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Aus: Ausgabe vom 02.12.2023, Seite 11 / Feuilleton
Film

Vernichtung einer Mythe

»Callas Paris 1958«: Zum 100. Geburtstag der »Diva assoluta« des 20. Jahrhunderts am 2. Dezember 2023
Von Alban Nikolai Herbst
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Glamour der Affirmation: Maria Callas, 1958 in Paris

Was tun mit diesem zum hundertsten Geburtstag der Callas die Kinos flutenden »Callas – Paris 1958« – so aus Boulevardlack gemacht, wie dieser Film ist? Er tut auch dem Genre »Oper« nicht gut, sondern desavouiert es. Dabei hat ganz dasselbe Team fünf Jahre zuvor mit »Maria by Callas« einen Film geschaffen, der dieser Frau ergreifend nahekommt, indem er Archivmaterialien so kunstvoll montiert, dass es uns nicht eine Minute lang loslässt. Welch Glücksfall, dass 3sat ihn am Samstag ausstrahlen wird! Besser also, statt für den neuen Film im Kino zu zahlen, sich den kaum älteren im Fernsehen anzuschauen. Vor der großen Leinwand wären Sie nämlich entsetzt, zumindest peinlich berührt ob dieser fast schon Puppe, als die sich die Callas da gibt – abgesehen davon, dass die Dokumentarfetzen etwa von ihrer Ankunft, aber auch von den Auftritten seinerzeitiger High Society vor affiger Lächerlichkeit nur so strotzen und die wenigen Backstageaufnahmen nichts, aber auch gar nichts hergeben. Der im Glamour der »Oberen Zehntausend« gebadete Film wirkt gerade jetzt sogar zynisch, da wir Tag für Tag mit dem Elend des russischen Angriffs auf die Ukraine und in Nahost gegen Juden mit dem Blutrausch der Hamas konfrontiert sind, ja sogar hierzulande der alte Antisemitismus eine grausige Auferstehung erfährt. Dass obendrein der kommentierende Reporter am Flughafen fragt, und wen fragt er denn? Uns? – »Wird sie singen?« onduliert dem kitschigen Hype auch noch Locken.

Aber dann die Callas selbst! Den halben Film lang füllt sie die Leinwand beinahe komplett. Und singt zwar auch – und gut – doch nimmt vor allem immer wieder und auf das affektierteste nicht enden wollende Ovationen eines Publikums entgegen, das, wie sie einmal sagte, sie »gemacht hat«: »What is a legend? The public made me«, sie selbst sei einfach nur ein Mensch. Nur ist der hier nicht zu spüren. Statt dessen steht eine synthetische Figur vor uns, die sich – sei es in Kleidung, sei’s in den Gesten – auf erschreckende Weise an der Mädchenhaftigkeit Audrey Hepburns orientiert hat. Indem sie sich derart selbstgefällig vom Patriarchat tragen lässt, ja wiegen, dabei die Lider wie schamhaft senkend und hebend, versteh ich endlich, über zwanzig Jahre später, was damals meine Gefährtin so aggressiv gemacht hat, sobald sie die Callas nur hörte; Freund Eigner und ich lagen der Stimme zu Füßen. So gesehen allerdings ist dieser zweite Film erhellend. Er dekuvriert die Strukturen des Pops, obwohl es den Begriff noch nicht gab; Adorno sprach von »Kulturindustrie«. Ihr hat sich die Callas gebeugt.

Seit ihrer Kindheit litt sie daran. Nur zeigt der neue Film das nicht; er will ja schließlich Kasse machen … Um Wahrheit ist es Tom Volfs älterem von 2017 zu tun. Ihn haben Ergriffenheit und tiefe Empathie geleitet. Der eine Tragik freilich auch verschweigt: ­Callas hatte zwei Karrieren, deren erste, bis etwa 1955/56, allein ihrer Stimme galt. Da wog sie, bei 1,73 Körpergröße, über 92 Kilo; der Stahl ihres enormen Stimmumfangs von ganzen drei Oktaven brachte ihr den Beinamen »Tigerin« ein. – Callas’ zweite Karriere hingegen war optisch und schuf die Ikone. Innerhalb weniger Monate hungerte Callas sich auf 54 Kilo herunter, was zwar Hugh Hefners Zeitgeschmack entgegenkam, nicht indes der Stimme und auch seinen Teil an Callas’ frühem Tod gehabt haben soll – mit dreiundfünfzig Jahren. Welch grässliche Zahlensymbolik! Schuld sind aber wohl eher die schweren Depressionen gewesen, unter denen Callas so litt. Sie hätte gerne Familie gehabt, Kinder und einen verlässlichen Mann. Das sei, erklärt sie in einem Gespräch, die Bestimmung einer Frau. Und etwas später: »Im Grunde bin ich ein amerikanisches Mädchen, das von einem Prinzen geholt und weit weggebracht werden möchte.« Wie es der Brieffreundin Grace Kelly geschah.

