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Aus: Ausgabe vom 27.01.2024, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
ABC-Waffe

Spiel Theorie

Das Leben, ein verchromter Kasten mit einer langen Leitung
Von Martin Bartholmy
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(fünf minus vier)

eine Verordnung

+++ 1 Einheit bestehend aus 3 und mehr Mitgliedern welche entweder biologisch in 1. oder 2. Grade miteinander verwandt sind oder welche rechtskräftig in einen einer solchen Verwandtheit entsprechenden Zustand versetzt worden sind und welche über das Jahr verteilt ein und denselben Wohnsitz für wenigstens 50 Prozent der Zeit teilen ist als Familie anzusprechen wohingegen Einzelwesen welche mit dieser oder mit Mitgliedern derselben den Wohnsitz teilen und sei es zu 100 Prozent als nicht zugehörig betrachtet werden +++

(sechs minus vier)

eine Anordnung

Familie Flickwerck, Stiefvater, Stiefmutter, Stieftochter und Stiefsohn, sitzen am Frühstückstisch. Nebenan, am Katzentisch, sitzt Grummelkatze Käsimir. Mitten auf dem Frühstückstisch steht ein großer, verchromter Kasten; er schweigt und glitzert. Zur Stieftochter sagt Derbert, der Dad: Von uns bist du, Kussnelda, die technikaffinste, und also schrauben wir dir die Aufgabe ans Bein, das neue Dingens in Betrieb zu nehmen, denn uns hungert, doch wollen wir nicht schuld sein, sollte das neue Dingens kapuczinski gehn.

Die Stiefmutter, Karün, klopft mit den Knöcheln auf den Tisch. Sie sagt: So ist es. Und bitte gehe mit Eile ans Werk, uns hungert, und Hunger, das muss ich wohl nicht eigens betonen: Hunger ist ein schlechter Tischgenosse. Eine Prise Hunger mehr, und wir sind alle futschikato.

Die Grummelkatze Käsimir hat unterdessen aus der Kühlbox neben ihrem Liegestuhl einen Cocktail hervorgezogen oder hervorgezaubert (denn keiner hat’s gesehn) und vor sich auf den Tisch gestellt. Aus dem undurchsichtigen Glas ragt ein rot-weiß gestreifter Strohhalm. Den zieht sie heraus, steckt ihn ins Maul und beginnt, grämlich auf ihm herumzukauen.

Stieftochter Kussnelda beugt sich vor, so weit, bis sie im glitzernden, schweigenden Kasten ein Zerrbild sieht, in welchem sie, obgleich es wirklich sehr verzerrt ist, ihr Ebenbild zu erkennen glaubt. Mit dem Zeigefingerknöchel klopft sie gegen das Chrom. Dann lehnt sie sich rasch zurück in die Lehne ihres Stuhls, so, als hätte sie Verbotenes getan, oder so, als würde der Stuhl plötzlich stark beschleunigt werden, beziehungsweise, stark beschleunigen.

Der Kasten räuspert sich. Der Kasten klingelt: ding-dong. Dann sagt eine Stimme sonor: Heraus! – und heraus aus dem Kasten spaziert ein Männlein, ein Männlein in purpurfarbenem Bademantel; es sieht sich um, verbeugt sich, sagt: Zimmermann, angenehm – und es beginnt zu werkeln, stellt ratzfatz einen Klapptisch auf, Klappstühle drumherum, deckt den Tisch, macht Kaffee, serviert, dem Duft nach (denn zu erkennen ist es nicht), Arme Ritter, beginnt zu essen, hält inne, wackelt mit dem Kopf: Da fehlt doch etwas? – Zimt, Samt, Kumyss? – nein, Schatten fehlt, und also holt das Zimmermännlein den Sonnenschirm, stellt ihn, klappt ihn auf: Der Schirm ist rot-weiß gestreift.

