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Aus: Ausgabe vom 01.12.2023, Seite 16 / Sport
Staatsfeind Fußballfan

Fakefans üben Randale

EURO 2024: Polizei in NRW zelebriert in Hochglanzmagazin das Stadion als Trainingslager. Fanhilfen kritisieren
Von Oliver Rast
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Fanzine Streife in Paderborn mit Handlungsanleitung: Topstory »Im Trainingslager für die Fußball-EM«

Es sieht aus wie ein Corteo: ein Fanmarsch im herbstlichen Ostwestfalen, zum Stadion des SC Paderborn 07. Der Tross von rund hundert Personen – phänotypisch männlich-sportlich-dynamisch – hat sich hinter dem Frontbanner versammelt. Ein schmuckloses Textil, flatsch­neuer blütenweißer Stoff, schmale grasgrüne Lettern: »Grünes Blut fließt durch unsere Adern.« Dazu ein Cliquenkürzel »GWD«, ausgeschrieben: »Grün-Weiß Dynamo«. Ein Bekenntnis, das Kohorten von Einsatzkräften mobilisiert. Die scharen sich in voller Montur samt Kolonnen von »Wannen« um den Aufzug. Auch das ein üblicher Escortservice für Anhänger des Fußballsports. Spieltagsweise.

Aber halt, bei näherem Blick auf die Fotostrecke auf den Hochglanzseiten wird klar: ein Schauspiel, eine Trockenübung teils mit Rollentausch. Auf beiden Seiten Polizisten. »Im Trainingslager für die Fußball-EM«, titelt Streife, das »Magazin für die Polizei in Nordrhein-Westfalen«, in seiner Jahresauftaktnummer. Aufschlussreich die Unterzeile der Topstory im Reportagestil: »Vor dem Stadion: Jasmin Schulte-Ortbeck (37) leitet die 9. Gruppe der Bereitschaftspolizei Recklinghausen und holt Randalierer aus dem Fanbus.« Feindbild geklärt.

Auf die illustrierte Handreichung für uniforme Praktiker machte am Mittwoch ein Fanvertreter aus NRW junge Welt aufmerksam. Die liege im Foyer des Landesinnenministeriums in Düsseldorf herum. Kein Wunder, das Streife-Editorial verantwortet Ressortchef Herbert Reul. Die Vorbereitungen für die Europameisterschaft 2024 liefen auf Hochtouren, schreibt der CDU-Politiker. Zumal vier von zehn Austragungsstätten im bevölkerungsreichsten Bundesland liegen. Hunderttausende Friedfertige kämen an Rhein und Ruhr, gleichfalls »Hooligans und andere Krawallmacher«. Um gewappnet zu sein, übten »Fakefans« im EM-Vorfeld spielerisch den Notstand.

Damit der ausbleibt, gibt es eine Projektgruppe. Die hat der Unterausschuss »Führung, Einsatz und Kriminalitätsbekämpfung« (UA FEK) der Innenministerkonferenz einberufen. Polizeien aller Länder und des Bundes sind dort vertreten, ferner je ein Vertreter der AG Kripo und des Strafrechtsausschusses der Justizministerkonferenz. Ihr Job: ein bundesweit einheitliches Rahmenkonzept für »Team Grün« entwickeln samt »hoher Sicherheitsstandards«, heißt es in Streife. Hinzu kommt: Im Vergleich zur WM seien bei einer EM mehr Partien zu erwarten, bei denen sich »rivalisierende oder feindschaftliche Fanverhältnisse ergeben«, meint Projektgruppenchef Dirk Hulverscheidt.

Liegt Krawall in der Luft, kommt die Stunde für die 37jährige Polizeihauptkommissarin aus der Unterzeile der Headline. Sie leitet nämlich Zugriffskräfte, die angeblich identifizierte »Randalierer und Störer« etwa aus Reisebussen herausholen sollen. Der Stoßtrupp gehe indes erst »rein«, wenn äußere und innere Absperrung des Areals stehen, und die sogenannte Bearbeitungsstraße, in der »Fan­kriminelle« erfasst werden, eingerichtet worden ist.

Was sagen Paderborner Klubbosse zu den Kulissenschiebern vor ihren Stadiontoren? »Profifußball ist ohne Polizei aktuell nicht mehr möglich«, wird deren CEO Martin Hornberger in Streife zitiert. Bloß, wer verschärft die Lage tatsächlich? An vorderster Front stünden oft Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten, kurz BFE, der Landespolizeien und Bundespolizei, sagte der Dortmunder Rechtsanwalt Stefan Witte am Donnerstag jW. Diese seien häufig an Eskalationen beteiligt »und treten auch nicht kommunikativ auf«, so das Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht im Deutschen Anwaltverein weiter. Alles abwegig, findet Erich Rettinghaus, NRW-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), auf jW-Nachfrage. Warum? Jegliches Einsatzmittel der BFE obliege der Verhältnismäßigkeit unter Beachtung des Übermaßverbots.

Aktive Fans kontern. Beispiel Drohnen. Diese würden »mittlerweile bei fast jedem Spieltag eingesetzt«, berichtete ein Sprecher der Fanhilfe Dortmund gegenüber jW. Zum anlasslosen Filmen von Anhängern. Die örtliche Polizei rechtfertige solche Spähflüge für eine »Gefahrenprognose« allein mit der Personendichte rund um das Westfalenstadion. »Wir prüfen das gegenwärtig und werden diese Praxis gegebenenfalls gerichtlich bewerten lassen.«

Nur, was sonst tun? Das einfachste wäre, so Fanhelfer von Preußen Münster, weniger Polizeipräsenz im Umfeld von Fußballspielen. »Das vermeidet zahlreiche Konflikte.« Nebenbei Überstunden durch rumstehen oder im Wagen sitzen. Und nicht zuletzt inszenierte Lehrausflüge von »Team Grün« in die Welt einer nicht verstandenen Fankultur.

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