Doch »destiny is destiny, there is no way out.« In ihr Schicksal haben die Callas lange die Mutter, dann der deutlich ältere (und reiche) Ehemann getrieben. Der spätere, ebenfalls um einiges ältere (und reiche) Liebespartner ging nicht viel besser mit ihr um. – Sich emanzipieren aber? Nicht die Spur. Eine mit Schmuck behängte, weibchenhaft lächelnde Diva in Pelz und mit Hündchen, zur Mythe geworden aus Hilflosigkeit. Gegen die allein ihre Arbeitsdiziplin sich stemmte: Sie gebe sich gern intellektuell, »was ich nicht bin. Es war dafür keine Zeit.« So erinnert manches in ihrem späteren Leben an Romy Schneider, nur dass die das Mädchen gab, als sie noch sehr jung war; die Callas tat’s als reife Frau. Und Schneiders Depressionen gründen in ihrer eigenwillig feministischen Haltung, Callas’ Depressionen im Glamour der Affirmation. Dennoch haben beide noch immer ähnliche Wirkkraft.

Wie unbeseelt aber »Callas Paris 1958« ist, zeigt schon die schludrige Machart. Callas’ nach der Hungerkur scharf hervorstechende Nase etwa bewirkt, dass unter Bühnenbeleuchtung meist ein tiefschwarzer Schatten auf dem Amorbogen steht, der – gleichsam ein fehlplazierter Schönheitsfleck – dort wie eine riesige Warze wirkt. Hier wäre dringend zu retuschieren gewesen, wenn der optische Mythos denn Bestand haben soll. Und grotesk im zweiten Teil des Films, komplett Akt II der »Tosca«, dass Tito Gobbis Scarpia eine bucklige Kunstnase aufgepappt ist, als wär dieser Römer von Uderzo gezeichnet – dessen erster »Asterix« aber ein Jahr später erst rauskam. War Gobbi da das Vorbild? – Oder das akustische Remastering: Die Stimmen bestens, das Orchester pappiger Matsch. Der damalige Inszenierungs-, nun ja, »stil« tut das letzte noch hinzu.

All das gibt es in dem zweiten, also dem ersten Film, dem von 2017, nicht. Besonders in einem Interview, für das Fernsehen gedreht, wirkt die Callas stolz und klar. Da ist sie nicht synthetisch Ikone, sondern wahrhaft schön. So möchten wir sie in Erinnerung behalten und werden’s nun auch tun. Sofern Sie ihn sich ansehen, am Samstag, um 20.15 Uhr daheim. Er wird Sie aber traurig machen. Schon weil er gegen Ende – als Handwerk höchste Kunst – ganz wie der Callas Leben Take für Take zerfällt.

»Callas Paris 1958«, Regie: Tom Volf, Frankreich 2023, 90 Min., Kinostart: heute

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  • Leserbrief von J. Kelle aus Düsseldorf (4. Dezember 2023 um 11:54 Uhr)
    Ich möchte eigentlich nicht fremdschämen, aber in diesem Fall schäme ich mich total für die junge Welt und ihrem Herausgeberteam. Steht im o.G. Artikel wortwörtlich: »Der im Glamour der ›Oberen Zehntausend‹ gebadete Film wirkt gerade jedoch zynisch, da wir Tag für Tag mit dem Elend des russischen Angriffs auf die Ukraine und in Nahost gegen Juden mit dem Blutrausch der Hamas konfrontiert sind.«
    Es ist beschämend, ja entsetzlich, eine solche katastrophale Einordnung in der jungen Welt zu finden. In Anbetracht des NATO-krieges gegen die Russischen Föderation und in Anbetracht der mehr als 5.000 ermordeten Kinder und noch mehr Frauen in Gaza und angesichts des Blutrausches der zionistischen Verbrecher: eine solche Aussage gehört mindestens präzise kommentiert oder besser sollte dieser Artikel unter diesen Umständen überhaupt nicht veröffentlicht werden.
    Was denkt sich der Autor, was denkt sich die Redaktion dabei? Ist das Opportunismus oder Gedankenlosigkeit? Beides passt nicht zu einer Tageszeitung mit marxistischem Anspruch.
  • Leserbrief von Christine Ullrich aus Berlin (4. Dezember 2023 um 10:30 Uhr)
    Ich habe den Film in 3sat gesehen. Ich war aber gut vorbereitet, denn ich hatte vor vielen Jahren das Buch »Griechisches Feuer« von Nicholas Gage (der auch das Buch „Eleni“ über das Leben seiner Mutter schrieb) gelesen. Maria Callas war das Kind der spießigen Zeit der 50/60er Jahre. Das Abnehmprogramm gehörte dazu, in der damaligen Zeit waren in den Abführmitteln Bandwurmeier, so dass sie so schnell zu dem gewünschten Ergebnis kam. Das Traurige war, dass sie fest daran glaubte, dass Onassis sie heiraten würde und seine Heirat mit Jacky Kennedy, ihr den Schock ihres Lebens versetzte. Gekränkt und gedemütigt lebte sie in ihrer Pariser Wohnung und man könnte sagen, sie starb am »Gebrochenen Herzen«.

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