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Aus: Ausgabe vom 07.12.2023, Seite 16 / Sport
Staatsfeind Fußballfan

Fans im Feuerschein

Innenministerkonferenz: »Fußballrandale« wohl Thema bei »vertraulichem Kamingespräch«. Fanhelfer fordern weniger Polizeipräsenz in Stadien
Von Oliver Rast
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Lebendige Hertha-Fankultur im Ostseestadion: Uniformer Stoßtrupp im Startblock (Rostock, 5.11.2023)

Es wirkt wie eine Mobilmachung gegen Fans. Zahlreiche Innenpolitiker, Medienleute und Polizeigewerkschafter verlangen eine »härtere Gangart« gegen die aktive Anhängerschar in den Kurven. »Fangewalt« müsse aufs Tapet der Innenministerkonferenz (IMK). Wie passend: Die turnusgemäße Runde findet seit Mittwoch statt, endet am Freitag. Ausrichter in diesem Jahr ist der Berliner Innensenat.

Bereits am Dienstag gab Jochen Kopelke den Stichwortgeber. Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) verkündete via Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): »Wir fordern die IMK auf, die dramatische Entwicklung der Gewalt durch Ultragruppierungen in einem gesonderten Tagesordnungspunkt zu beraten.« Ferner sei ein gemeinsames Vorgehen gegen aggressive Ultras festzulegen, um die angeblich geplante »Hasskampagne gegen Polizisten« zu beenden. Mehr noch: »Präventivhaft« für »Fußballkriminelle« hatte sich jüngst der »Lautsprecher« der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, gewünscht. Offenbar unabgestimmt mit seinem Vize. »Die Aussage polarisiert und provoziert natürlich«, so Erich Rettinghaus Ende November gegenüber jW.

Bloß, was steht auf der Tagesordnung der IMK? Verschlusssache, »nicht öffentlich«, sagte eine Sprecherin des Innensenats am Mittwoch auf jW-Nachfrage. Immerhin soviel ließ sie sich dann doch entlocken: »Fangewalt« sei kein spezieller Tagesordnungspunkt. Möglich wäre es aber, dass sich die Ressortchefs während des »vertraulichen Kamingesprächs« in den Abendstunden des Auftakttages darüber austauschten.

Vom Plausch im Feuerschein abgesehen: Es finde aktuell allseits ein Überbietungswettbewerb statt, beklagte Fanforscher Harald Lange am Mittwoch im jW-Telefonat. »Das heizt den Machtkampf zwischen Polizei und Fans weiter an.« In dieser Situation versuchten die Behörden, ihr Gewaltmonopol zu markieren. »Große Teile der aktiven Fanszenen werden dabei in Misskredit gebracht, bisweilen kriminalisiert«, kritisiert Lange. Der Dachverband der Fanhilfen kennt das aus dem EffEff. Im Wochentakt würden Fußballfans »brutal und rücksichtslos« von Einsatzkräften attackiert, betonte unlängst Vorstandsmitglied Linda Röttig gegenüber jW. Allein in dieser Saison haben Fanhelfer in den drei Profiligen 16 »überzogene Polizeieinsätze« dokumentiert.

Und die sollen Hardlinern aus der »Anti-Fan-Fraktion« zufolge künftig die Vereine bezahlen. Eine »unsägliche Forderung«, findet Fanforscher Lange. Damit werde öffentlich Druck auf Klubführungen erzeugt, »der wiederum an die Fans weitergegeben werden soll«. Ein plumpes Manöver. Nicht nur das. Vereine bzw. deren Profiabteilungen dürften bereits zu den größten Nettozahlern städtischer Stadien gehören. Die saisonalen Mietkosten betragen in der Regel Millionen Euro.

Was meinen Sportpolitiker aus dem Bundestag zum Clinch unweit des Geläufs? Einiges. Etwa Stephan Mayer, Ressortsprecher der Union: Es sei inakzeptabel, »auf polizeiliches Einschreiten aus Furcht vor Zuspitzungen zu verzichten«. Der Staat dürfe hier nicht ängstlich zurückweichen, betonte der CSU-Innenexperte am Mittwoch auf jW-Anfrage. Etwas vorsichtiger reagierte der sportpolitische Sprecher der Freien Demokraten, Philipp Hartewig, gegenüber dieser Zeitung. Deeskalierende Einsatztaktiken seien oft erfolgreicher als der »Vorschlaghammer«. Aber klar, »Gewalt sogenannter Fans besonders gegen Polizisten ist keinesfalls zu tolerieren«. André Hahn von Die Linke setzt trotz Skepsis auf »mehr Dialog mit Fanszenen« – und eine befriedete Lage rund um das weite Rund.

Eher ungläubig ist auch Gloria Holborn-Wilck. »Wir stellen ein stark erhöhtes Interesse seitens der Polizei fest, Konfliktsituationen gewalttätig zuzuspitzen«, sagte die Anwältin der Fanhilfe Hertha BSC am Mittwoch im jW-Gespräch. Und das, obwohl Statistiken zeigten, dass Fußballspiele immer friedlicher würden, ohnehin deutlich friedfertiger seien als Rummelplätze, sekundierte ein Sprecher der Fanhilfe Münster. Gretchenfrage: Wer stoppt die Eskalationsspirale? Die Münsteraner kennen ein probates Mittel. »Weniger Polizeipräsenz führt erfahrungsgemäß zu weniger Konflikten am Spieltag.« Kurzum, polizeifreie Kicks auf den Merkzettel des IMK-Kamingesprächs.

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