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Aus: Ausgabe vom 06.12.2023, Seite 2 / Ausland
Palästina-Bewegung in den USA

»Es ist eine Solidarität der Unterdrückten«

USA: Antizionistische Proteste bringen jüdische, muslimische und schwarze Communitys zusammen. Ein Gespräch mit Lilah Saber
Interview: Marko Dejanovic
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»Lasst Gaza leben«: Großdemonstration in New York für einen sofortigen Waffenstillstand im Gazastreifen (26.11.2023)

Sie sind seit geraumer Zeit in der Palästina-Solidarität aktiv. In den vergangenen Wochen fanden in mehreren Großstädten der USA teils große Proteste statt. Welche Gruppen organisieren diese?

Einfache Protestmärsche werden von muslimischen Gemeinden und zivilen Gruppen wie der Philadelphia Palestine Coalition organisiert. Es gibt nur wenige linke Aktivisten, darunter die Party for Socialism and Liberation, PSL, und die Democratic Socialists of America, DSA. Die JVP (Jewish Voice for Peace, jW) zählt zu den radikalsten Gruppen. Wir haben beispielsweise 300 Menschen mobilisiert, um das Kapitol in Washington, D. C., stundenlang zu blockieren. Die jungen antizionistischen Jüdinnen und Juden hier fürchten sich nicht vor Festnahmen und staatlicher Repression.

Für welche Forderungen gehen Sie und die anderen Protestierenden mit Blick auf den Krieg in Gaza auf die Straße?

Unsere Hauptlosung bleibt der Waffenstillstand, da sie in den Medien nicht negativ dargestellt werden kann. Diese klare Losung gewinnt viel Sympathie, auch bei jüdischen Mitbürgern, die ebenfalls skeptisch gegenüber Israel sind. Eine neue Entwicklung ist, dass sich zwei der größten Gewerkschaften, die der Auto- und die der Postarbeiter, öffentlich für einen Waffenstillstand aussprachen. Immer mehr Gewerkschaftsmitglieder rufen jetzt sogar nach politischen Streiks, um ihren Forderungen Taten folgen zu lassen. Schon allein die klaren Worte waren ein historischer Schritt in der Geschichte der amerikanischen Gewerkschaften.

Mitunter zogen Demonstranten direkt vor die Zentrale der Demokratischen Partei von Präsident Joseph Biden. Wie lief diese Aktion ab?

Am 15. November hatten sich während einer Veranstaltung des Demokratischen Kongresskomitees etwa 200 Leute, hauptsächlich Mitglieder von JVP, versammelt, um fast alle Eingänge zu blockieren und mit den Politikern ins Gespräch zu kommen. Man wollte mit Kerzen eine Trauerstimmung erzeugen. Die Polizei zeigte sich gegenüber unseren Forderungen gleichgültig, viele von uns wurden krankenhausreif geschlagen.

Welche Klassen und sozialen Strukturen sind durch die Protestierenden repräsentiert?

In Philadelphia habe ich den Eindruck, dass die Protestierenden hauptsächlich aus der Mittelschicht stammen, darunter viele Studenten und gebildete Fachleute. Die arabische Community hat in der Vergangenheit Solidarität mit der »Black Lives Matter«-Bewegung gezeigt, weshalb nun auch viele Schwarze auf seiten der Palästinenser stehen. Es ist eine Solidarität der Unterdrückten. Die meisten Teilnehmer auf der Straße sind nicht älter als 30 Jahre.

Sie engagieren sich ebenfalls für interreligiöse Sozialarbeit. Was können Sie darüber sagen?

Ich arbeite intensiv mit religiösen Organisationen zusammen, darunter sind sowohl muslimische als auch jüdische Vereine. Die Verbindung zur Solidarität mit Palästina war unvermeidlich, da immer mehr junge amerikanische Juden kritisch gegenüber der zionistischen Idee eingestellt sind und sich dagegen organisieren möchten. Wir arbeiten mit antizionistischen Rabbinern, über die der Kontakt zur JVP entstand. Bei muslimischen und arabischen Mitbürgern gestaltet sich der Zugang schwieriger. Seit dem 11. September 2001 haben arabische Mitbürger, inklusive mir und meiner Familie, mit staatlicher Repression zu kämpfen. Angriffe und Ausgrenzung an der Schule und im Alltag waren keine Seltenheit. Viele Araber und Muslime wurden so entpolitisiert.

Hier in Deutschland haben wir das Phänomen von Zionisten, die sich als links bezeichnen. Sind Ihnen vergleichbare Gruppierungen in der Vereinigten Staaten bekannt?

In den USA gibt es das nicht. Wir Linken stehen solidarisch an der Seite der Unterdrückten, einschließlich der Palästinenser. Allerdings wird vielen jüdischen Aktivisten der »Jewish Voice for Peace« vorgeworfen, »Fake-Juden« zu sein. Im Gegensatz zu den zionistischen Juden erkennen aber die jungen Mitglieder von JVP, dass die zionistische Haltung ihrer Eltern im Grunde genommen auf einem Generationstrauma basiert und nicht einer politischen Analyse entspringt.

Lilah Saber organisiert palästinasolidarische Proteste und arbeitet für die interreligiöse Organisation »Power« in Philadelphia

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