadougou und in Niamey mit, ihre Länder träten mit sofortiger Wirkung aus der Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS aus. 49 Jahre nach seiner Gründung am 28. Mai 1975 habe der Zusammenschluss insgesamt 15 westafrikanischer Staaten sich allzu weit von den Entwicklungsvorstellungen der Initiatoren und vom Panafrikanismus entfernt.

»Unter dem Einfluss auswärtiger Mächte« sei er gar zur »Gefahr für seine Mitgliedstaaten« geworden, hieß es in der Austrittserklärung unter explizitem Verweis auf die Sanktionen der Staatengemeinschaft gegen Niger. Mit »Bitterkeit« und »großer Enttäuschung« verließen sie daher die Organisation, gaben die Staatsschefs der drei Länder bekannt, die sich erst im Herbst zu einem neuen Bündnis, zur Allianz der Sahelstaaten (Alliance des États du Sahel, AES), zusammengetan hatten. Dem Bruch mit Frankreich folgt damit nun der Bruch mit ECOWAS, die Paris und Washington als Einflussinstrument dient.

Worauf können die drei Staaten der AES, die laut dem Human Development Index der Vereinten Nationen zu den zehn ärmsten der Welt zählen, die Eigenständigkeit wirtschaftlich stützen, die sie politisch anstreben? Aktuell stehen ihnen vor allem ihre Rohstoffvorräte zur Verfügung, und da alle drei im sogenannten Goldgürtel liegen, der sich quer durch Westafrika zieht, handelt es sich dabei vor allem um Gold. Mali förderte im Jahr 2022 laut Angaben des damaligen Bergbauministers Lamine Seydou Traoré gut 72,2 Tonnen; damit war es Afrikas drittgrößter Goldproduzent nach Ghana – der einstigen britischen Kolonie Gold Coast – und Südafrika. Gold brachte demnach zehn Prozent der malischen Wirtschaftsleistung ein, deckte den Staatshaushalt zu rund einem Viertel und stand für etwa drei Viertel des malischen Exports. Burkina Faso, Afrikas viertgrößter Goldproduzent, förderte 2022 gut 57,6 Tonnen, die 80 Prozent seines Exports und gut 14 Prozent seiner Wirtschaftsleistung ergaben. Niger kam immerhin auf 34,5 Tonnen und bestritt damit gut die Hälfte seines Exports.

Dabei suchen die AES-Staaten in mehrfacher Hinsicht ihre Einnahmen zu verbessern. Zum einen gehen sie gegen den Goldschmuggel vor; Niger etwa hat vor kurzem laut einem Bericht der Le Monde die Bewilligung von Förderlizenzen ausgesetzt, um sich an einer Bestandsaufnahme zu versuchen und dem Wildwuchs, der dem Staat Steuern und Abgaben entzieht, ein Ende zu setzen. Zum anderen sind sie bemüht, mehr Geld aus der Goldförderung zu erhalten. Mali etwa hat im vergangenen Jahr ein neues Bergbaugesetz verabschiedet, das bei neuen Projekten einen Staatsanteil von 30 statt zuvor 20 Prozent vorsieht und die Summe, die in den Staatshaushalt fließen muss, erhöht. Nicht zuletzt sind alle drei AES-Staaten um größere Anteile an der Wertschöpfungskette bemüht. Mali hat im November eine Vereinbarung mit Russland unterzeichnet, die den Bau einer Raffinerie zur Produktion von bis zu 200 Tonnen Gold im Jahr vorsieht. Burkina Faso hat im November bereits den Bau einer Goldraffinerie gestartet; ihr geplantes Volumen: bis zu 150 Tonnen Gold im Jahr.

Niger setzt zudem große Hoffnung auf das Erdöl, das die China National Petroleum Corporation (CNPC) bei Agadem im Osten des Landes fördert. Seit 2011 leitet die CNPC täglich rund 20.000 Barrel an die Raffinerie in Zinder im Süden weiter, die den nationalen Markt versorgt. Ende 2023 wurde eine fast 2.000 Kilometer lange Pipeline fertiggestellt, die täglich 90.000 weitere Barrel zum Hafen Sèmè in Benin pumpen soll; dann wird Niger erstmals sein Erdöl im großen Stil auf den Weltmarkt exportieren können. Niamey erhofft sich davon Einkünfte, die ein gutes Viertel seiner Wirtschaftsleistung erreichen könnten; diese lag zuletzt bei rund 14 Milliarden US-Dollar im Jahr. Durch die Sanktionen der ECOWAS gegen ­Niger war zunächst unklar, wann der Ölexport gestartet werden kann. Als Benin Ende Dezember bekanntgab, es werde den Transit aus seinem Hafen Cotonou nach Niger wieder zulassen, hieß es, auch das Erdöl werde bald fließen. Benin erhofft sich Durchleitungsgebühren in Höhe von einer halben Milliarde US-Dollar jährlich.

