Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Gegründet 1947 Sa. / So., 24. / 25. Februar 2024, Nr. 47
Die junge Welt wird von 2767 GenossInnen herausgegeben
Die erste App mit KI - Jetzt bestellen! Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Aus: Ausgabe vom 30.12.2023, Seite 8 / Inland
Tödliche Staatsgewalt

»Aber es wurde einfach keiner vorgelassen«

Baden-Württemberg: Nach tödlichem Polizeieinsatz in Mannheim erhebt Familie schwere Vorwürfe. Ein Gespräch mit Gökay Akbulut
Interview: Kristian Stemmler
Mahnwache_nach_toedl_80488580.jpg

In Mannheim ist vor einer Woche der psychisch erkrankte Ertekin Ö. auf der Straße von Polizisten erschossen worden. Das Verhalten der drei beteiligten Beamten steht in der Kritik. Wie bewerten Sie als Abgeordnete des Wahlkreises Mannheim den Fall?

Es gibt eine Reihe von Fragen, die sich aus den Videos vom Geschehen ergeben. Zu sehen ist, dass Ertekin Ö. nicht aggressiv auf die Polizisten zuläuft, sondern eher hin- und hertorkelt, ein paar Schritte vor, ein paar zurück. Daraus ergibt sich die Frage, warum er nicht anders überwältigt werden konnte, etwa mit Pfefferspray, dem Schlagstock oder mit einem Schuss in Arm oder Bein. Dass man aus dieser Entfernung keinen einzigen Schuss in die unteren Extremitäten hinbekommt, das ist für mich nicht nachvollziehbar. Es stellt sich auch die Frage, ob Leib und Leben der Polizisten wirklich bedroht waren. Auf den Videos ist das so nicht zu erkennen. Er wird mit vier Schüssen niedergestreckt, dann dreht man ihn noch um, während er schwerverletzt auf der Fahrbahn liegt, legt ihm sogar noch Handschellen an. Das alles vor den Augen der ganzen Familie und der Freunde – das ist schlimm.

Ertekin Ö. hatte selbst die Polizei gerufen. Was wissen Sie über die Vorgeschichte?

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass er sich mit dem Messer selbst verletzt hatte, bevor die Polizei kam. Er war mehrfach in den Keller seines Hauses gegangen und wieder herausgekommen, wie die Familie geschildert hat. Er war also in einem psychischen Ausnahmezustand, war verwirrt und suizidgefährdet. Eine unmittelbare Gefahr für andere ging von ihm erst einmal nicht aus.

Die Familie wirft der Polizei vor, man habe niemandem zu ihm gelassen.

Der Vorgang sorgt auch für Schlagzeilen in den türkischen Medien. Dort hat die Mutter berichtet, dass die Angehörigen die Polizei regelrecht angefleht hatten, dass die Mutter und auch die Schwester zu ihm wollten. In der Vergangenheit war es immer wieder gelungen, ihn zu beruhigen. Dann hat man noch einen Onkel herbeigerufen, eine Respektsperson, auf die Ertekin Ö. immer gehört hatte. Aber es wurde einfach keiner vorgelassen. In so einer Ausnahmesituation können Angehörige eine große Hilfe sein. Die Mutter meinte, dass sie, als er auf der Straße hin und her ging, ein- oder zweimal guten Augenkontakt mit ihm hatte, und nah dran war, auf ihn einwirken zu können. Ihr Vorwurf: Hätten sie mich durchgelassen zu ihm, hätte das Ganze nicht so geendet.

Immer wieder sterben Menschen in psychischen Ausnahmesituationen bei Polizeieinsätzen. In Mannheim gab es am 2. Mai 2022 einen ganz ähnlichen Fall, als zwei Beamte in der Innenstadt einen psychisch erkrankten Mann bei der Festnahme töteten. Gibt es ein – strukturelles – Problem im Umgang mit solchen Menschen?

Auf jeden Fall. Die Polizei hat aber auch ein Rassismusproblem. Hätte der Betroffene Meyer, Müller oder Schröder geheißen, wäre die Sache vielleicht anders gelaufen, dann hätten die Beamten vielleicht nicht so reagiert. Auch das Opfer im Mai 2022 hatte keinen deutschen Nachnamen. Es gibt solche Fälle auch in anderen Städten, aber Mannheim hat in dieser Hinsicht offenbar ein besonderes Problem.

Glauben Sie, dass die Polizei im aktuellen Fall neutral ermitteln wird?

Das glaube ich nicht, nach internationalen Studien zur Aufklärung von Polizeigewalt gibt es nur in einem Bruchteil der Fälle ernsthafte Konsequenzen. Beamte werden in der Regel suspendiert, bis der Fall abgeschlossen ist, und dann vielleicht versetzt.

Was muss aus Ihrer Sicht bei der Polizei anders laufen?

Wichtig ist, dass sich in der Ausbildung etwas ändert. Vor allem, dass beim Umgang mit psychisch Kranken nicht gleich geschossen wird. Auch was die interkulturelle Öffnung angeht, muss sich was tun. Die Linke fordert seit langem eine Polizeistudie zum Umgang mit Rassismus. Einzelne Bundesländer haben solche Studien initiiert, aber wir fordern, dass sie von unabhängigen Stellen vorgenommen werden.

Gökay Akbulut ist Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke für den Wahlkreis Mannheim

Aktionspreis: Ein Monat für Sechs Euro

Schließen Sie jetzt das Onlineaktionsabo der Tageszeitung junge Welt zum unschlagbaren Preis von 6 Euro für einen Monat ab! Erhalten Sie die Onlineausgabe schon am Abend vorher auf jungewelt.de, als Fließtext oder als App.

Regio:

Mehr aus: Inland

Hier geht es zur neuen jungen Welt-App!