Annotoll, der Stiefsohn, sei es, ihm passt es nicht, dass die Aufmerksamkeit ganz dem kleinen Mann gilt, dem Männchen, das noch viel kleiner ist als er, sei es, dass er das Männchen gern ergriffe und an den Glitzerkasten dotzte, doch ist dies nicht im Bereich des Möglichen, denn in sein Stühlchen fest eingeklemmt, reicht der Stiefsohn nicht heran, oder sei es einfach, dass er Hunger hat und kein Futter in Sicht, diesen zu stillen (doch leckerer Duft, der neckt und foppt) … wie auch immer es sich verhalten mag (denn zu ermitteln ist es nicht), die schlichte Wahrheit ist, man weiß es nicht, man steckt nicht drin, steckt nicht in dem Stiefsohn, man sieht nicht hinein in ihn, denn Annotoll, der Stiefsohn, ist wie das Kästchen eines Zauberkünstlers: außen bespannt mit schwarzem Samt und innen ausgekleidet mit demselben, so könnte man sich das vorstellen (denn auszumachen ist es nicht), und in ein solches schwarzes Kästchen sieht man nicht hinein, beziehungsweise, tut man es oder glaubt man es zu tun, so ist es doch für die Katz – die Farbe des Materials in Tateinheit mit seiner Beschaffenheit, sie schlucken alles, alle Teilchen, die einem eine Null oder eine Eins oder eine Eins für eine Null vormachen könnten, und zu erkennen ist nichts, das reine Garnichts, weshalb es dem Zauberkünstler leichtfällt, ein Dingens in das Kästchen hineinzugeben, es darin verschwinden zu lassen, und dann ein ganz anderes Dingens daraus hervorzuholen, der Stiefsohn, Annotoll, also, dessen Innenleben undurchsichtig ist und der sich, der Sprache nicht mächtig, nur unklar äußern kann, er ist, was das Äußere angeht, um so präsenter, und er schwillt nun, vielleicht auch, weil ihn Lehne, Seitenteil und Tablett seines hohen Stühlchens festklemmen wie einen Passagier im Achterbahnwägelein, er schwillt nun an, füllt sich mit Luft, öffnet den Mund, einmal, zweimal, und quäkt, und als das nicht hilft, rümpft er das Näslein, reißt die Goschen auf und plärrt und schreit und brüllt – ganz rot wird das Gesicht, und aus den Augen schießt Wasser, den Brand zu löschen, doch gelingt dies nicht – und doch gelingt so etwas: Die Stiefmutter beugt sich zu ihm, und sie sagt: Na, na, na – was haben wir denn da … ein Lärm, ein Krach, da gehn uns glatt die Ohren futschikato … und, wie sie’s sagt, vollführt sie mit der Linken auf dem Tablett des hohen Stühlchens ein Ballett, tänzelt, lässt die Hand wandern, die Finger hüpfen, so elegant, fast glaubt man, sie trügen ein Tutu, sie lässt die Finger sich auf die Nagelspitzen stellen, sich recken, lässt sie in die Höhe springen, nah ans Gesicht des Stiefsohns, und einer der Finger stupst das Näslein, und sie sagt: Wie? Ja wie? Wen haben wir denn da? Meinen kleinen, kleinen Mann?

Derbert, der Stiefvater sagt: Zwei kleine Männer, aber Frühstück weiterhin Essig. Kussnelda, hilf, dein alter stiefer Herr geht vor die Hunde.

Kussnelda beugt sich vor, so weit, bis sie im glitzernden, schweigenden Kasten ihr Zerrbild zu erkennen und wiederzuerkennen glaubt. In Richtung des Zimmermännleins sagt sie: Wie wäre es mit Frühstück? Ich meine, nicht für Sie – für uns? Es wäre, denke ich, angemessen, immerhin haben Sie die Beine auf unserem Tisch.

… aber unter meinem, sagt das Männlein unverdrossen, klopft mit den Knöcheln auf den eigenen, kleinen Tisch, und es sagt: Fürs Frühstück anderer bin ich nicht verantwortlich, bin verantwortlich allein fürs eigene Frühstück – und für die Frühstücksnachbereitung im allgemeinen.

Käsimir hat unterdessen aus der Kühlbox neben dem Liegestuhl einen weiteren rot-weiß gestreiften Strohhalm vermutlich hervorgezaubert, steckt ihn ins Maul und beginnt, auch diesen zu zerkauen.

Da sehen Sie’s, sagt Kussnelda zum Zimmermann: Alle haben, nur wir darben.

Der kleine Mann sagt: Ich sehe das? Ich soll mir von Photonen und Rezeptoren ein Bild aufs Auge drücken lassen? Das sehe ich anders. Geben Sie Willensfreiheit, Sire, sag’ ich mal. Sie sehen etwas – das mag sein, doch ich, ich denk’ mir meinen Teil.