Niger verfügt selbstverständlich noch über sein Uran, das bisher von der französischen Orano (Ex-Areva) ausgebeutet wurde. Nach dem Putsch kam der Export faktisch zum Erliegen. Jetzt will Niamey den Sektor neu ordnen. Eine AES-Kooperation wäre denkbar: Russland sagte im vergangenen Oktober zu, in Burkina Faso ein Kernkraftwerk zu bauen und in puncto friedliche Nutzung der Atomenergie auch mit Mali zu kooperieren. Im November nahm Niger ein neues, mit EU-Hilfe errichtetes Solarkraftwerk in Betrieb; ursprünglich hätte dies schon Ende August geschehen sollen, musste aber sanktionsbedingt verschoben werden. Im Dezember nahm schließlich auch Burkina Faso zwei neue Solarkraftwerke in Betrieb. Beide Länder erlangten damit eine – wichtige – größere Unabhängigkeit in puncto Energie.

Mali setzt nicht zuletzt einige Hoffnung auf seine Lithiumvorkommen. Die Mine Goulamina rund 150 Kilometer südlich von Bamako gilt als eine der bedeutendsten ihrer Art weltweit. Sie soll zunächst eine Jahresproduktion von 436.000 Tonnen erreichen und diese womöglich auf 800.000 Tonnen steigern. Betrieben wird sie von der australischen Leo Lithium, die dabei eng mit der chinesischen Ganfeng kooperiert. Ein zweites Lithiumprojekt wird von Kodal Minerals aus London bei Bougouni östlich der Mine Goulamina vorangetrieben. Bamako hat klargestellt, dass es größtmögliche Teile der Wertschöpfungskette im eigenen Land ansiedeln will. Aktuell ist geplant, das Erz – wie aus den meisten Lithiumfördergebieten weltweit – weitgehend unverarbeitet nach China zu transportieren und es dort zu verarbeiten. Das soll sich nach dem Willen der malischen Übergangsregierung ändern.

Hintergrund: Handelsrouten

Der Austritt Malis, Burkina Fasos und Nigers aus der ECOWAS bringt Umbrüche auch für die Logistik mit sich. Innerhalb der ­ECOWAS können Waren weitgehend zollfrei gehandelt werden. Was geschieht nun zum Beispiel mit dem Export der Rohstoffe, die die drei Sahelstaaten fördern? Nigers Außenhandel etwa wird traditionell zum guten Teil über den Hafen von Cotonou (Benin) abgewickelt. Burkina Faso wiederum nutzt für seine Ein- und Ausfuhr oft den Hafen von Tema östlich von Accra (Ghana). Mali wiederum ist gut an die Häfen von Abidjan (Côte d’Ivoire) und von Dakar (Senegal) angebunden. Was nun, wenn dort Zollgrenzen hochgezogen werden, wenn die ECOWAS anderweitig Ärger macht?

Eine Alternative hat Marokko den drei Sahelstaaten bei einem Treffen am 23. Dezember in Marrakesch vorgeschlagen. Demnach könnten Verkehrswege in Richtung Atlantik ausgebaut werden, um die drei Länder aus ihrer Abhängigkeit von den ECOWAS-Küstenstaaten zu lösen. Marokko hat vermutlich den Hafen von Dakhla im Blick. Offiziell gaben sich die Vertreter der drei Sahelstaaten erfreut. Praktisch stellen sich allerdings allerlei Fragen. So ist die Entfernung riesig; es müssten endlose Straßen durch die unwegsame Sahara gebaut und aufrechterhalten werden; Mauretanien müsste zustimmen, da die Route sein Territorium quert. Die Strecke wäre anfällig für Angriffe von Dschihadisten, und vor allem würde mit ihr das Völkerrecht gebrochen: Sie führt quer durch die von Marokko illegal besetzte Westsahara, zu der auch Dakhla gehört.

Ist die Kooperation mit den ECOWAS-Küstenstaaten also alternativlos? Viel spricht dafür. Allerdings ist die Abhängigkeit keine einseitige – denn die Häfen der Küstenstaaten sind auf Handel angewiesen und verdienen im Handel mit den Sahelstaaten viel Geld. Der Hafen von Abidjan etwa ist gerade ausgebaut worden, um aus Mali erwartetes Lithium lagern und verladen zu können. Der Ausbau war teuer und muss sich amortisieren. Dies ist kein Einzelfall. Um kooperative Lösungen kommt auf Dauer auch die ­ECOWAS kaum herum. (jk)

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