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Aus: Ausgabe vom 01.12.2023, Seite 15 / Feminismus
Sexuelle Rechte

Sex und Behinderung tabuisiert

Peinlich berüht: Aufklärung von und durch Eltern und Betreuende notwendig
Von Annika Geis
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Teilhabe eingefordert – auch beim Christopher Street Day in Berlin (27.7.2019)

Jeder zehnte in Deutschland ist schwerbehindert. Das sind etwa 7,8 Millionen Menschen, die einen Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent im Schwerbehindertenausweis nachweisen können. Obwohl ihr Anteil in Deutschland hoch ist, ist der inklusive Umgang mit Diversität sowie die Selbstverständlichkeit der Präsenz von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft ausbaufähig. Daran erinnert auch der internationale Tag von Menschen mit Behinderung am 3. Dezember.

Besonders das Thema Sexualität ist noch immer mit einem Tabu belegt. Das Problem liegt hier meist an mangelnder Aufklärung. Noch immer herrscht große Unsicherheit im Umgang mit sexueller Selbstbestimmung von Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Mehr noch, häufig wird insbesondere Menschen mit geistiger Behinderung das Recht auf Sexualität vollständig abgesprochen. Dabei geht es um ein Grundbedürfnis. Das menschliche Verlangen nach Freundschaft, Liebe und Zärtlichkeit unterscheidet sich nicht – mit oder ohne Behinderung. Der Verband Pro Familia, der sich für sexuelle und reproduktive Rechte einsetzt, bezieht sich hier auf Artikel zwei im Grundgesetz: »Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit«, damit weist er auf das allgemeine Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hin.

»Ich habe den Eindruck, dass es den Eltern, Betreuenden oder auch Mitarbeitenden in Pflegeeinrichtungen oft an Wissen fehlt, wie man bei sexuellem Verlangen von Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung unterstützen kann. Viele sind peinlich berührt und vermeiden es, über Liebe und Sexualität zu sprechen«, so Dorothe Knupfer. Sie ist Rehabilitationspädagogin sowie Sexualpädagogin und beschäftigt sich mit der Anerkennung sexueller Bedürfnisse in Pflegeeinrichtungen. In ihrer Berliner Pflegeeinrichtung gibt es seit vielen Jahren eine AG »Sexualität und Behinderung« für den offenen Austausch der Mitarbeitenden. Dennoch beobachtet sie immer wieder, dass Betreuende bestimmte Themen meiden. Dazu kommt, dass sie häufig in einem Spannungsfeld stehen, um einerseits die Wünsche und sexuellen Bedürfnisse zu respektieren und andererseits die Vorgaben des Umfeldes einzuhalten.

Weil viele über die Rechtslage nicht Bescheid wissen oder mit den individuellen Situationen überfordert sind, spricht die Sexualpädagogin in Workshops über die Möglichkeiten und Herangehensweisen, geht auf Gefahren ein oder vermittelt den Bewohnerinnen und Bewohnern Pornokompetenzen. Hierbei klärt sie etwa über Stigmatisierungen von Frauen in der Pornoindustrie auf, weist auf vertrauenswürdige Plattformen hin oder spricht direkt über die individuelle Lust und das sexuelle Bedürfnis. Durch diese Gespräche gelinge es, Bewusstsein zu schaffen, ein unverfälschtes Realitätsbild zu entwerfen und einen respektvollen Umgang miteinander zu erzielen. Wie bei Menschen ohne Behinderung ist sexuelle Aufklärung bei Menschen mit Behinderung frühzeitig sinnvoll.

Wie können Eltern von Kindern mit Behinderungen sexuelle Aufklärung unterstützen? Hier sei die Frage, inwiefern es die Möglichkeit gibt, darüber zu sprechen. Generell sei wichtig, dass sich Eltern und Bezugspersonen Wissen über sexuelle Aufklärung aneignen, »Körperteile richtig benennen und die Kinder mit Behinderung in ihren sexuellen Belangen unterstützen – auch im Hinblick darauf, dass sexuelle Grenzverletzungen nicht stattfinden«, so Knupfer weiter. Persönliche Schamgrenzen würden meist aus Unwissenheit über Intimitätsgrenzen überschritten.

Nach aktuellen Angaben des Bundesministeriums (BMFSJ) hat jede dritte bis vierte Frau mit Behinderung in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt und Grenzüberschreitungen erfahren. Die Notwendigkeit, das Thema Sex zu enttabuisieren, ist daher besonders hoch. So sieht es auch Dorothee Knupfer: »Es beginnt schon bei der einfachen Privatsphäre. Klopft jede Person vor dem Eintreten an? Wir alle wünschen uns einen respektvollen, selbstbestimmten Umgang – eben auch in bezug auf Sexualität.«

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