Sie, sagt Derbert, wohnen für lau in unserem neuen Dingens, und Sie machen es, wer weiß, durch Ihr Bewohnen kapuczinski, und aber zum Dank durchfüttern wollen Sie uns nicht. Da platzt mir die Hutschnur, da bricht mir die Leiste. Gleich hol’ ich meine Fliegenklatsche, den Fliegenleim und … und …

Annotoll plärrt, und Stiefmutter Karün schilt, man möge bitte etwas Rücksicht nehmen auf die Kinder, auf ihren stiefen Kleinen, und Essen sollten sie im Halsumdrehen haben – da schaut her: Sagt’s und drückt auf einen Knopf an dem großen, verchromten Kasten; der brummt und klackt und glitzert, oberhalb flimmert die Luft, sie macht Duft – und nach ein paar Minuten wirft der Kasten was aus? Pop-Tarts natürlich, eins a aufgebacken.

Die Familie isst und schweigt, schweigt und isst und krümelt, und kaum hat sie ausgegessen und sich ausgeschwiegen, sagt der kleine Zimmermann: Nun zur Frühstücksnachbereitung im allgemeinen – und schaun wir mal, wo ich das Loch gelassen habe. Sagt’s, zückt einen Zauberstab, rot-weiß gestreift, aus seiner Bademanteltasche und zaubert mit ihm in Richtung Glitzerkasten. An der Seite des Kastens klickt es. Ritzen erscheinen, weiten sich, dann fährt ein Garagentor nach oben, und aus der Garage steckt eine Maus die Nase, eine Art Computermaus, und sie kommt ganz heraus, wendet sich, dreht sich, peilt, fährt zur Kante des Frühstückstischs, und von dort beginnt sie in einem Raster die Tischplatte behäbig wie systematisch abzufahren.

Das, sagt der kleine Mann, ist der Tischkrümelsauger, und er steckt seinen rot-weißen Stab zurück in die Bademanteltasche. Die Katze, unterdessen, grummelt und zerkaut das letzte Stück ihres Strohhalms, vermutlich (denn zu sehen ist es nicht – kein Rot, kein Weiß, kein Halm).

Kurz darauf kaut die Katze bereits an einem neuen Strohhalm (der ist zu sehen, Halm, hohl, rot-weiß). Der kleine Mann hat sein Frühstück beendet, lehnt sich zurück, schnipst: Eine rot-weiße Schachtel erscheint in seiner Hand, er klappt sie auf, zieht etwas heraus, schnipst noch einmal, und mit seinem brennenden Daumen zündet er sich eine Zigarette an, inhaliert, lehnt sich zurück, macht: Ah! – und gelassen pustet er den Daumen aus.

Hier, sagt Karün, in unserer Küche, herrscht Rauchverbot, übrigens, das sollte mal gesagt sein … und wer sich nicht dran hält, ist ganz flink futschikato. Und: Ja, sagt Derbert, und zwar herrscht es ganz gewaltig, das und dieses Verbot – auch und obwohl und gerade weil der Rauchmelder kapuczinski ist. Soll heißen, in unserem ganzen Haus ist, so oder so, das Rauchen nicht gestattet. – Weil, sagt Karün, die Gesundheit, die Lebensqualität – und bitte immer an die Kinder denken! – Genau, sagt Kussnelda, an mich denkt mal wieder keiner, und Annotoll, der kleine Annotoll, sagt nichts, er brüllt nur wieder los.

Mal halblang, sagt der kleine Mann, und: Vorschlag zur Güte, sagt er: Eine Hand wäscht die andere – ich mache hier die Krümel weg, dafür darf ich dann rauchen.

Das eine, sagt Karün, hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun, überhaupt nichts – wo ist denn da die Logik? Und außerdem … und außerdem, sagt Derbert, platzt mir jetzt gleich die Hutschnur und reißt mir der Geduldsfaden. Ich ziehe dem Ding den Stecker, dann werden wir ja sehn, wer hier am längren Hebel sitzt – sagt’s und greift nach dem Kabel, das den großen, verchromten Kasten mit der Wand verbindet.

Der kleine Zimmermann gähnt. Er zieht den Zauberstab aus der Bademanteltasche, und er schwenkt ihn, wie einer, der übersatt versuchte, eine gleichfalls übersatte Fliege zu verscheuchen, er schwenkt ihn, und er schwenkt den Stab gelassen in Richtung der Familie Flickwerck.

