Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Gegründet 1947 Sa. / So., 24. / 25. Februar 2024, Nr. 47
Die junge Welt wird von 2767 GenossInnen herausgegeben
Die erste App mit KI - Jetzt bestellen! Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Aus: Ausgabe vom 09.12.2023, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Siedlerkolonialismus als Quelle der Moderne

Der australische Historiker Patrick Wolfe (1949–2017) erforschte den Siedlerkolonialismus. Auszug aus einem 2006 veröffentlichten Text
imago0148306650h.jpg
Kein Widerspruch: Auch in der kapitalistischen Moderne gibt es Sklavenarbeit (Baumwollplantage im Süden der USA, undatierte Aufnahme)

Obwohl es eindeutig der Fall ist (…), dass Tempo, Ausmaß und Intensität bestimmter Formen des modernen Völkermords die zentralisierten technologischen, logistischen und administrativen Kapazitäten des modernen Staates erfordern, bedeutet dies nicht, dass Siedlerkolonialismus als vormodern (oder weniger als modern) betrachtet werden sollten. Wie eine Reihe von Denkern – darunter in diesem Zusammenhang W. E. B. Dubois, Hannah Arendt und Aimé Césaire – argumentiert haben, wurden vielmehr einige der Kernmerkmale der Moderne in den Kolonien entwickelt. Es ist ein Gemeinplatz, dass der Holocaust die instrumentellen, technologischen und bürokratischen Bestandteile der westlichen Moderne zusammenführte. Trotz der geschichtswissenschaftlichen Energie, die dem Holocaust bereits gewidmet wurde, bleibt dessen Herkunftsfeld, das dem Historiker zur Verfügung steht, scheinbar unerschöpflich. So wurden wir kürzlich darüber informiert, dass zu seinen historischen Inhaltsstoffen die Guillotine und – für die industrielle Verarbeitung menschlicher Körper – die Techniken der Chicagoer Viehhöfe gehörten. Doch das Bild des leidenschaftslosen völkermor­denden Technokraten, das der Holocaust hervorbrachte, ist keineswegs die ganze Geschichte. Vielmehr wurde, wie Dieter Pohl, Jürgen Zimmerer und andere hervorgehoben haben, eine beträchtliche Anzahl von Opfern der Nazis, darunter auch Juden sowie Sinti und Roma, nicht in Lagern ermordet, sondern in wahnwitzigen Erschießungsaktionen, die eher an das Verhalten der Spanier in Amerika im sechzehnten Jahrhundert als an den Fordismus erinnerten, während Millionen slawischer Zivilisten und sowjetischer Soldaten einfach verhungerten, und zwar unter Umständen, die auch auf Menschen in Bengalen Ende des 18. oder auf Iren Mitte des 19. Jahrhunderts zutrafen. Damit soll nicht nahegelegt werden, dass der Holocaust in, sagen wir, moderne und vorzeitliche Elemente unterteilt werden kann. Es geht darum, die Modernität des Kolonialismus zu betonen.

Der Siedlerkolonialismus war grundlegend für die Moderne. Die endlosen Appelle der Grenzlandbewohner nach staatlichem Schutz setzten nicht nur eine Gemeinsamkeit zwischen dem privaten und dem offiziellen Bereich voraus. In den meisten Fällen (…) setzte dies auch eine globale Befehlskette voraus, die die entlegenen kolonialen Grenzgebiete mit der Metropole verband. Hinter allem steckte der treibende Motor der internationalen Marktkräfte, die die australische Wolle mit den Mühlen in Yorkshire und ergänzend dazu mit der unter anderen kolonialen Bedingungen in Indien, Ägypten und den Sklavenstaaten des Südens der USA produzierten Baumwolle verbanden. (…) Die industrielle Revolution, die im öffentlichen Bewusstsein fälschlicherweise als einheimische, großstädtische Erscheinung dargestellt wird, benötigte koloniales Land und Arbeitskräfte, um ihre Rohstoffe genauso zentral zu produzieren, wie es die großstädtischen Fabriken und ein Industrieproletariat benötigten, um sie zu verarbeiten, woraufhin wiederum die Kolonien als Markt benötigt wurden. Der enteignete Aborigine, der versklavte afrikanische Amerikaner oder der versklavte Asiate sind ebenso durch und durch modern wie der Fabrikarbeiter, der Bürokrat oder der Flaneur der Großstadt. (…)

Die Moderne allein kann jedoch nicht die unersättliche Dynamik erklären, mit der Siedlerkolonialismus immer mehr Land benötigt. Die Antwort, die einem am ehesten in den Sinn kommt, ist die Landwirtschaft, obwohl sie nicht unbedingt die einzige ist. Die gesamte Palette der Primärsektoren kann das Projekt motivieren. Neben der Landwirtschaft sollten wir daher auch an die Forstwirtschaft, die Fischerei, die Viehzucht und den Bergbau denken (der letzte Strohhalm für die Cherokee war die Entdeckung von Gold auf ihrem Land). Mit Ausnahme der Landwirtschaft (und bei einigen Völkern auch der Weidewirtschaft) ist jedoch keines dieser Elemente für sich genommen ausreichend. Holz oder Gold kann man nicht essen; Fischfang für den Weltmarkt benötigt Konservenfabriken. Außerdem ziehen Bergleute früher oder später weiter, während Wälder und Fische aufgebraucht sind oder bewirtschaftet werden müssen. Landwirtschaft unterstützt nicht nur die anderen Sektoren. Sie ist von Natur aus sesshaft und daher von Dauer. Im Gegensatz zur Naturressourcen nutzenden Industrie, die sich auf das stützt, was zufällig da ist, ist die Landwirtschaft eine rationale Mittel-Zweck-Kalkulation, die darauf ausgerichtet ist, ihre eigene Reproduktion zu gewährleisten, indem sie Kapital erzeugt, das für eine Zukunft geplant wird, in der es sich wiederholt (daher die Furcht des Landwirts, auf den Verzehr des Saatguts reduziert zu werden).

Patrick Wolfe: Settler colonialism and the ­elimination of the ­natives (Siedlerkolonialismus und die Vernichtung der Ureinwohner). In: Journal of Genocide Research, Heft 4/2006, Seiten 387–409

Übersetzung aus dem Englischen: Arnold Schölzel

Aktionspreis: Ein Monat für Sechs Euro

Schließen Sie jetzt das Onlineaktionsabo der Tageszeitung junge Welt zum unschlagbaren Preis von 6 Euro für einen Monat ab! Erhalten Sie die Onlineausgabe schon am Abend vorher auf jungewelt.de, als Fließtext oder als App.

Ähnliche:

  • Die Erzählung vom »Hunger-Genozid« gegen die ukrainische Bevölke...
    02.12.2022

    Mit Melnyk im Plenarsaal

    Der »Holodomor«-Beschluss des Bundestages. Über die Hintergründe einer interessengeleiteten historischen Erzählung

Mehr aus: Wochenendbeilage

Hier geht es zur neuen jungen Welt-App!