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Aus: Ausgabe vom 02.12.2023, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mob und Kolonialstaat

Der australische Historiker Patrick Wolfe (1949–2017) erforschte den Siedlerkolonialismus. Auszug aus einem 2006 veröffentlichten Text
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Israelis rücken Ende der 1940er Jahre in der ­Wüste Negev nach Ägypten vor

Die mörderischen Aktivitäten des Grenzlandpöbels sind nicht vom Kolonialstaat getrennt oder laufen ihm zuwider, sie sind vielmehr dessen grundlegendes Mittel der Expansion. Die Taten fanden »hinter dem Schirm des Grenzlands statt und infolgedessen wurden – nachdem sich der Staub gelegt hatte – die irregulären Handlungen legalisiert und die Siedlungsgrenzen der Weißen erweitert. Es ist bezeichnend, dass Beamte die Gesetzlosigkeit dieses Prozesses bedauern und sich gleichzeitig mit seiner Unvermeidbarkeit abfinden« (Patrick Wolfe: Die Grenzen des Besitzanspruchs der Indigenen. In: Meanjin, Januar 2000, Seite 144). In diesem Licht sind wir in der Lage, die Pragmatik der »Entdeckungs«doktrin besser zu verstehen. Als Behauptung eines indigenen Anspruchs verstanden, löst sich die Unterscheidung zwischen Herrschaft und Besitz in Zusammenhanglosigkeit auf. Versteht man die Unterscheidung jedoch prozessual, als ein Stadium in der Bildung des Siedlerkolonialstaates (genauer gesagt als das Stadium, das die Theorie mit der Umsetzung der territorialen Aneignung verbindet), so ist sie nur allzu konsequent. Wie bereits erwähnt, sah das Vorkaufsrecht vor, dass die Eingeborenen ihr Besetzungsrecht an den »entdeckenden« Souverän und an niemanden sonst abtreten konnten. Sie konnten die Herrschaft nicht übertragen, weil sie ihnen nicht zustand; sie gehörte dem europäischen Souverän, und zwar seit dem Moment der »Entdeckung«. Die Herrschaft ohne Eroberung stellt das theoretische (oder »unausgereifte«) Stadium der territorialen Souveränität dar, die nach den Worten des Obersten Richters der USA, John Marshall (1755–1835), »durch den Besitz vollendet werden muss«. Diese zart formulierte »Vollendung« ist genau das, was der Pöbel 1838 in Cherokee New Echota erlangte.

Mit anderen Worten: Das Besetzungsrecht war keine Durchsetzung der Rechte von Indigenen. Es war vielmehr eine pragmatische Anerkennung des tödlichen Zwischenspiels, das zwischen der Einbildung einer »Entdeckung« – dem Zeitpunkt, an dem die Seefahrer die europäische Herrschaft über ganze Kontinente auf Bäumen oder an verlassenen Stränden verkündeten – und der praktischen Verwirklichung dieser Einbildung lag – in der endgültigen Sicherung der europäischen Besiedlung. Sie fand formell in der Auslöschung der Rechte der Eingeborenen ihre Vollendung. So ist es nicht verwunderlich, dass der indigene Anspruch im aus­tralischen Recht kaum durchgesetzt war, als Richter Olney (Kommissar für die Gebiete der Aborigines, jW) die Formel Marshalls wiederholte, wobei Olneys Version der Vollendung im 21. Jahrhundert die »Flut der Geschichte« war, die den Vorwand für sein berüchtigtes Urteil im Fall des Stammes der Yorta Yorta lieferte. Wie bereits erwähnt, setzt sich die Logik der Vernichtung bis in die Gegenwart fort.

Die »Flut der Geschichte« spricht die vollendete Tatsache heilig, indem sie die diplomatischen Nettigkeiten des Völkerrechts gegenüber den eigenständigen Raubüberfällen der Siedlergruppen für ein widerspruchsfreies Vorhaben nutzbar macht, das Individuum und Nationalstaat, Offizielle und Inoffizielle gleichermaßen einbezieht. »Ammana«, die Siedlervorhut der fundamentalistischen Gush-Emunim-Bewegung in Israel, schafft heute jenseits der Grünen Linie im Eiltempo Fakten vor Ort. In dieser Hinsicht halten die Siedler an einer erprobten zionistischen Strategie fest – Israels Kampagne von 1949 zur Eroberung des Negev vor dem bevorstehenden Waffenstillstand trug den Codenamen »Uvda«, hebräisch »Tatsache«. Wie Bernard Avishai über das Land, das er freiwillig verteidigt hatte, klagte, »entstanden die Siedlungen in den Gebieten jenseits der Grünen Linie nach 1967 so mühelos, weil die zionistischen Institutionen, die sie errichteten, und die Gesetze, die sie antrieben, … innerhalb der Grünen Linie schon vor 1967 auf Hochtouren liefen. Sich nur auf die Siedler im Westjordanland zu konzentrieren, diente schon immer der Irreführung.« (Bernard Avishai: »Israel vor sich selbst retten: Eine säkulare Zukunft für den jüdischen Staat« In: Harper’s Magazine, Januar 2005):

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Siedlerkolonialismus ein allumfassendes, landzentriertes Vorhaben ist, das eine umfassende Auswahl von Vermittlungsstellen koordiniert – vom großstädtischen Zentrum bis zum Feldlager im Grenzland – mit dem Ziel, die indigenen Gesellschaften zu beseitigen. Seine Operationen sind nicht von der Anwesenheit oder Abwesenheit formeller staatlicher Institutionen oder Funktionäre abhängig. Dementsprechend – um auf das Thema Völkermord sprechen zu kommen – hängen die Anlässe oder das Ausmaß, in dem der Siedlerkolonialismus zu Völkermord führt, nicht von der An- oder Abwesenheit des formalen Staatsapparats ab.

Patrick Wolfe: Settler colonialism and the ­elimination of the ­natives (Siedlerkolonialismus und die Vernichtung der Ureinwohner). In: Journal of Genocide Research, Heft 4/2006, Seiten 387–409.

Übersetzung aus dem Englischen: Arnold Schölzel

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