Kein Laut. Kein Knall. Kein Schrei. Die Familie ist weg, einfach weg (zu sehn ist sie nicht). Zu sehn ist die Katze Käsimir. Sie kaut an einem Strohhalm.

(sieben minus vier)

eine Verortung

Vor den ein, zwei, drei, vier Schirmen im Labor sagt A. zu B.: Wie lange sie das wohl noch machen? Wie lange das so weitergehen soll … man fragt sich ja … das ist ja schon die Frage: Jetzt, mittlerweile (A. sieht auf sein Clipboard), … mittlerweile steht es vierzehn zu null für Modul 2 – ob sich da noch was ändert, irgendwas? Und B. sagt zu A.: Da wird sich kaum noch etwas ändern. Da ändert sich nichts. Die lernen und lernen und lernen nicht dazu. Dem Modul 1 geht Lernen total ab, das ist komplett erfahrungsresistent. Trotzdem und dennoch müssen wir natürlich die Anordnung einige weitere Dutzend Male ablaufen lassen oder einige Dutzend hundert Male – so will’s die Wissenschaft, der Redundanz und Repetierbarkeit wegen (denn zu erkennen ist es nicht). Aber dabei sein und dem Elend zusehn, das müssen wir nicht – wozu die Technik und dann alles selber tun? – das lassen wir jetzt einfach mal schön den Autopiloten machen, und dann zeichnen wir das auf, und weicht doch etwas ab, dann werden wir ja angepingt, sowieso. Das genügt. Das muss genügen.

A. und B. stehen auf, verlassen das Labor, und sie gehen in die Kantine. Die Kantine ist leer; sie sind außerhalb der gängigen Zeiten dort. Auch die Warmhaltebehälter sind leer und leer die Vitrinen (nur eine Brotspinne ist zu sehn). Sie gehn zur Kasse, und B. sagt oder A. sagt: Gibt es hier nichts? Gar nichts? Wir haben Hunger. Warum gibt es hier denn nichts? Ist doch offen.

An der Kasse, unter dem rot-weiß gestreiften Papierhütchen sitzt der Kopf der Katze Käsimir. Er sagt: Fürs Fressen anderer bin ich nicht verantwortlich, bin verantwortlich allein fürs eigene Fressen und für die Fressensnachbereitung im allgemeinen. Sagt’s und grinst, als hätte sie den Kanarienvogel verputzt.

Kein Laut. Kein Knall. Kein Schrei. Die Wissenschaftler sind weg, einfach weg (zu sehn sind sie nicht). Zu sehn ist die Katze Käsimir. Sie kaut an einem Strohhalm. (Ob der eine Farbe hat? Wir haben vergessen, hinzusehn.)

(vier mal vier geteilt durch vier)

eine Verantwortung

Wenn eine Katze grummelt, und keiner hat sich das Grummelkatzenvideo angesehn, hat die Katze dann wirklich gegrummelt, und wer war für das Grummeln verantwortlich? – Erörtere.

Bei der Grummeligkeit einer Katze handelt es sich um eine Befindlichkeit, die durch verschiedene Umstände hervorgerufen werden kann, beispielsweise den Gemütszustand, die Umgebung oder die Gesundheit des Tiers. Ein Video kann bildlich belegen, dass eine Katze grummelte oder gegrummelt hat, doch ist dies nur eines unter mehreren Nachweisverfahren, denn auch wie eine Katze sich verhält und mit anderen umgeht, lässt Rückschlüsse auf ihre Gestimmtheit zu. Fehlen jedoch für den geistigen Zustand einer Katze Belege bildlicher oder anderer Art, dann lässt sich mit Sicherheit nicht beziehungsweise dann lässt sich nicht sicher sagen, ob die Katze grummelte oder gegrummelt hat oder gegrummelt haben wird. Existieren solche Belege, etwa in Form eines Videos, doch ist dieses Video, obzwar es aufgezeichnet wurde, ungesehen geblieben, dann lässt sich zwar nicht mit Sicherheit sagen, doch lässt sich mit einem gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Katze, da niemand ihr Video ansehn mag oder mochte, dass also die Katze dieserhalb und desterwegen ganz erheblich grummelte, grummelt und weiter grummeln wird.

Martin Bartholmy ist freier Schriftsteller und lebt in Washington, D. C. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 23./24./25. Dezember 2023 die Stefanitagserzählung »Gestern in der Vergangenheit«

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