Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Gegründet 1947 Montag, 4. März 2024, Nr. 54
Die junge Welt wird von 2767 GenossInnen herausgegeben
Die erste App mit KI - Jetzt bestellen! Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Die erste App mit KI - Jetzt bestellen!
Aus: Ausgabe vom 08.12.2023, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Scherze von der Tanke

Wolfgang Petry hat sein Weihnachtsalbum draußen
Von Michael Sommer
Albumveroeffentlichu_79904730.jpg
Holy shit shopping: Dein Kumpel fürs Fest

Weihnachten ist das Fest, um sich ehrlich zu machen. Like it or not? Ja sagen zu Weihnachten heißt ja sagen zu Braten, zu reichlich Rotwein zum Mittagessen, dem überheizten elterlichen Wohnzimmer und dem Ritual des Schenkens und Beschenktwerdens mit allen Verlegenheiten. Aber es ist auch ein Ja zu lang vermisster familiärer Nähe. Und klar gibt es ganz viele Konstellationen, in denen das Fest anders und überhaupt nicht weniger schön oder weniger belastend ablaufen kann. Am besten, wenn alles kann und nichts muss.

Der Marxist weiß freilich, dass das eigentliche Fest in den Wochen vor Heiligabend stattfindet, auch wenn der Einzelhandel wie jedes Jahr über zuwenig verkaufsoffene Sonntage klagt. Heiliger als die Familie ist der Konsum. Holy shit shopping.

Auch Musiker und ihre Plattenfirmen können da nicht abseits stehen, seit ihnen die Streamingdienste wie im Plattformkapitalismus üblich für wenig Aufwand viel von dem Ertrag für ihre Musik wegnehmen. Im Produkt Weihnachtsalbum offenbart die Popmusik ihr Wesen: maximale Künstlichkeit, gepaart mit höchster Kommerzialität. Do they know it’s Christmas? Jetzt schon.

Wolfgang Petry und Sony Music legen uns »Immer wenn es schneit« unter die Tanne. Zwölf anstandslos hingerockte Stücke Weihnachtsglück auf Glühwein, nur echt ohne Komma im Titel. Wolfgang Petry, ehemaliger Public-interest-Rocker mit den unzähligen Freundschaftsarmbändern, hat – »Hölle! Hölle! Hölle!« – irgendwann die Kurve gekriegt und seitdem mehr oder weniger ernsthaft versucht, ernsthafte Musik zu machen. Jetzt also »Schneeflöckchen, Weißröckchen« und »Merry Christmas« als Poprockschlager.

Solche eine Platte mit Coversongs und Eigenkompositionen darf man überflüssig oder peinlich finden, wäre da nicht dieser dicke Klumpen Kumpelhaftigkeit, den Petry vor sich herrollt. Und der einem im Hals stecken bleiben soll, sobald man anfängt, böse Worte über ihn zu schreiben. Schon allein wie er »Schneeflöckschen« singt – er is halt ene Kölsche Jung –, rührt an.

Hat man den Einstieg »Immer wenn es schneit«, einen genretypischen Elektropopschlager, erst mal überstanden, hat Petry mit »Merry Christmas« und »Nikolaus ist da« sogar zwei recht saftige Boogie-Woogie-Nummern zu bieten. Besonders »Nikolaus ist da« erinnert daran, dass der Sänger aus der Rockecke kommt. Die Gitarren (René Lipps) bratzen rhythmisch, die Dosenbläser fetzen, dazu ein Honky-Tonk-Piano – da kommt tatsächlich Stimmung auf.

Die dann folgende Ballade »Das muss die Liebe sein« ist allerdings eher Ü-70-Material – oder auch einfach nur wirklich schlimm. So wie Petrys angerockte, aber mit schrecklichen Korg-Sounds überzuckerte Version von »Gloria in Excelsis Deo«. Der ganze christliche Schmus gehört offenbar zu Weihnachten wie die Hand des Priesters auf den Schultern seiner Schäfchen.

Es wird auch erst mal nicht besser: »Freue dich, Welt« skippt man besser oder schenkt der versammelten Bande Glühwein nach. Derart angesäuselt lässt sich Wolfgang Petrys Interpretation von Leonard Cohens »Hallelujah« hinnehmen. »You don’t really care for music, do ya?« Okay, dieses Fenster haben schon ganz andere eingeschmissen. Wie Petry hier allerdings eine der schwierigsten Gesangspassagen der Popgeschichte wegröhrt, verdient Respekt.

Mit genügend Promille kann es an einigen Stellen eventuell auch witzig werden. So malochermäßig witzig. »Der Metzger will nach Haus / Der Bäcker kann schon nicht mehr stehn / Den Müll ausgeleert, die Schwiegermutter übersehn …« Solche Scherze von der Tanke hat er einige drauf: »Der Nikolaus ist längst schon fort / mit der Mama durchgebrannt.« Und da haben wir den Song »Der Nikolaus trägt Badehose« über Weihnachten unter der Sonne noch gar nicht gehört. Einer geht noch, oder? »An den Palmen hängt Lametta / Kokosnüsse statt Korinthen / Keine Mäntel, keine Mützen, / jeder hat hier einen sitzen.«

Im Prignitzer Heimatdorf meiner Liebsten gab es für den Weihnachtsmann bei jedem Stopp einen Schnaps. Wenn er im Haus Dorfstraße 26 ankam, war der Sack (fast) leer und der Mann voll. Oder war es umgekehrt?

Wolfgang Petry: »Immer wenn es schneit« (Sony Music)

Aktionspreis: Ein Monat für Sechs Euro

Schließen Sie jetzt das Onlineaktionsabo der Tageszeitung junge Welt zum unschlagbaren Preis von 6 Euro für einen Monat ab! Erhalten Sie die Onlineausgabe schon am Abend vorher auf jungewelt.de, als Fließtext oder als App.

  • Leserbrief von Diethard Wehn aus Landau (8. Dezember 2023 um 09:13 Uhr)
    Lieber Michael Sommer, ich habe keine Ahnung, wann Sie das Licht der Welt erblickt haben. Aber in Ihrem Artikel stimmt zumindest eine Perspektive nicht: »Die dann folgende Ballade ›Das muss die Liebe sein‹ ist allerdings eher Ü-70-Material – oder auch einfach nur wirklich schlimm.« Ü-70-Material? Die heutigen Ü-70er sind entweder mit dem Rock ’n’ Roll der 50er oder mit der Beat-Musik der 60er großgeworden, haben nicht »Das muss die Liebe sein« gehört, sondern gestritten, ob nun die Beatles oder die Stones die »größere« Band sind, haben dem englischen Abendprogramm von Radio Luxemburg gelauscht oder gleich den »Piratensendern« wie Radio Caroline. Klar – es gibt auch die Schnulzen- und Schlagerfraktion, aber die gibt es doch Unter-70 auch, oder? Also bitte – retten Sie die Ehre der Ü-70er! Freundliche Grüße aus der Südpfalz Diethard Wehn (71, Beatles-Fan).

Mehr aus: Feuilleton

Hier geht es zur neuen jungen Welt-App!